JAGD: Jäger fürchten die Wildschweine

Im Kanton Luzern breiten sich Wildschweine aus. Deren Bejagung ist sehr aufwendig. Und die Borstentiere verursachen mitunter grosse Flurschäden. Nun ist der Gesetzgeber gefordert.

Thomas Heer
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Können enorme Flurschäden anrichten: frei lebende Wildschweine. (Bild Getty)

Können enorme Flurschäden anrichten: frei lebende Wildschweine. (Bild Getty)

Es ist Anfang Januar an einem Freitagabend. Die Probe des Männerchors Egolzwil-Wauwil ist beendet. Zeit also für Guido Gassmann, der im Chor die Fraktion der Basssänger verstärkt, ins Auto zu steigen und den Heimweg anzutreten. Während der Fahrt durch die Dunkelheit beobachtet Gassmann auch aufmerksam, was sich links und rechts der Fahrbahn abspielt. Denn von einem Bekannten hat er von Wildschweinspuren erfahren, die kürzlich in der Gegend gesichtet wurden. Könnte ja sein, dass er in dieser Nacht Exemplare dieser Paarhufer-Art zu Gesicht bekommt.

Und tatsächlich dauert es nicht lange, bis sich Gassmanns kühnste Vorstellungen übertreffen. Im Scheinwerferlicht macht er nämlich unvermittelt acht ausgewachsene Wildschweine aus. «Als ich die Tiere sah, bin ich ziemlich erschrocken», erinnert sich Gassmann an seine Beobachtung, die in dieser Art im Kanton Luzern höchsten Seltenheitswert hat. Der Landwirt hofft, dass sich diese Säugetierart auf dem Kantonsgebiet nicht zu einer Plage ausweitet, denn der Bauer weiss, wie Wildschweinrotten der Landwirtschaft zusetzen können.

Reto Fischer ist Fachspezialist Jagd im Aargau, der neben dem Tessin schweizweit die wohl höchste Wildschweindichte aufweist. Fischer hat Kenntnis von einzelnen Schadenfällen, die Kosten von bis zu 20 000 Franken verursachten. Fischer sagt weiter: «Im Jahr 2013 verzeichneten wir auf Kantonsgebiet Wildschweinschäden in der Höhe von rund 780 000 Franken.»

Schnell wachsende Populationen

Mit den Schäden kommen auch die Jäger ins Spiel. Denn das Gesetz sieht vor, dass für die Kosten in Luzern je hälftig der Kanton und die jeweiligen Jagdgesellschaft aufzukommen hat. Mit dem Anwachsen der Wildschweinpopulation im Kanton Luzern könnte das für die eine oder andere Jagdgesellschaft künftig gravierende Auswirkungen haben. Im Aargau kam es 2013 gar so weit, dass die Jäger des Reviers Olsberg-Nord und Rheinfelden-West ob der horrenden Schadenzahlungen kapitulierten und sich auflösten.

So weit ist es im Kanton Luzern noch lange nicht. Otto Holzgang, Abteilungsleiter Natur, Jagd und Fischerei bei der Dienststelle Landwirtschaft und Wald, geht davon aus, dass sich auf dem Kantonsgebiet heute rund ein Dutzend Wildschweine aufhalten. Holzgang weiss aber auch, dass sich dies rasch ändern kann. Denn die Borstentiere vermehren sich rasant. Eine Verdreifachung der Population innert Jahresfrist ist möglich.

Urs Kunz präsidiert die Sektion Hinterland der Revierjagd Luzern. Kunz sorgt sich, wie die Jäger im Zusammenhang der Wildschweine künftig agieren sollen. Den diesjährigen Sektionskurs vom Frühling hat er vorsorglich schon einmal dem Thema Schwarzwild gewidmet. Kunz will einen Experten als Referenten gewinnen, der die hiesigen Waidmänner darüber aufklärt, wie die Tiere am effizientesten zu bejagen sind. In Fachkreisen geht man nämlich davon aus, dass zur Erlegung eines einzigen Wildschweins bis zu 70 Stunden aufgewendet werden müssen.

Kunz moniert auch, dass zur Treibjagd auf Wildschweine nur eigens dafür trainierte Hunde eingesetzt werden dürfen. Er sagt: «Ein solcher Lehrgang wird in der Schweiz aber gar nicht angeboten.» Und er wirft die Frage auf: «Wie also sollen wir dann Hunde einsetzen können?» Kunz sitzt als Vertreter der CVP im Kantonsrat. In den kommenden Monaten will er diesbezüglich im Parlament aktiv werden und die seiner Ansicht nach nötigen Gesetzesrevisionen anstossen.

Artenvielfalt ist erwünscht

Das Jagdgesetz wird und muss in den kommenden Jahren überarbeitet werden. Das steht auch für Otto Holzgang ausser Frage. Eine Diskussion zu Details will er zum heutigen Zeitpunkt jedoch keine führen. Er lässt aber immerhin durchblicken, dass der bereits erwähnte Kostenteiler zwischen Kanton und Jagdgesellschaften in Bezug auf die Wildschadenzahlungen überdacht werden muss.

Holzgangs generelle Haltung zum Schwarzwild lässt sich in etwa so zusammenfassen: Das Wildschwein erhöht die gewünschte Artenvielfalt in der Region. Die Wildschäden dürfen aber nicht ausufern. Wie die Tierart künftig am besten zu bejagen ist, darüber kann Holzgang kein allgemein gültiges Rezept aus dem Ärmel schütteln. Die Erfahrungen anderer Kantone wie beispielsweise dem Aargau würden aber abgeholt werden. Und: Die Jagdgesellschaften kämen künftig nicht umhin, das Schwarzwild revierübergreifend zu bejagen.