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Katarakt-Operationen: Grauer Star trübt die Aussichten

Sie werden immer häufiger – aber die Augenärzte verdienen nicht mehr so viel daran wie auch schon. Das sorgt auch bei Patienten aus der Zentralschweiz für Verunsicherung.
Balz Bruder
Die Katarakt-Operationen gehören zu den häufigsten am Auge – Tendenz steigend. (Bild: Andrew Harnik/Keystone, Washington, 1. Februar 2017)

Die Katarakt-Operationen gehören zu den häufigsten am Auge – Tendenz steigend. (Bild: Andrew Harnik/Keystone, Washington, 1. Februar 2017)

Die Schilderungen von Patientinnen und Patienten ähneln sich. Die Sehschärfe lässt nach, über den Blick legt sich ein Schleier, die Farben werden schwächer, das Blenden stärker. Häufig handelt es sich bei den Beschwerden um Symptome des grauen Stars. Entsprechend häufig sind die Behandlungen: Rund 50 000 Mal pro Jahr bringt eine Kunstlinse Farbempfinden und Augenlicht zurück. Und die Katarakt-Operation wird in Zukunft noch wichtiger, weil immer mehr ältere Menschen auf die Behandlung angewiesen sein werden.

So weit, so klar – nur: Wer wird die Operation künftig noch durchführen? Der Eingriff von Gesundheitsminister Alain Berset in die ambulante Tarifstruktur hat dazu geführt, dass die Vergütung für die in der Regel nicht stationär durchgeführten Katarakt-Operationen die Kosten kaum mehr deckt. Das Minus bei dem schon zuvor wirtschaftlich wenig interessanten Eingriff beträgt rund einen Drittel. Das bekommen die Patienten zu spüren: Sie berichten davon, dass sie von ­Augenärzten entweder abgewiesen oder zum Selbstzahlen auf­gefordert werden. Inkasso vor der Operation inklusive.

Auch wenn es sich dabei noch um Einzelfälle handelt: Die Schweizerische Ophthalmologische Gesellschaft (SOG-SSO) hat schon in der Vernehmlassung vor dem insgesamt rund 470 Millionen Franken schweren Tarifeingriff gewarnt. Und kritisiert ihn weiter: Der Willisauer Augenarzt Urs Thomann, Präsident der Tarifkommission, sagt, viele Anbieter könnten «betriebswirtschaftlich nicht mehr kostendeckend arbeiten». Er befürchtet, dass Patienten von Privatanbietern an die öffentlichen Spitäler verwiesen werden müssen – «hier deckt dann der Steuerzahler das Defizit», sagt Thomann lakonisch.

Fallpauschale als Ausweg aus der Misere

Aufschlussreich: Im Vergleich zum ersten ambulanten Tarif für die Katarakt-Operation, der 1994 ausgehandelt wurde, ist der Preis heute noch halb so hoch. Und dies, obwohl die Kosten für Personal und Technik heute viel höher seien als damals. Sie überträfen den Zeitgewinn, den man durch Erfahrung und Technologie erziele, finanziell jedenfalls deutlich, führt Augenarzt Thomann aus. Sein Fazit ist klar: «Heute haben wir ein deutsches Rückerstattungsniveau bei Schweizer Infrastrukturkosten.» Ein möglicher Ausweg aus dem Dilemma seien Fallpauschalen, die in Zukunft wieder eine kostendeckende Patientenversorgung ermöglichten.

Das sieht auch Kerstin Moeller, Direktorin des Spitals Schwyz, so. Ende Februar haben die drei Augenärzte ihre Tätigkeit am Spital beendet. Der Katarakt-Eingriff rechnet sich für das Haus schlicht und ergreifend nicht mehr. Sollte es in Schwyz dereinst wieder ein Ophthalmologie-­Angebot geben, dann wohl nur, wenn – wie vom Krankenversicherungsverband Santésuisse und vom Verband chirurgisch und invasiv tätiger Ärzte (FMCH) vereinbart – Pauschalen für die Behandlung des grauen und grünen Stars sowie für Eingriffe am Glaskörper des Auges zum Einsatz kämen. Einheitspreise, die allerdings erst von den Tarifpartnern verhandelt und von den Gesundheitsdirektionen genehmigt werden müssten.

