Kommentar «Chefsache»
Faule Studis? Das Thema gehört auf den Tisch

«Absitzen und sich durchs Studium kiffen»: Eine Wirtschaftshistorikerin der Universitäten Luzern und Basel übt harsche Kritik an der Einsatzbereitschaft der studierenden und berufseinsteigenden Geisteswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler. Was sie sich deswegen anhören muss, ist inakzeptabel. Denn auch wenn ihre Thesen steil sind, die Thematik ist von hoher öffentlicher Relevanz.

Jérôme Martinu, Chefredaktor
Jérôme Martinu, Chefredaktor Jetzt kommentieren
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Eine Vorlesung an der Universität Luzern. Wie viele Studentinnen und Studenten folgen eigentlich den Ausführungen des Dozenten?

Eine Vorlesung an der Universität Luzern. Wie viele Studentinnen und Studenten folgen eigentlich den Ausführungen des Dozenten?

Symbolbild LZ

Es ist eine Empörungswelle sondergleichen, die Andrea Franc entgegenschlägt. Die an der Uni Luzern lehrende Wirtschaftshistorikerin hatte in einem Interview mit der NZZ den Studierenden der Geisteswissenschaften Bequemlichkeit und mangelnden Ehrgeiz in der Berufswelt vorgeworfen. «Absitzen und sich durchs Studium kiffen», um sich nach Abschluss in vergleichsweise unterbezahlten Teilzeitjobs nicht in den Lohn- und Steuergeldkreislauf einzureihen, den die Gesellschaft nach dem hauptsächlich staatlich finanzierten Studium erwarten dürfte. Das sass.

Die Reaktionen sind massiv. Auch beleidigend, beschimpfend, frauenfeindlich – völlig inakzeptabel. Man spricht Franc gar Qualifizierung und Recht ab, sich überhaupt zum Thema zu äussern. Einer seit 2019 habilitierten Frau also, die in Luzern als Lehrbeauftragte wirkt, in Basel als Privatdozentin. Mein lieber Schwan! Ist das schon Meinungsterror?

Es ist klar, dass Studierende und Studierte nun protestieren. Schliesslich formulierte die Dozentin provokativ, polemisch, unnötig pauschalisierend – und ja, auch unpräzis. Aber ihre Aussagen sind auch: Mutig! Denn das Thema gehört auf den Tisch, weil sich hier Konstanten verschieben. Unser Sozialsystem fusst darauf, dass die Leute ihr beruflich-wirtschaftliches Potenzial ausschöpfen. Und Akademiker zahlen wegen der langen Ausbildung schon mal weniger lange in die Sozialwerke ein.

Die Zahlen zu den Erwerbsquoten, Arbeitspensen, Löhnen fünf Jahre nach Studienabschluss in den verschiedenen Fachbereichen sind einsehbar. Sie sind in der Auslegung – wie so oft – vielschichtig und streitbar. Wahr ist: Mit 55 Prozent ist der Anteil an Teilzeitarbeitenden bei den Geisteswissenschaften mit markantem Abstand am grössten.

Über 100 Luzerner Studierende verlangen nun, die Historikerin solle ihre Aussagen empirisch belegen. Das ist vermessen. Sie hat ein Interview gegeben und keine Forschungsarbeit vorgelegt. Und wen interessiert Empirie zu bekifften und Handygames spielenden Studentinnen und Studenten? Solche Einzelbeobachtungen gibt es wohl nicht nur im Geschichtsseminar.

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