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KIRCHEN: Wiederbelebung durch Umnutzung

Die rückläufige Zahl von Gottesdienst-Besuchern lässt Kirchen kreativ werden. Ein Beispiel, das von Experten gelobt wird, findet sich in Luzern. Umnutzungen stossen aber auch auf Widerstand.
In der Maihofkirche in der Stadt Luzern gibt es nicht nur Gottesdienste. Im Bild: szenisches Chorkonzert «Carmina Burana» mit Breakdancern im Mai 2015. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

In der Maihofkirche in der Stadt Luzern gibt es nicht nur Gottesdienste. Im Bild: szenisches Chorkonzert «Carmina Burana» mit Breakdancern im Mai 2015. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

Die Kirchenbänke bleiben während des Gottesdienstes halb leer, immer mehr Leute treten aus der Kirche aus, die Einnahmen aus der Kirchensteuer gehen zurück – die Herausforderungen, vor denen die Luzerner Maihofkirche nach der Jahrtausendwende stand, sind typisch für viele Pfarreien in der Schweiz. Hinzu kam, dass das Kirchengebäude renovationsbedürftig war. «Wir suchten nach einem Modell, das neue Perspektiven bietet», erinnert sich Pfarreileiter Franz Zemp.

Potenzial sah er insbesondere beim Kirchensaal. «Wir stellten fest, dass der Kirchensaal der am schlechtesten genutzte Raum der Pfarrei war.» Die Idee, diesen Raum für andere Zwecke als nur für Gottesdienste zu nutzen, lag nahe.

Konzerte, Theater, Vereinsanlässe

Wer heute den Kirchensaal der Maihofkirche betritt, merkt erst auf den zweiten Blick, dass er sich in einer Kirche befindet. Die Kirchenbänke wurden entfernt und durch Stühle ersetzt. Der Altar steht auf vier Rädern am Rande des Raums. Nur das Kreuz am Ende des Saals, die Darstellung des Kreuzwegs an den Seitenwänden und zwei Weihwasserbecken erinnern daran, dass man sich in einem sakralen Raum befindet.
Wird gerade kein Gottesdienst gefeiert, finden hier Konzerte, Theateraufführungen oder Vereinsveranstaltungen statt, oder Studenten der Hochschule Luzern brüten über einer Prüfung. Die Kirche erhält so willkommene Zusatzeinnahmen. Die Auslastung des Saals sei gut, sagt Franz Zemp.

«Überaus gelungenes Beispiel»

Wie die Maihofkirche stehen viele Kirchen in der Schweiz vor der Frage, wie sie in Zeiten rückläufiger Gottesdienstbesuche ihre Räumlichkeiten nutzen sollen.

Umnutzungen bieten sich da geradezu an, findet Johannes Stückelberger, Kunsthistoriker an der Theologischen Fakultät der Universität Bern. Dies umso mehr, als viele Kirchen aufgrund der sinkenden Mitgliederzahlen in finanziellen Engpässen stecken. Die Maihofkirche beurteilt der Experte als «überaus gelungenes Beispiel», wie man Kirchen einer erweiterten Nutzung zuführen kann.

Umnutzen nehmen zu

Kirchenumnutzungen hätten in der Schweiz in den letzten Jahren zugenommen, sagt Stückelberger. Genaue Zahlen gibt es allerdings nicht. Das erste Beispiel der jüngeren Vergangenheit, das ihm bekannt ist, ist die St.-Leonhards-Kirche in St. Gallen, die 2004 an einen privaten Investor verkauft wurde. In anderen europäischen Ländern war die Diskussion teilweise schon früher aufgekommen.

Kein neues Phänomen

Stückelberger betont jedoch, dass das Phänomen an sich keineswegs neu ist. Beispielsweise wurden im protestantischen Basel nach der Reformation zahlreiche ehemalige Klöster umgenutzt. Teilweise hat man sie später wieder resakralisiert.

