Weggis
Auftakt zur Sennenchilbi: Hier trifft Weihnachten auf Fasnacht

Zwei grosse Baumstämme, Musik aus Schwyzerörgeli und Alphorn, zahlreiche Gäste: Der Traditionsanlass in der Seegemeinde kann losgehen.

Chiara Z'Graggen
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Mehr als 500 Zuschauerinnen und Zuschauer haben dem Chilbi-Auftakt beigewohnt.

Mehr als 500 Zuschauerinnen und Zuschauer haben dem Chilbi-Auftakt beigewohnt.

Bild: Patrick Hürlimann (Weggis, 29. Oktober 2022)

Die Nacht weicht schleichend dem Tag, die Gassen und Strassen am Weggiser Seebecken sind noch nicht von den Sonnenstrahlen erwärmt. An diesem Samstagmorgen huschen zahlreiche Menschen durch das Dorf, grüssen von einem Trottoir zum gegenüberliegenden, die Augen ausschauend nach dem optimalen Plätzchen, um dem angekündigten Umzug zu frönen. Dem Verhalten ähnlich wie vor einem Fasnachtsumzug. Tatsächlich wird bald eine Weggiserin sagen: «Das isch ja wie Fasnacht.» Heute findet der Auftakt zur Sennenchilbi Weggis statt.

Knapp einen Kilometer vom Dorfplatz, dort, wo die Seestrasse in die Hertensteinstrasse übergeht, stehen zirka zwanzig Frauen, Männer und Kinder in weissen Hemden, wechseln letzte Worte. Während Ländlermusik die Stimmung untermalt, tippen die Kinder aufgeregt von einem auf den anderen Fuss. Die Zuschauerinnen und Zuschauer recken die Köpfe in ihre Richtung – alle sind in freudiger Erwartung auf den eigentlichen Akt, wo die beiden Kletterstämme zum Dorfplatz gebracht werden. Plötzlich übertönen Kuhglocken die Gespräche. «Gsehsch, jetzt chemets», sagt ein Urner Vater zu seinen zwei kleinen Kindern. Dann leuchten die Kinderaugen: Die zehn Kühe sind da, die Chilbisaison nah.

Zehn Kühe führen den Umzug an.

Zehn Kühe führen den Umzug an.

Bild: Patrick Hürlimann (Weggis, 29. Oktober 2022)

Alles setzt sich in Bewegung

Nachdem der Tross – zwei Landwirtschaftsfahrzeuge, zwei Pferde, die beiden Wagen mit den Baumstämmen – vorübergezogen ist, fällt auch für die Gruppe in Sennenhemden der Vorhang. Sie, die einige Autofahrer im Rücken haben, folgen stoisch dem Umzug, unter ständiger Beobachtung der Zuschauer am Strassenrand. Ab und an hebt sich eine Hand zum Gruss. Man kennt sich in Weggis.

Wie sehr alle Einwohnerinnen und Einwohner ins Fest involviert sind, wird der Mediensprecher der Sennengesellschaft Weggis später erklären:

«Beinahe jeder Weggiser hat an der Sennenchilbi eine Aufgabe.»

Doch zuerst marschieren auch die sechs Fahnenschwinger – drei im Knabenalter, drei junge Erwachsene mit schwarzer Jacke – gen Dorfplatz. Als sei ihre Kleidung das Äquivalent des schwarzen Gurts im Judo, schwingen sie die Fahnen synchroner und flüssiger um den Kopf mit einem grossen Wurf in Richtung Himmel, um sie dann unter dem Knie elegant durchzuschwingen.

Auch sechs Fahnenschwinger begleiten den Umzug (hier im Bild die drei jüngeren).

Auch sechs Fahnenschwinger begleiten den Umzug (hier im Bild die drei jüngeren).

Bild: Patrick Hürlimann (Weggis, 29. Oktober 2022)

Sicherheit ist das oberste Gebot

Der Dorfplatz ist nach einer Stunde der zentrale Ort. Heute wie auch in den kommenden Wochen. Davon zeugen etwa die unzähligen Zuschauer jeden Alters. Unter zig Adleraugen schlagen Männer die Tanne an den Baumstamm, sichern die Konstruktion. Weder die Zuschauerinnen noch die immer wieder vorbeifahrenden Autos und Busse scheinen sie in ihrer Arbeit zu beeinträchtigen. Jeder Handgriff sitzt, das Spektakel wirkt wie eine monatelang einstudierte Choreografie. Dann wird es ernst.

Einer der Männer weist die Zuschauer an, einen Teil des Platzes aus Sicherheitsgründen zu verlassen. «Schön ufem Trottoir bliebe, es hed nu Verchehr», sagt er. Die Stimmung schlägt um. Nicht ins Negative, sondern, passend zum weihnächtlichen Duft der Tanne, ins Besinnliche. Die Augen sind auf die Konstruktion gerichtet, und während das Gespräch zweier älterer Herren schneller zwischen Putin und Covid wechselt als eine unliebsame Strassenampel von Grün auf Rot, erhebt sich der Baumstamm über die Köpfe der Zuschauer. Wie eine Zirkusartistin schwebt er über dem Dorf.

Jeder weiss, was zu tun ist.

Jeder weiss, was zu tun ist.

Bild: Patrick Hürlimann (Weggis, 29. Oktober 2022)

Vorerst kehrt Ruhe ein

Nach einigen Minuten fixieren die Helfer den Baum in seiner Versenkung, das Werk ist vollbracht. Die Organisatoren können aufatmen. Bis am Sennenchilbi-Sonntag bleibt der Stamm mehr oder weniger unberührt, sagt Mediensprecher Hanspeter Bättig. Dann werden die ersten Kletterer versuchen, ein Tuch von der Spitze des Baumes abzunehmen. Zur Sennenchilbi erwartet er über 10'000 Besucherinnen und Besucher.

Einer der beiden Kletterbäume ist bereit für die Sennenchilbi.

Einer der beiden Kletterbäume ist bereit für die Sennenchilbi.

Bild: Patrick Hürlimann (Weggis, 29. Oktober 2022)

Und heute? Wie viele Menschen haben der Zeremonie beigewohnt? «Wir schätzen, dass zirka 500 bis 600 Personen da waren», sagt Bättig. Beste Voraussetzungen also für schwarze Zahlen, denn: Verkauf und Konsumation tragen viel zur finanziellen Sicherung des Anlasses bei. Den grössten Anteil machen aber die Sponsorengelder und die Festwirtschaft aus, sagt Bättig. Darüber hinaus werden am Dienstag nach der Sennenchilbi Güter wie Tassen oder auch die beiden Bäume versteigert. Letztere werden dann meist von Sägereien oder Bauern gekauft. Dann sind die beiden Baumstämme keine Klettergeräte mehr, sondern eine Holzquelle. So bleibt es nach der Sennenchilbi auch ohne Sonne warm in Weggis.

Ziel ist, am Baum ganz hochzuklettern. Letztes Mal haben das ungefähr zwanzig Menschen geschafft.

Ziel ist, am Baum ganz hochzuklettern. Letztes Mal haben das ungefähr zwanzig Menschen geschafft.

Bild: Patrick Hürlimann (Weggis, 29. Oktober 2022)

Hinweis: Die Weggiser Sennenchilbi dauert vom 11. bis 15. November. Mehr Informationen unter https://www.sennenchilbi-weggis.ch