Das Problem ist dem Luzerner Augenarzt Dietmar Thumm, der als Belegarzt an der Augentagesklinik Sursee tätig ist, bestens bekannt. Er hat die Klinik 1993 mit Marco Bianchetti, Kaspar Heldstab und Urs Thomann gegründet – und stellt zunehmende Probleme bei der Kostendeckung von Katarakt-Operationen fest. «Personal-, Infrastruktur-, Material-, Versicherungskosten et cetera betragen für uns 1940 Franken, die kassenzulässige Verrechnung liegt mit dem im Kanton Luzern gültigen Taxpunktwert von 82 Rappen aber nur noch bei 1700 Franken», sagt Thumm. Die Gesamtrechnung für eine am­bulante Katarakt-Operation fällt unter dem Strich in diesem Jahr um 800 Franken tiefer aus als noch im Vorjahr.

Die private Klinik kann, die öffentliche muss behandeln

Weist die Klinik deshalb Patienten ab, wie von solchen berichtet wird? «Wir verweigern keine ­Behandlung, aber wir weisen Patienten darauf hin, dass sie me­dizinische Zusatzleistungen selber zu bezahlen haben», sagt Thumm von der Augentagesklinik Sursee. Auf diese Weise könne der Fall in einer Mischrechnung ins Lot gebracht werden. Zudem würden die Patienten darauf aufmerksam gemacht, dass bei fehlenden Zusatzleistungen gewisse Abstriche bei den verwendeten Materialien vorgenommen würden – mit möglichen Einschränkungen bei Sicherheit und Qualität. Und schliesslich könne es auch passieren, dass Patienten für den Eingriff ans Luzerner Kantonsspital verwiesen würden – was allerdings selten vorkomme. Die Privatklinik kann, das öffentliche Spital muss bei medizinischer Indikation behandeln, auch wenn es ökonomisch für die Klinik nicht aufgeht. Es sei denn, es gehe um Notfälle. Doch das sind Katarakt-Operationen grundsätzlich nie.

Bleiben die Krankenversicherungen: Sie sind gemäss Krankenversicherungsgesetz (KVG) verpflichtet, den Ersatz der getrübten natürlichen Linse durch eine künstliche zu bezahlen. Allerdings erfasst die Kostengutsprache – ausserhalb von Franchise und Selbstbehalt – nur das einfache Implantat und keines mit Zusatzfunktionen, wie sie bifokale, multifokale und torische Linsen für den Nah- und Fernbereich, die Alterssichtigkeit und die Hornhautverkrümmung bieten. Dass Augenärzte in Privatkliniken Katarakt-Operationen ablehnen, ist den Kassen zwar nicht völlig ­unbekannt, verbreitet scheint das Vorgehen aber (noch) nicht zu sein. Sehr wohl aber, dass Patienten bei Komfortbehandlungen zu Selbstzahlern werden.

Tarif ist laut Versicherern immer noch hoch genug

Dennoch: Astrid Brändlin, Leiterin Unternehmenskommunikation der Krankenkasse Concordia, sagt, offenbar gebe es «unter den vielen ausgezeichneten Augenärzten einzelne schwarze Schafe», welche die Durchführung der Operation ablehnten. «Dies erstaunt uns sehr, weil es unseres Erachtens keinen Grund dafür gibt.» Der vom Bundesrat gesenkte Tarif sei «immer noch hoch genug». Abgesehen davon, dass viele Leistungen erbracht würden, die nicht von Senkungen in diesem Umfang betroffen seien. Zur Illustration: Der durch­schnittliche Praxisumsatz eines Augenarztes liege «deutlich höher als 600 000 Franken pro Jahr», sagt Brändlin.

Übrigens: Rund ein Drittel der Katarakt-Operationen wurde von den Leistungserbringern schon im vergangenen Jahr freiwillig nach dem Pauschalprinzip durchgeführt. Kostenersparnis: über 10 Prozent (2300 statt 2600 Franken). Und die Spirale bei den Vergütungen dreht sich weiter: Die pauschale Abgeltung bei der Vereinbarung von Santésuisse und FMCH liegt noch bei gut 2000 Franken. Der Druck auf die Vergütung wird Bestand haben – nicht nur beim grauen Star. Von Ophthalmologen, die aus wirtschaftlichen Gründen kapituliert hätten, ist bisher allerdings weit und breit nichts bekannt.

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