Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

JUBILÄUM: «Morgarten haben nur wir»

Die legendäre Freiheitsschlacht liegt 700 Jahre zurück, es darf gefeiert werden. Der Morgarten- Experte und Sattler Gemeindeschreiber Pirmin Moser über einen beliebten Mythos mit touristischem Potenzial.
Interview Annette Wirthlin
«Was effektiv Fakt ist, ist sehr, sehr wenig»: Pirmin Moser vor einer historischen Darstellung der Schlacht bei Morgarten auf der Fassade des neuen Informationszentrums im Weiler Schornen zwischen Oberägeri und Sattel. (Bild: Stefan Kaiser / Neue ZZ)

«Was effektiv Fakt ist, ist sehr, sehr wenig»: Pirmin Moser vor einer historischen Darstellung der Schlacht bei Morgarten auf der Fassade des neuen Informationszentrums im Weiler Schornen zwischen Oberägeri und Sattel. (Bild: Stefan Kaiser / Neue ZZ)

Interview Annette WIrthlin

Gefragt nach Ihren Hobbys, geben Sie Folgendes an: «Morgarten». Ich ­hätte eigentlich eher so was wie wandern, Töff fahren oder Briefmarken sammeln erwartet.

Pirmin Moser: Na gut, wenn Sie so fragen: Bei mir stehen vor allem Skifahren und Velofahren hoch im Kurs. Liegt ja auch beides quasi vor der Haustüre. Aber was seit bald zwei Jahren den grössten Teil meiner Freizeit in Anspruch nimmt, ist tatsächlich das Thema Morgarten und die bevorstehende 700-Jahr-Feier in deren OK ich sitze.

War Ihnen als gebürtiger Sattler ­immer bewusst, dass Sie an einem geschichtsträchtigen Ort wohnen?

Moser: Ja, das war und ist hier sicherlich jedem Einwohner bewusst. Es erfüllte mich schon als Kind mit Stolz. An die Helden von Morgarten glaubte man damals ja noch uneingeschränkt.

Wann sahen Sie das Morgartendenkmal, das an die erste Freiheitsschlacht der Eidgenossen im Jahr 1315 erinnert, zum ersten Mal?

Moser: Ich erinnere mich vor allem daran, wie ich als Primarschüler stolz war, als ich in Sattel beim Umzug an der Schlachtfeier am 15. November eine ­Fahne tragen und mit den Grossen mitmarschieren durfte. Das Denkmal, das 1908 unten am Ägerisee von den Zugern nach einem riesigen Denkmalstreit erstellt wurde, geriet erst viel später irgendwann in mein Bewusstsein.

Was war das für ein Streit?

Moser: Die Frage, wo die Schlacht bei Morgarten tatsächlich stattgefunden hat – auf Schwyzer oder auf Zuger Boden –, führte am Anfang des letzten Jahrhunderts nochmals zu einem regelrechten «Morgartenkrieg».

Man sollte denken, eine Schlacht sei nichts Erbauliches. Trotzdem wollten sie beide Kantone für sich haben?

Moser: Ja, denn die Aussagen, die Morgarten für die Politik und das Leben von damals machte, waren sehr wichtig. Alle wollte natürlich von den «Helden von Morgarten» profitieren. Deshalb stritten sich die Kantone darum, wem diese Schlacht gehört beziehungsweise wo das Denkmal hinsoll. Aus heutiger Sicht ist der wunderschöne Standort am Ägerisee genau richtig, denn Mor­garten gehört nicht nur den Schwyzern, sondern auch den Zugern und der ganzen Schweiz.

Wo genau fand denn die Schlacht wirklich statt?

Moser: Das Schlachtgelände befand sich am Fuss des Morgartenbergs, man weiss nicht exakt wo, aber es muss sich irgendwo zwischen dem Denkmal auf Zuger Boden und dem heutigen Dorf Sattel im Kanton Schwyz abgespielt haben. In diesem Sinne wird ja nun auch die 700-Jahr-Feier gemeinsam von den zwei Kantonen finanziert und gestaltet.

Sie haben vermutlich alles gelesen, was je über die Schlacht geschrieben wurde. Was finden Sie daran so interessant?

