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KIRCHEN: Funktionalität ist heute zentral

Am «Tag der modernen sakralen Architektur» stehen ausgewählte Bauwerke der Zentralschweiz im Fokus. Fachmann Urs-Beat Frei erklärt, worauf es bei neuzeitlichen Kirchengebäuden ankommt.
Andreas Faessler
Urs-Beat Frei ist Fachmann für moderne Sakralarchitektur. Auch das ökumenische Kirchenzentrum in Steinhausen gilt als gelungenes Beispiel zeitgemässen Kirchenbaus.

Urs-Beat Frei ist Fachmann für moderne Sakralarchitektur. Auch das ökumenische Kirchenzentrum in Steinhausen gilt als gelungenes Beispiel zeitgemässen Kirchenbaus.

Andreas Faessler

andreas.faessler@zugerzeitung.ch

Die historisch bedingt stark katholisch geprägte Zentralschweiz erlebte im 17., 18. und frühen 19. Jahrhundert einen wahren Kirchenbauboom. Kaum woanders im Lande ist die Dichte an barocken und klassizistischen Gotteshäusern so hoch wie in unserer Region. Und doch ist inmitten dieser Fülle an alter Kirchenarchitektur in den letzten Jahrzehnten eine Reihe an architektonisch herausragenden modernen Sakralbauten entstanden, die entweder hinsichtlich ihres Nutzungskonzepts oder ihrer kühnen Architektur wegweisend sind.

Diesen jungen Kirchenbauten widmet der Verein Sakrallandschaft Innerschweiz den morgigen Samstag als «Tag der modernen sakralen Architektur». Neun ausgewählte moderne Kirchengebäude in den Kantonen Luzern, Zug, Schwyz, Nid-/Obwalden und zwei davon im Freiamt AG werden interessierten Besuchern im Rahmen von öffentlichen Führungen nähergebracht (siehe Kasten). Dabei geht es insbesondere darum, wie die jeweiligen Architekten ihren Auftrag im Spiegel der Zeit zu interpretieren suchten. Welche Gedanken dem Konzept und der Inszenierung des Gebäudes zugrunde liegen – hinsichtlich Standort, Formensprache, Farbwahl, Lichteinfall ... Um die Räume mit mehr als einem Sinn zu erleben und zu erfahren, wird die Begehung mancherorts mit Musik ergänzt.

Zeitgemässe Formensprache

Was aber unterscheidet schlussendlich die modernen Kirchenbauten von den traditionellen vergangener Jahrhunderte? Was ist die Botschaft ihrer Schnörkellosigkeit? «Zum einen ist es das neue, durch das Zweite Vatikanische Konzil (1962–1965) formulierte Liturgieverständnis, und zum andern ist es der Wille, eine moderne, zeitgemässe (Architektur-)Sprache zu sprechen. Wobei man hinzufügen muss, dass letzteres bereits durch all die Jahrhunderte hindurch immer wieder ein Anspruch der kirchlichen Auftraggeber war. Es wird heute oft vergessen, dass die Kirche in Architektur und Kunst lange sogar ‹Trendsetter› war», erklärt Urs-Beat Frei, Kulturwissenschafter und Fachmann für christliche Sakralkultur aus Luzern sowie Vorstandsmitglied des Vereins Sakrallandschaft Innerschweiz. «Man baute ‹zur grösseren Ehre Gottes›. Zugleich aber nicht selten ebenso, um den eigenen Machtanspruch zu demonstrieren. Auch die modernen Kirchen haben nach wie vor meistens Repräsentationscharakter, was nicht zuletzt in der Wahl möglichst profilierter Architekten zum Ausdruck kommt.»

Es sei wichtig, dass neue Kirchenbauten eine zeitgemässe und aussagekräftige Formensprache hätten und für die heutige Liturgie funktional seien. «Alles andere führt früher oder später zu einer Musealisierung der Kirchen», gibt Frei zu bedenken und bekundet seine Offenheit gegenüber gewissen Erneuerungen auch in alten Kirchengebäuden: «Sie sind nicht nur Zeitzeugen, sondern genauso Zeitgenossen – was heisst, dass auch alte Sakralbauten soweit möglich heutigen Bedürfnissen dienen sollten.»

Symbolik und Transzendenz

Viele der Kirchengebäude der vergangenen Jahrzehnte bestehen aus Materialien wie Sichtbeton. Zahlreiche muten schmucklos, gar archaisch an. Was gemäss Frei aber durchaus einer modernen Ästhetik entspricht. «Reduzierte, klare Formen, ungestaltete Flächen, zurückhaltende, ja fehlende Abbildhaftigkeit – das sind Mittel, die selbst Symbolcharakter annehmen und eine sakrale Stimmung› erzeugen können. Eine besonders wichtige Rolle spielt das Licht; es erweckt, wie der japanische Architekt Tadao Ando sagt, die Architektur zum Leben, und es vermittelt – klug eingesetzt – eine Erfahrung der Transzendenz.» Für Urs-Beat Frei ist eine moderne Kirche gelungen, wenn ihr Raum in sich stimmig und stimmungsvoll ist, wenn er die Konzentration befördert und gleichsam ‹zur Besinnung führt›. Und er betont, dass gute Architektur nur dann entstehe, wenn der Auftrag auch wirklich geistig durchdrungen werde. Gerade der Kirchenbau sei eine äusserst anspruchsvolle, komplexe Aufgabe. «Eine gelungene Kirche entsteht aus dem Geist, ist materialisierte Spiritualität», fasst Frei zusammen.

Kirchliche «Stilberater»

Nicht zu unterschätzen ist laut Urs-Beat Frei der Umgang der Theologen mit modernen Räumen. «Nicht nur sollen diese der Liturgie angepasst werden, sondern die Liturgie sollte umgekehrt auch auf den jeweiligen Raum abgestimmt sein. Und da brauchen die Geistlichen eine Sensibilität für Ästhetik, ja ästhetische Kompetenz.» Oft sei aber zu beobachten, dass es daran mangle und in kirchlichen Kreisen ein Hang zum Kitsch bestehe, weiss Frei. «Dann ist es angezeigt, sich Rat zu holen bei Fachleuten. Denn gerade in der Kirche müssten höchste ästhetische Massstäbe gelten – ‹zur grösseren Ehre Gottes›.»

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