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KANTON: «Wir haben davor gewarnt»

Die neue Agrarpolitik sorgt bei vielen Bauern für Angst und Ungewissheit. Der Schwyzer Bauernpräsident Hanspeter Egli (47) erklärt, welche Betriebe davon besonders betroffen sind.
Interview Andrea Schelbert
Hanspeter Egli ist es wichtig, täglich im Stall arbeiten zu können. (Bild Andrea Schelbert)

Hanspeter Egli ist es wichtig, täglich im Stall arbeiten zu können. (Bild Andrea Schelbert)

Hanspeter Egli*, haben Sie noch Zeit, um im Stall zu arbeiten?

Hanspeter Egli: Ich bin jeden Morgen im Stall. Am Abend ist es häufig so, dass ich wegen meines Mandats als Bezirksrat Einsiedelns nicht im Stall arbeiten kann. Mir ist es wichtig, dass ich den Betrieb selber führen kann. Ich trage das Risiko und die Verantwortung.

Die Zahl der bäuerlichen Betriebe in der Schweiz sank zwischen 2000 und 2010 von rund 70 000 auf unter 60 000. Wie viele Schwyzer Bauern haben 2012 ihren Betrieb aufge­geben?

Egli: Wir sind im Kanton Schwyz bei der Reduktion von Betrieben eher unter dem Schweizerischen Durchschnitt. 2012 haben 13 Betriebe aufgegeben, das entspricht knapp 1 Prozent. Bei uns ist es so, dass gerade die Bergbauern, die es schwieriger haben, die Landwirtschaft mit Herzblut betreiben. Man gibt den Betrieb nicht einfach auf. Ich beurteile den Strukturwandel als eher gering. Es ist aber auch richtig, dass dieser vor grossen Investitionen oder bei Hofübergaben stattfindet. Ein Nachteil des geringen Strukturwandels ist, dass viele Bauern nicht zu der Fläche kommen, die sie für eine gesunde Existenz benötigen würden.

Nächstes Jahr tritt die neue Agrarpolitik in Kraft. Für rote Köpfe sorgt vor allem die Abschaffung der Tierbeiträge. Neu werden nur noch Flächenbeiträge ausgesprochen. Damit seien diverse Vorteile verbunden, argumentiert der Bundesrat. Was sind die Gefahren und negativen Konsequenzen aus Sicht der Bauern?

Egli: Wir haben im Kanton Schwyz durchschnittlich Flächen von 15 bis 16 Hektaren pro Betrieb. Der Schweizer Durchschnitt liegt bei über 20 Hektaren. Wenn man kleinere Strukturen an die Fläche bindet, ist es automatisch schwieriger, das Einkommen zu halten oder zu verbessern. Die kleinsten Betriebe im Kanton Schwyz liegen in den unteren Berglagen. Früher hat man hier das Einkommen mit der Ernte von Obst verbessert. Man hatte gute futterwüchsige Böden und konnte mit wenig Fläche relativ viel Milch produzieren. Heute müssen Obst und Milch zu tieferen Preisen abgesetzt werden, und die Fläche ist nicht vorhanden. Für solche Betriebe wird es eng. Dies ist die grosse Schwäche der neuen Agrarpolitik.

Was resultiert daraus Gutes?

Egli: Ein Vorteil ist, dass die Vermarktung einfacher ist. Vieles ist an eine Leistung gebunden, man kann die Landwirtschaft dem Konsumenten so besser verkaufen. Wir erhoffen uns, dass dies der grosse Vorteil ist.

Die Agrarpolitik 2014–2017 sorgt bei vielen Bauern für Ängste. Landwirtschaftliche Vertreter behaupten aber, dass die Bauern teilweise falsch informiert seien. Welche Erfahrungen machen Sie?

Egli: Der Umbau dieser Agrarpolitik ist die grösste Veränderung in den letzten 20 Jahren. Für viele Bauern ist es nicht einfach, nachzuvollziehen, was auf sie zukommt. In knapp einem Jahr treten diese Gesetze in Kraft. Man spricht bereits seit vier Jahren davon, doch der Bundesrat wird dieses Gesetz und die dazu gehörende Verordnung erst im Herbst verabschieden. Dann wissen wir genau, was Sache ist. Darum kann ich es gut nachvollziehen, dass es für die Basis der Landwirtschaft sehr schwierig ist, zu verstehen, was sich auf ihrem Betrieb verändern wird und wie sie sich anpassen müssen, damit sie sich noch innerhalb des Systems befinden.

Diese Ungewissheit führt zu ­Ängsten ...

Egli: Ja, denn man weiss nicht, was einen genau erwartet. Die landwirtschaftlichen Organisationen und Verbände bemühen sich aber darum, die Bauern an Veranstaltungen zu beraten und zu informieren. Ich denke, dass wir die Bauern im Verlauf des Jahres gut auf die neue Situation vorbereiten können. Und die Übergangs­beiträge, die in den ersten 4 bis 8 Jahren noch geleistet werden, helfen, dass das Einkommen nicht von einem Jahr aufs nächste massiv verändert wird.