Moser: Die Schweizer Geschichte und Geschichte überhaupt hat mich schon als Primarschüler fasziniert. Ich habe, als ich noch Lehrer war, immer sehr gerne Geschichte unterrichtet. ­Geschichte ist eben nicht nur eine trockene, verstaubte Materie, sondern sie kann auch sehr dynamisch sein, wie ein Abenteuer, das in unser tägliches Leben mit hineinspielt.

Seit 27 Jahren sind Sie Gemeindeschreiber von Sattel. Sind Sie so etwas wie das Gedächtnis der Gemeinde?

Moser: Vielleicht kann man das so sagen. Zwar gilt das Gemeindearchiv als Gedächtnis einer Gemeinde, aber da ich derjenige bin, der Zugriff zum Archiv hat, habe ich nach all den Jahren schon so einige Details im Kopf. Wenn jemand aber eine wichtige Information braucht, komme ich nicht darum herum, das Archiv zu konsultieren – vielleicht erinnere ich mich ja auch einmal falsch.

Ursprünglich waren Sie Primarlehrer. Haben Ihre Schüler neben der Schlacht bei Morgarten im Geschichtsunterricht auch noch etwas anderes gelernt?

Moser: Aber sicher! Ich nahm den Geschichtsunterricht schön brav nach Lehrplan durch. Morgarten war einfach eine der Episoden, die ich besonders gut rüberbringen konnte, weil ich hier jeden Quadratmeter wie meine eigene Hosentasche kenne. Kürzlich kam bei einer Führung ein Mann auf mich zu, der sich als ehemaliger Schüler entpuppte und heute selber Geschichtslehrer ist. Er sagte, es sei lässig gewesen bei mir im Unterricht. Dieselbe Rückmeldung ­bekam ich schon öfter – auch von Mädchen, die ja meist nicht die grössten Fans dieses Schulfachs sind. Das freut mich natürlich sehr.

Was ist denn jetzt eigentlich historisch wirklich gesichert über diese Schlacht bei Morgarten?

Moser: Man weiss, dass die Schwyzer in dieser Gegend am 15. November 1315 ein habsburgisches Heer, welches vom Bruder des Königs angeführt wurde, überfallen und unter grossen Verlusten in die Flucht geschlagen haben. Punkt. Das ist alles, was man weiss.

Darüber, wie viele Kämpfer auf beiden Seiten involviert waren, scheinen sich die Geschichtsschreiber nicht einig zu sein.

Moser: Man geht davon aus, dass etwa 1500 Ritter und 12 Eidgenossen in der Schlacht umgekommen sind. Aber man weiss schlicht und ergreifend nicht, wie viele da waren und wie viele starben. Damals hat es niemand aufgeschrieben. Je länger man sich die Geschichte erzählte, desto grösser wurden die Zahlen. Vor allem das habsburgische Heer und die Anzahl Tote auf jener Seite wuchsen ominös an. Den Chronisten von damals ging es ja nicht in erster Linie darum, die Geschichte authentisch niederzuschreiben ...

... sondern?

Moser: Sondern darum, zu illustrieren, wie sich die unterdrückten Schwyzer Bauern gegen einen viel stärkeren Gegner erfolgreich wehrten. Die Geschichtsschreiber arbeiteten immer im Auftrag von jemandem, der mit den Aufzeichnungen eine bestimmte Botschaft vermitteln wollte. Bezeichnend ist, dass die Beschreibungen der Schlacht umso detailreicher wurden und die Steine umso grösser, desto länger das Ereignis zurücklag. Was effektiv Fakt ist, ist sehr, sehr wenig.

Ganze Steinbrocken und ­Baumstämme sollen die Schwyzer auf die Habs­burger niederprasseln lassen haben ... Wie muss man sich das vorstellen?

