Kirche und Abstimmung
Gottes Wort als einziges «Parteiprogramm» der reformierten Kirchen

Im Hinblick auf die Abstimmungen gibt die Evangelisch-Reformierte Kirche Schweiz Hilfestellung: Mit einem öffentlichen Dokument vermittelt sie die biblisch-theologische Sicht auf die drei Umwelt-Initiativen.

Andreas Faessler
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Lilian Bachmann, Synodalratspräsidentin der Evangelisch-Reformierten Landeskirche des Kantons Luzern (links) und Rita Famos, Präsidentin der Evangelisch-Reformierten Kirche Schweiz.

Lilian Bachmann, Synodalratspräsidentin der Evangelisch-Reformierten Landeskirche des Kantons Luzern (links) und Rita Famos, Präsidentin der Evangelisch-Reformierten Kirche Schweiz.

Bild: PD

Dem Schweizer Volk liegen mit den nationalen Umwelt-Initiativen drei der in jüngster Zeit meistdiskutierten Abstimmungsvorlagen vor. Die Evangelisch-Reformierte Kirche Schweiz (EKS) bietet Unterstützung bei der Entscheidungsfindung, indem sie in einem öffentlichen Dokument die Vorlagen aus dem biblisch-theologischen Blickwinkel betrachtet. «Zwischen Handeln und Gelassenheit» nennt sich das Papier und gibt Antworten auf 10 der aus Sicht der EKS wichtigsten Fragestellungen zu den Vorlagen. Denn die beiden Initiativen zu den Pestiziden und zum Trinkwasser sowie das CO2-Gesetz seien – so schreibt die EKS – nicht einer ausschliesslich ökologischen Betrachtungsweise unterworfen, sondern mit den christlichen Aspekten Gerechtigkeit, Gleichstellung und Freiheit konfrontiert.

Dieser Beitrag, sich an die Vorlagen aus kirchlicher Perspektive anzunähern, reiht sich ein in das Jahrzehnte lange Engagement der EKS für einen gerechten, klimabewussten und friedensfördernden Umgang mit der Schöpfung.

«Seit jeher setzen die Reformierten auf Bildung, eigenständiges Denken und Selbstverantwortung»

sagt dazu Rita Famos, Präsidentin EKS und Pfarrerin. «Die Kirche will keine moralischen Haltungsnoten verteilen, aber sie will – wie jetzt hinsichtlich dieser Abstimmung – zur eigenen Urteilsbildung beitragen, indem sie die Vorlagen theologisch einzuordnen sucht.» Dabei berufe sich die EKS auf die biblische Ethik, die unter anderem besagt, dass die Menschen gegenüber der Schöpfung Verantwortung tragen. «Wir nehmen die Natur nicht als Umwelt wahr, sondern als Mitwelt», präzisiert Rita Famos. «Wir mahnen die Menschen, auf die Natur Acht zu geben, vertrauen aber auch darauf, dass letztendlich alles in Gottes Hand liegt. Denn dessen Wort ist das einzige ‹Parteiprogramm› der reformierten Kirche. Kirche macht keine Politik wie Parteien und Parlamente, aber sie ist politisch – sie bringt sich in die Öffentlichkeit ein.»

Setzen auf Diskurs und Debatte

Im frei verfügbaren Frage-Antwort-Papier bleibt die EKS unverbindlich, differenziert und unpolarisierend. Aber sie äussert sich durchaus kritisch und nimmt auch klar Stellung zu den einzelnen Vorlagetexten. Rita Famos: «Reformierte Kirchen stehen der Welt nicht neutral gegenüber. Weil die Welt Gottes Schöpfung ist, sind sie in ihrem Reden und Handeln verantwortlich gegenüber Gott und seinem Werk.» So könne es gegenüber Gottes Schöpfung keine Neutralität geben.

An dieser Stelle sagt Lilian Bachmann, Synodalratspräsidentin der Evangelisch-Reformierten Landeskirche des Kantons Luzern: «Das Dokument ist ein anschauliches Beispiel dafür, wie sich die Kirche in den Diskurs um gesellschaftliche Themen einbringen und ihre grundchristlichen Werte vermitteln kann.» So werde die Kirche sichtbarer – Politik, Kirche und Gesellschaft bräuchten einander. «Die Reformierten setzen auf Diskurs und Debatte, und es ist ihre Grundethik, dass alle mitreden dürfen und gehört werden», knüpft Rita Famos an. «Und es sollte im Interesse des Staates liegen, dass auch ausserparteiliche Vereinigungen und Institutionen meinungsbildend wirken.»

Die Kirche bei den Menschen

Weiter ist das Paper als weiteres Zeichen dafür zu verstehen, dass die Kirche bewusster wahrgenommen werden will und die Nähe zu den Menschen sucht. «Denn wenn Verunsicherung herrscht, sind wir da», sagt Lilian Bachmann und blickt auf das anspruchsvolle Pandemiejahr zurück.

«Corona hat grosse seelische Not verursacht, und die Seelsorge war sehr gefragt. Wir haben versucht, Betroffene so gut wie möglich zu begleiten und ihnen Halt, Orientierung und Hoffnung zu geben.»

Die Kirche müsse künftig sicht- und hörbarer werden, um noch mehr wahrgenommen zu werden, ist die Synodalratspräsidentin überzeugt. «Und wir suchen insbesondere auch den Austausch mit den jungen Generationen.» Dass dies Früchte tragen kann, hat sich an der gut besuchten und breit durchmischten Grossgruppenkonferenz der Reformierten Landeskirche des Kantons Luzern im vergangenen Februar gezeigt, welche im Rahmen der Kirchenordnungsrevision digital abgehalten worden ist. «Das war ein starkes Zeichen und gibt Hoffnung», sagt Lilian Bachmann.

Und so richtet sich das Papier zur Abstimmung an Stimmbürgerinnen und -bürger aller Generationen als Orientierung und Hilfestellung, überlegt und verantwortungsbewusst eine Entscheidung zu treffen – zu Gunsten eines gerechten, friedlichen und umweltbewussten Zusammenlebens der Menschen.

Das Paper «10 Fragen – 10 Antworten – Zwischen Handeln und Gelassenheit» kann auf der Webseite der EKS heruntergeladen werden.