Kommentar «Chefsache»
Kulturelle Aneignung? Diktatur der Minderheit ist inakzeptabel

Dürfen weisse Schweizerinnen und Schweizer Frisuren tragen oder Musik spielen, die aus einem anderen Kulturkreis stammt? Oder sollen solche Auftritte abgesagt oder gar abgebrochen werden, wenn sich jemand deswegen unwohl fühlt? Wichtige Luzerner Kulturhäuser wie Schüür, Neubad oder Südpol wollen sich nicht dazu äussern. Dabei wäre hier eine klare Haltung angesagt.

Jérôme Martinu, Chefredaktor
Jérôme Martinu, Chefredaktor 3 Kommentare
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Weil der österreichische Musiker Mario Parizek als Weisser eine Rastafrisur trägt, wurde sein Konzert im Zürcher Lokal «Das Gleis» von den Veranstaltern kurzfristig abgesagt.

Weil der österreichische Musiker Mario Parizek als Weisser eine Rastafrisur trägt, wurde sein Konzert im Zürcher Lokal «Das Gleis» von den Veranstaltern kurzfristig abgesagt.

Bild: zVg

Schon wieder haben sich einige «unwohl» gefühlt. Dieses Mal in einem Zürcher Lokal. Haarmode aus einem anderen Kulturkreis zu tragen, das sei eine unzulässige kulturelle Aneignung, so die Begründung für das Unwohlsein. Wie Ende Juli in Bern beim Abbruch eines Reggae-Konzerts, war die Folge auch in Zürich drastisch: Der Auftritt wurde kurzfristig abgesagt, weil der angekündigte weisse Musiker eine Rastafrisur trägt.

Unwohl fühlen sich auch wichtige Luzerner Kulturlokale: Südpol, Neubad und Schüür scheuen sich, überhaupt irgendetwas zu kultureller Aneignung sagen. Klar, sich beim derart emotional aufgeladenen Thema zu positionieren, ist ziemlich herausfordernd. Das Risiko ist gross, es sich mit einem Teil der eigenen Klientel oder einem Teil der Öffentlichkeit zu verderben.

Erst recht wäre Haltung gefragt. Denk- und Sprechverbote sind einer Demokratie unwürdig. Und es ist auch nicht zu viel verlangt, dass man als Bürgerin oder Bürger gerne wüsste, ob diese mit Steuergeld subventionierten Kulturhäuser sich in ähnlichen Fällen ebenfalls einer kleinen Gruppe beugen würden, die sich «unwohl» fühlt.

In Tat und Wahrheit ist das nichts anderes als eine Diktatur der Minderheit. Und das ist inakzeptabel. Denn in unserer so bewährten wie stabilen Demokratie mit ihrem ausgeprägten Minderheitenschutz sind wir es uns gewohnt, die Dinge offen auszudiskutieren, um danach Mehrheitsentscheide zu fällen und umzusetzen.

Interessant am unnötigen Streit um kulturelle Aneignung ist, dass sich die links-kulturelle Szene dabei selber beübt. Also diejenigen, die sich – was gar nicht per se schlecht ist – bei jeder guten Gelegenheit Toleranz und Multikulturalismus gross auf die Fahnen schreiben. Die Ironie: Das Selbstbashing verschafft just der weltanschaulichen Gegnerschaft Auftrieb.

Kulturelle Aneignung kann man durchaus als gesellschaftliches Problem identifizieren. Das gilt aber ebenso für die Gegenposition. Die Relationen müssen gewahrt werden. Mücken sind Mücken. Wenn eine Minderheit lärmender Aktivistinnen und Aktivisten dennoch eine Elefantenjagd veranstalten will, muss man ja nicht daran teilnehmen.

3 Kommentare
Jean-Jacques Illi

Danke Jérôme Martinu für diese klare Haltung! Und vor allem auch dem wichtigen Hinweis, dass in einer echten Demokratie, wie wir sie sein wollen, eine kleine Minderheit nicht die Mehrheit bodigen kann. Das geht einfach nicht. Ich möchte diese Auftritte erleben, auch in Luzern, und nicht kurz vorher erfahren, dass sie abgesagt worden sind wegen einer kleinen Minderheit. Weil sonst könnten wir bald unsere gewohntes Leben nicht mehr leben, wenn das Überhand nimmt. Die Gefahr ist real, dass sich ein falsches Demokratieverständnis sanft und leise einschleicht. Mit verheerenden Folgen für uns alle.

André Briw

Wenn ich in der LZ und in anderen Medien Beiträge über „kulturelle Aneignung“ lese, fühle ich mich sehr „unwohl“. Als Teil einer extrem kleinen Minderheit bitte ich die Medien deshalb, nicht mehr darüber zu schreiben, d.h. das Thema einfach zu ignorieren. Auch das wäre eine klare Haltung. Vermutlich wird „unwohl“ dann noch zum Wort des Jahres gekürt. Mensch, wir haben echt andere Probleme auf dieser Welt!