Moser: In einer der ersten Darstellungen sieht man Krieger, die faustgrosse Steine werfen. Das gehörte damals zu den Kriegstaktiken – es bringt Pferde zum Scheuen und die Reiter aus dem Sattel. Wenn man Wege versperren wollte, fällte man einige Bäume und liess sie über den Weg fallen. Es ist also durchaus möglich, dass Baumstämme und Steine eine Rolle spielten. Vielleicht ist das Ganze aber auch symbolisch zu verstehen. Gegen «Trämel» und Felsbrocken kann man nichts tun, das ist wie eine Naturgewalt. Irgendwie mussten die «unbesiegbaren» Ritter ja erklären, wie sie von vermeintlich einfachen Bauern geschlagen werden konnten.

Haben uns die Geschichtsschreiber vielleicht einen Bären aufgebunden und alles nur erfunden?

Moser: Die «Morgarten-Medaille» hat zwei Seiten. Auf der einen Seite steht die Geschichte, und die ist in einem Satz erzählt, wie Sie gesehen haben. Auf der anderen Seite stehen viele Geschichten, sprich Mythen, die sich um die Schlacht ranken. Der Mythos von Morgarten ist viel umfangreicher dokumentiert und besser erforscht als die eigentliche Schlacht – und auch seine Wirkung ist nachhaltiger. Bereits drei Jahre nach der Schlacht, 1318, schüttelten sich die verfeindeten Parteien nämlich die Hand und unterzeichneten einen Friedensvertrag.

Ein militärisch eher unbedeutendes Ereignis also, das seine Wichtigkeit erst viel später erlangte?

Moser: Genau. So wichtig sogar, dass man 700 Jahre später 5 Millionen für einen Jubiläums-Event investiert und unter anderem ein ganzes Informationszentrum baut. Das ist auch das Faszinierende an Morgarten. Geschichte und Geschichten sind wertvoll, und man soll beides pflegen, aber nicht vermischen. Im neu gebauten Informationszentrum werden im unteren Stock die nüchternen Fakten zur Schlacht aufgezeigt, oben geht es dann um die Mythen. Es ist nämlich nicht ganz ehrlich, wenn Geschichte und Mythos vermischt werden. Im Ersten und im Zweiten Weltkrieg wurde der ­Morgarten-Mythos noch gerne als Geschichte verkauft, um den Wehrwillen zu stärken.

Was bringt der Mythos der Region heute im touristischen Sinn?

Moser: Die 700-Jahr-Feier ist nicht zuletzt auch ein Tourismusprojekt. Wie schon 1908 bei der Erstellung des Denkmals geht es uns auch heute darum, Gäste hierher zu bringen. Zu den beiden Morgartenschiessen kommen jedes Jahr etwa 3000 Leute – dies praktisch ohne Marketingaufwand. Wenn jeder von ihnen hier 100 Franken ausgibt, ergibt das 300 000 Franken touristische Wertschöpfung an einem einzigen Tag – aus einem Ereignis, das Hunderte von Jahren vorher stattgefunden hat.

Dann wird es heuer im Jubiläumsjahr sicher noch ein x-Faches mehr sein.

Moser: Ja. Es sind zum Beispiel bis dato für dieses Jahr schon mehr als 50 Führungen mit über 1000 Leuten gebucht worden, das ist fast das 10-fache von einem normalen Jahr. Es ist so: Morgarten strahlt weit über die Kantonsgrenzen hinaus. Es ist eine Marke mit Alleinstellungsmerkmal. Morgarten haben nur wir, das kann uns niemand nachmachen.

Sind Sie ein Patriot?

Moser: Ja, momoll, ich würde schon sagen. Ich habe die Schweiz sehr gerne. Es ist auch relativ einfach, in der Schweiz Patriot zu sein, denn die Schweiz ist in verschiedener Hinsicht ein sehr erfolgreiches Land.

Der heutige Weiler Morgarten hat drei Res­taurants, zwei Campingplätze, ein Schulhaus und 770 Einwohner. Was sind das für Menschen, die hier leben?

Moser: Die sind, wie wir Sattler auch, recht stolz auf «ihr Morgarten». Wenn Sie durchs Ägerital fahren, sehen Sie seit Wochen fast an jedem Haus eine Fahne «700 Jahre Abenteuer Geschichte» hängen. Die Leute hier identifizieren sich sehr stark mit dem Ereignis. Die Morgärtler, die hier aufgewachsen sind, sind charakterlich schon etwas anders als beispielsweise die Oberägerer, zu denen sie politisch gehören. Wenn man sich mit den Leuten unterhält, spürt man, dass sie ein Stück heimatverbundener, konservativer sind.