Laufen solche Informationsabende emotional ab?

Egli: Wir beobachten sehr aufmerksame Bauern und stellen eine höhere Beteiligung von Interessierten fest. Die Fragen der Bauern sind kritisch und konstruktiv. Weil die neue Agrarpolitik sowieso in Kraft treten wird, müssen wir uns darum bemühen, unsere Betriebe möglichst gut zu positionieren und vorwärtszuschauen.

Der Milchpreis hat im ersten Halbjahr 2012 ein Rekordtief von 55,5 Rappen pro Kilogramm Milch erreicht. Welche Massnahmen müssen umgesetzt werden, damit dies nicht wieder passiert?

Egli: Das ist eine schwierige Frage. Im Moment ist die Segmentierung ein grosses Thema, damit versucht man, die Märkte zu stabilisieren. Ich bin sehr gespannt, wie sich das in Zukunft entwickelt. Im Moment haben wir je nach Organisation bis zu 5 Prozent zu wenig Milch, nur liest und hört man nirgendwo davon. Es gibt Milchverarbeiter, die Bedenken haben, dass sie im Sommer ihre Produktion noch abdecken können. Für mich ist das eine klare Folge des tiefen Milchpreises. Dieser darf nicht zu tief sein, weil sonst die Bauern die Produktion von Milch aufgeben. Ich glaube, hier müssen unsere Marktpartner lernen, einen besseren und fairen Umgang mit der Produktion zu pflegen. Denn sie wollen auch in Zukunft ihre Anlagen auslasten, und dies mit Schweizer Milch. Ich hoffe, dass wir bei den Verhandlungen ein paar Rappen generieren können.

80 Prozent der Milchprodukte werden von Migros und Coop verkauft, sodass die zwei Detaillisten die Preise delegieren ...

Egli: Wir haben 38 bäuerliche Organisationen, 4 Milchverarbeiter und 2 Detaillisten. Dies führt zu einem riesigen Marktungleichgewicht. Hier haben es auch die Milchproduzenten verpasst, beim vorzeitigen Ausstieg aus der Milchkontingentierung sich besser und stärker aufzustellen, weil man damals den Traum vom endlosen Wachstum vor Augen hatte. Hier muss die Zusammenarbeit unter den Organisationen verbessert werden. Denn es macht keinen Sinn, gute Produkte zu produzieren, bei denen der Rohstoff letztlich keinen Wert mehr hat.

Unter den schlechten Milchpreisen hat 2012 auch der Viehabsatz gelitten. Ein Teufelskreis?

Egli: Wenn die Milch zu so tiefen Preisen vermarktet wird, kann man natürlich keine jungen Milchkühe zu hohen Preisen verkaufen. Das ist eine Kettenreaktion. Davor haben wir vom Verband schon länger gewarnt. Der grosse Vorteil war aber, dass der Schlachtvieh-Markt immer recht gut gelaufen ist.

Immer mehr Bauern setzen auf ­Muttertierhaltung. Ist das eine Lösung, die Sie befürworten?

Egli: Jeder Bauer muss an dem, was er tut, Freude haben. Dass die schlechten Milchpreise dem einen oder anderen diesen Entscheid vereinfacht haben, ist nicht wegzudiskutieren. Ich glaube, dass es eine wirklich gute Alternative ist, bei der man qualitativ sehr gutes Fleisch produziert.

Bauernpräsident Markus Ritter forderte kürzlich mehr Einigkeit unter den Bauern. Müssen die Bauern geschlossener auftreten?

Egli: Er hat dies vor allem geäussert, weil bei den Parlamentsverhandlungen zur neuen Agrarpolitik einzelne Mitglieder sich anders besonnen haben. Das ist natürlich sehr schwierig, weil wir im Parlament nur einen kleinen Anteil Bauern haben. Wenn wir uns nicht einig sind, weiss der grosse Rest nicht, was nun richtig wäre. Das ist ein grosses Problem. Man muss dann eben einmal die eigenen Interessen in den Hintergrund stellen und für das Gros einstehen. Denn, wenn wir uns hier teilen, dann gibt es letztlich nur Verlierer. Das haben wir ja bereits bei der Milchproduktion erlebt. Solche Fehler darf man nicht machen, und trotzdem sind sie wieder passiert.

Hinweis

* Hanspeter Egli präsidiert seit 11 Jahren die Schwyzer Bauernvereinigung. Der 47-Jährige ist zudem als Vizepräsident der Vereinigten Milchbauern Mitte-Ost und des Zentralschweizer Bauernbundes tätig. Egli ist verheiratet und Vater von drei Kindern. Er lebt in Trachslau und bewirtschaftet dort einen Landwirtschaftsbetrieb mit rund 60 Tieren auf einer Fläche von knapp 40 Hektaren. Seit 20 Jahren bildet er zudem Lehrlinge aus.

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