KIRCHE: «Davon steht in der Bibel nichts»

Noch nie wurde die Haltung der katholischen Kirche zur Homosexualität so rege diskutiert wie derzeit. Wie sieht das eigentlich bei den Reformierten aus? Pfarrer Andreas Haas erklärts.

Andreas Faessler
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Pfarrer Andreas Haas: In seiner Kirche erhält jedes Paar den Segen Gottes – ungeachtet des Geschlechts. (Bild Werner Schelbert)

Pfarrer Andreas Haas: In seiner Kirche erhält jedes Paar den Segen Gottes – ungeachtet des Geschlechts. (Bild Werner Schelbert)

Andreas Faessler

Es häufen sich Medienbeiträge, welche die Sexualmoral der römisch-katholischen Kirche thematisieren. Ein Grund dafür ist zweifelsohne Papst Franziskus, der in den Augen der meisten Gläubigen einen liberaleren Kurs einschlägt, was Ehe, Familie sowie Sexualität angeht. Und schliesslich werden diesbezüglich grundlegende Fragen im Rahmen der Synode erstmals so konkret und intensiv angegangen. Manche Haltung konservativer Exponenten sorgt allerdings immer wieder für medialen Zündstoff (s. auch «Mein Thema» rechts). So jüngst Bischof Huonder mit seinem Vortrag in Fulda, an dem er aus dem Buch Levitikus (AT) zitierte, wo als Strafe für den sexuellen Verkehr zwischen zwei Männern die Todesstrafe gefordert wird. Huonder erklärte das Zitat faktisch zum Massstab für den Umgang mit Homosexualität. Damit hat Huonder aber für einmal selbst streng gläubige Katholiken erzürnt und gegen sich aufgebracht.

Schaden auch für die Reformierten

Ebenso wenig erfreut über Huonders Zitatwahl aus dem Alten Testament ist Andreas Haas, Pfarrer der Reformierten Kirche Zug. Mit diesen Aussagen, so Haas, finde Huonder vielleicht bei einem kleinen Kreis konservativ-katholischer Minderheiten Zuspruch. Aber er widerspreche damit einerseits der Botschaft Jesu und schade andererseits der Kirche, und zwar auch der reformierten. «Wegen solcher Vorfälle treten sogar bei uns Leute aus, welche die Lage zu wenig differenziert betrachten», gibt Andreas Haas zu bedenken. Dabei unterscheiden sich die Einstellung zur Homosexualität und der Umgang mit gleichgeschlechtlich Liebenden bei den Reformierten um Welten, verglichen mit der katholischen Kirche.

Luzern: In Kirchenordnung verankert

«Leider wird das von der Öffentlichkeit wenig wahrgenommen, weil es zu wenig kommuniziert wird», bedauert Haas. Tatsächlich scheint es vielen Menschen nicht bewusst zu sein, dass in der reformierten Kirche eine Segnung – das ist hier gleichbedeutend zur Trauung – von homosexuellen Menschen so selbstverständlich sei wie bei Heterosexuellen. «In der katholischen Kirche ist die Ehe ein Sakrament, in der reformierten nicht.»

Zwar sei auch bei den Reformierten einst viel über die Segnung Gleichgeschlechtlicher diskutiert worden, doch dann habe man sich schliesslich dafür geöffnet. «Bei den Luzernern und auch in anderen kantonalen reformierten Kirchen ist die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare sogar in der Kirchenordnung verankert.» Aber auch ohne diesen Paragrafen sei es übliche Praxis. Zwar gebe es noch einzelne reformierte Kirchen, die zwischen Trauung und Segnung unterscheiden, erklärt Haas. «Aber das kann jede Kantonalkirche eigenständig festlegen.» Natürlich existierten auch bei den Reformierten fundamentalistisch eingestellte Mitglieder, die den konservativ-katholischen in nichts nachstünden, weiss Haas. Vor allem in ländlichen Gegenden treffe man gelegentlich auf entsprechende Gesinnungen. «Hier in Zug aber standen solche Segnungen noch nie zur Diskussion. Wir haben eine sehr weltoffene reformierte Kirche.» Was wohl nicht zuletzt daran liege, dass sie viele zugezogene Mitglieder habe, die ihre liberale Einstellung mit in die Gemeinde gebracht hätten. Andreas Haas selbst hat schon mehrere gleichgeschlechtliche Paare gesegnet respektive getraut. Und das laufe nicht anders ab als bei Mann-Frau-Paaren, die sich eine kirchliche Heirat wünschen. «Wir sitzen zusammen und besprechen die Zeremonie. Ganz einfach.»

Segen für die Liebe zweier Menschen

Das Wesen der reformierten Kirche ist es, bei Themen wie der Sexualität die Erkenntnisse der Wissenschaft mit einzubeziehen. «Wir wissen mittlerweile, dass man sich die sexuelle Neigung nicht aussucht, sondern dass sie gegeben ist.» Und zur Homosexualität, wie sie heute auch aus psychologisch-wissenschaftlicher Sicht definiert ist, folgert Andreas Haas, stehe in der Bibel – nichts! Alles, was beispielsweise auf Zwang und dem Einreden eines schlechten Gewissens basiert, sei darum unmenschlich. Und davon sei die reformierte Kirche fern. «Selbst wenn die Segnung homosexueller Paare in der reformierten Kirche offiziell nicht erlaubt wäre, so könnte sie ein Pfarrer dennoch vollziehen, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen, solange er es mit sich vereinbaren kann.» Es werde schliesslich die Liebe zwischen zwei Menschen gesegnet, ihre Verbindung verdient wie jede andere die göttliche Begleitung. Leider sähen das patriarchale Organisationen wie die katholische Kirche immer noch anders.

«Ein bisschen Nachhilfe»

«Die Homo-Ehe ist ein Bereich, bei dem man einst wie heute theologisch sauber argumentieren kann», führt Pfarrer Haas aus und kommt auf Huonders Levitikus-Zitat zu sprechen. «Der Bischof bräuchte ein wenig Nachhilfe bei der Exegese, denn dann würde auch er verstehen, dass es in Levitikus, wo übrigens noch ganz anderes aus heutiger Sicht Unhaltbares steht, überhaupt nicht um die Homosexualität als solche geht. Besagte Bibelstelle steht im Zusammenhang mit der Wahrung der Würde des Menschen.» Das betreffe auch die Bibelstellen bei Paulus, die den gleichgeschlechtlichen Verkehr aufgreifen, sie sprächen ebenfalls nicht die naturgegebene Sexualität an.

Faszination der Bibel

«Die historisch-kritische Bibelauslegung steht bei einigen katholischen Theologen erst in den Anfängen», stellt Haas mit Bedauern fest. «Man darf die Bibel nicht wörtlich nehmen, sondern man muss sie ernst nehmen!» Die Bibeltexte seien nämlich durch und durch faszinierend. «Und wenn man sie gewissenhaft interpretiert, dann wird die Bibel schliesslich zu dem, was sie sein sollte und auch ist: eine Befreiungsbotschaft.»