Gäbe Ihnen eine Zauberfee die Möglichkeit, den 15. November 1315 zu erleben, was würden Sie tun an diesem Tag?

Moser: Da ich nicht umkommen ­möchte, würde ich den Tag in der Rolle des Herzogs Leopold verbringen, denn von ihm ist gesichert, dass er davongekommen ist. Vielleicht würde ich dann endlich etwas über die wahren Hintergründe des Ereignisses erfahren. Wenn ich es mir aber recht überlege, würde ich die Schlacht noch lieber aus sicherer Distanz mit einer modernen Flugdrohne mitverfolgen.

Mit welcher Persönlichkeit aus der damaligen Zeit würden Sie sich am liebsten zum Kaffee treffen?

Moser: Landammann Heinrich Stauffacher, der zu jener Zeit in Amt und Würde war. Es wäre interessant zu erfahren, wie die das damals bewältigten. Man weiss auch äusserst wenig über das Alltagsleben der damaligen Zeit, denn schreiben konnten damals nur die sehr Gebildeten, und Zeitungen gab es noch nicht. Wir haben hier das älteste Holzhaus von Europa aus dem Jahr 1186 wieder frisch aufgebaut. Es war ein Herrschaftshaus, es gehörte also einem reichen Menschen. Stauffacher als Mitglied der damaligen Oberschicht könnte mir sicher erzählen, wie es sich darin so lebte.

Sie machen seit Jahren Führungen rund um das Gebiet der Schlacht. Was war die «­kurligste» Frage, die ­Ihnen schon gestellt wurde?

Moser: Morgarten kennt grundsätzlich jeder in der Schweiz. Man muss niemandem erklären, dass es sich nicht um einen Brotaufstrich handelt. Komische Fragen gibt es eigentlich nie. Die meistgestellte ist jedoch die, ob man jemals etwas gefunden habe, etwa eine Ritterrüstung.

Und was sagen Sie drauf?

Moser: «Leider nein.» Bisher gibt es – ausser der Morgartenfahne im Bundesbriefmuseum – keine öffentlich bekannten wissenschaftlich erhärteten Artefakte aus der Schlacht. Die Leute müssen damals gründlich aufgeräumt haben. Alles Wertvolle wurde als Beute verwertet, und da man hier auch lebte, wollte man sicher keine Leichen herumliegen lassen. Aber wie schon gesagt, Geschichte ist dynamisch und ist ein Abenteuer ...

Verraten Sie uns ein Detail über Morgarten, das kaum jemand weiss?

Moser: Früher hiess der heutige Weiler Morgarten eigentlich Hauptsee. Aus touristischen Gründen und mit dem Segen der Zuger Regierung und der eidgenössischen Postdirektion wurde es auf Gesuch des Verkehrsvereins Oberägeri-Morgarten hin im Jahr 1909 umbenannt.

Als VR-Mitglied der ­Sattel-Hochstuckli AG sind Sie sicher ein Fan von Seilbahnen. Was fasziniert Sie daran?

Moser: Seilbahnen bringen einen in die Höhe. Höhe heisst Überblick, und ich habe gerne den Überblick – sowohl über geschichtliche Ereignisse als auch über die Landschaft. Die Vogelperspektive ist besser als diejenige des Frosches, der immer nur sein eigenes Gärtchen anschaut.

Wenn Sie den Tourismus hier so direkt vor der Haustüre haben, gehen Sie dann selber noch auf Reisen?

Moser: Klar, man wird ja nur schlauer, wenn man sich auch andere Dinge anschaut. Ich gehe gerne ins Ausland und begebe mich in die Rolle des Gastes. Dann bin ich einmal der, der einen Wegweiser vermisst und nicht mehr weiss, wo es langgeht. Die nächste grosse Reise, die ich mit meiner Frau am Planen bin, geht nach Kuba. Ein Land im Aufbruch.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.