LZ-Weihnachtsaktion
Urner Bäuerin erleidet fatalen Unfall: «Dieses Geräusch werde ich nie vergessen»

Die Urner Bäuerin Edith Bissig erleidet bei einem Unfall eine langwierige Verletzung. Längst möchte sie wieder im Betrieb mitarbeiten. Doch immer noch kann sie nur an Krücken gehen. Wir helfen ihr und ihrem Mann.

Arno Renggli Jetzt kommentieren
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Die Urner Bäuerin Edith Bissig (55), mit ihrem Mann Andreas (58), kämpft seit über zwei Jahren darum, endlich wieder gesund zu werden.

Die Urner Bäuerin Edith Bissig (55), mit ihrem Mann Andreas (58), kämpft seit über zwei Jahren darum, endlich wieder gesund zu werden.

Bild: Eveline Beerkircher (13. Dezember 2022)

Es ist ein strahlender Sommertag mit blauem Himmel. Doch dieser Himmel wird für die Urner Bäuerin Edith Bissig mit einem Schlag schwarz. Einen ­Moment zuvor ist sie im Hang vor dem Hof mit dem linken Fuss in ein Kuhtrittloch eingesunken. Sie verliert das Gleichgewicht, dreht sich beim Fallen, während der Fuss stecken bleibt. Sie hört, wie etwas bricht, ein Geräusch, das sich in ihr Gedächtnis einbrennt. «Dieses werde ich nie mehr vergessen», sagt sie heute noch. Sofort spürt sie einen furchtbaren Schmerz im Bein, dazu eine starke Übelkeit. Dann wird ihr schwarz vor Augen.

Irgendwann wird der Himmel über ihr wieder blau. Der Schmerz nimmt ihr fast den Atem. Sie verspürt einen schrecklichen Durst. Auf dem Hang gegenüber wird einer ihrer Söhne auf sie aufmerksam. Dann auch ihr Mann Andreas. Sie eilen zu ihr. Noch weiss niemand, wie gravierend die ­Verletzung ist. Edith Bissig wird zum Notfallarzt gefahren.

Ausgerechnet da, wo der Körper besonders komplex ist

Erst genauere Untersuchungen zeigen, dass Ediths Bein knapp oberhalb des Fussgelenks gebrochen ist. An einer Stelle, wo es kompliziert wird, wo ein filigranes Zusammenwirken von ­Knochen, Sehnen und Muskeln herrscht. Sie wird operiert, nach drei Monaten soll sie wieder arbeiten ­können, so heisst es. Drei Monate sind eine lange Zeit, besonders auf einem Bauernhof in 1100 Metern Höhe, Bergzone 4: karg, steil, strengwerchig.

Hier leben Menschen, die wie schon Andreas Bissigs Grossvater bereit sind, für Erträge mehr zu arbeiten als anderswo.

Und die zugleich wertvolle Landschaftspflege leisten, in einer ­Region, die gerade in wärmeren ­Jahreszeiten als Erholungsgebiet sehr vielen Menschen wichtig ist.

Edith Bissig und ihr Mann Andreas, seit 31 Jahren verheiratet, sind ein eingespieltes Team. Sie ergänzen sich, jeder weiss, was zu tun ist, oft braucht es nicht einmal Worte. Plötzlich fehlt die Hälfte dieses Teams. Nicht nur für drei Monate. Viel länger. Inzwischen seit zweieinhalb Jahren. Denn es ist nach der Operation nicht besser geworden. Die Schmerzen wollen nicht weichen, Edith kann weiterhin nicht gehen, geschweige denn im Betrieb arbeiten.

Stattdessen macht sie schmerzvolle Physiotherapien. Als sie bei den Übungen merkt, dass da immer noch etwas nicht stimmt, kann sie es den Ärzten ­zunächst nicht klarmachen. Erst als sie von sich aus eine Zweitmeinung einholt, wird die Komplikation richtig ­erkannt, etwa die entzündeten Sehnen zwischen Wadenbein und Fuss.

«Menschen, die mich kennen, reagierten geschockt»

Es ist eine anstrengende, leidvolle Zeit. Edith geht zur Therapie, auch daheim muss sie täglich stundenlange Übungen machen. Zugleich bleibt sie praktisch an einen Stock im Haus gefesselt, kann kaum Treppensteigen, wenn sie an die frische Luft möchte, geht das nur im Rollstuhl. Will sie Einkäufe machen, muss sie gefahren und dann geschoben werden. «Menschen, die mich kennen, reagierten geschockt, als sie mich im Rollstuhl sahen.» Erschwerend kommt hinzu, dass ihr Mann Andreas ebenfalls gesundheitliche Probleme hat und zwei Operationen über sich ergehen lassen muss. Längst brauchen die beiden Hilfe. Und nicht alles kann von den ­erwachsenen Kindern übernommen werden, die selber alle berufstätig sind, die Tochter etwa auf dem Hof ihres Mannes. Die Kosten für Betriebshelfer, aber auch für die verschiedenen Behandlungen, erzeugen zusätzlichen Druck. Die LZ-Weihnachtsaktion sorgt mit einem Beitrag für etwas Entlastung.

«Zum Glück sieht mich die Therapeutin nicht»

Inzwischen kann Edith Bissig an Krücken etwas gehen. Bei unserem Besuch steigt sie damit sogar eine Treppe hinunter – ganz langsam. «Zum Glück sieht mich die Therapeutin nicht», nimmt sie es mit Humor. «Ich mache die Bewegungen nicht ganz so, wie ich sollte.» Noch immer hat sie starke Schmerzen, muss das pulsierende Bein oft hochlagern. Sie weiss nicht, ob und wann sie wieder gesund sein wird – einsatzbereit auch für die Arbeit auf dem Hof. Obwohl sie sich genau danach sehnt. «Es ist schwer, auch psychisch. Denn manchmal sind Schmerzen und Ängste grösser als die vorhandene Kraft. Immer wieder kommt es nach kleinen Fortschritten auch zu Rückschlägen.»

Darum will sie in ihren Wünschen und Hoffnungen bescheiden sein: «Ich muss ja nicht mehr jeden Hang hochklettern. Oder eine 6-stündige Wanderung machen. Ich möchte einfach wieder gehen und rund um den Hof arbeiten können.» Denn die Familie und der Hof sind ihr das Wichtigste. Es geht auch um die Zukunft. Auch damit einer der Söhne, der eine landwirtschaftliche Schule absolviert hat, diesen Betrieb dereinst weiterführen kann.

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