Negative Beispiele

«Die Kirchen haben nicht zu viele Räume, sondern zu wenig Ideen», fasst Stückelberger ein Referat einer Tagung zusammen, die kürzlich in Bern stattfand. Dennoch steht er Umnutzungen nicht uneingeschränkt offen gegenüber. Es gebe auch negative Beispiele. So versprach der Käufer der St.-Leonhards-Kirche, ein Kulturzentrum einzurichten, was jedoch nie geschah. Stückelberger empfiehlt, die Bauten besser an öffentliche Institutionen zu verkaufen oder zu vermieten, weil sie verlässlicher seien.

Für den Kunsthistoriker ist zudem die Art der Nutzung entscheidend. Sie sollte aus seiner Sicht möglichst nahe am bisherigen Zweck sein. «Kulturelle Veranstaltungen sind am naheliegendsten», sagt er.

Umstrittene Fussballspiele

Doch wie beurteilt die Basis solche Projekte? Nach Stückelbergers Erfahrungen stehen die Gläubigen Umnutzungen von Kirchen mehrheitlich offen gegenüber. Dies bestätigt auch die Erfahrung von Franz Zemp. Die meisten Rückmeldungen seien positiv. «Wir haben von Anfang an versucht, die Leute mit ins Boot zu holen und sie über die Zukunft der Kirche mitbestimmen zu lassen», erzählt er. So führte die Pfarrei eine Zukunftswerkstatt und Informationsabende durch.

Trotzdem waren nicht alle mit dem Umbau einverstanden. «Vor allem ältere Leute hatten Mühe damit, dass in ihrer Kirche Spiele der Fussball-WM ausgestrahlt werden», so Zemp.

Anderes Kirchenbild

Für den Pfarreileiter hingegen sind solche Veranstaltungen nicht nur zulässig, sie gehören zu seinem Bild, das er von der Kirche hat. «Für mich beschränkt sich die Kirche nicht darauf, dass man sich zum Gottesdienst trifft», sagt er. Wenn Leute zu einem Konzert zusammenkämen, falle das genauso unter den Begriff Kirche.

Mehr Familien im Gottesdienst

Die Umnutzung war für Zemp denn auch nicht bloss ein Gebot der ökonomischen Vernunft, sondern Ausdruck eines neuen Kirchenbildes. Der umgebaute Kirchensaal lässt zudem neue Formen des Gottesdienstes zu. «Anstatt der Kirchenbänke, die immer nach vorne gerichtet sind, können wir die Stühle auch in einem Kreis oder in der Form eines Hufeisens aufstellen.» Etwas hat sich aber auch mit dem neuen Konzept nicht geändert: Zu den Gottesdiensten kommen insgesamt nicht mehr Leute als früher. Die Zahl stagniere, sagt Franz Zemp. Hoffnung macht ihm indes, dass insbesondere Familien Gefallen am neuen Konzept finden und häufiger den Gottesdienst besuchen.

Lukas Leuzinger

Wenn aus Kirchen Hotels und Pubs werden

Religionlkz. Während Umnutzungen von Kirchen in der Schweiz noch relativ selten vorkommen, sind sie bei Klöstern eher verbreitet. Johannes Stückelberger, Kunsthistoriker der Universität Bern, führt dies darauf zurück, dass Klöster nicht die gleiche öffentliche Bedeutung haben und sich «die Menschen emotional weniger stark mit ihnen verbunden fühlen».

Mühsame Suche

In Stans verliess der Franziskanerorden sein Kloster 2004. Der Kanton Nidwalden hatte Mühe, eine neue Nutzung für das Gebäude zu finden. 2008 gestand er dem Biotechkonzern Mondobiotech ein Baurecht für 60 Jahre zu.

Doch das Unternehmen geriet bald in finanzielle Schwierigkeiten und hatte kein Geld für die nötigen Investitionen, um den Standort sinnvoll zu nutzen. Vergangenes Jahr gab es das Kloster an den Kanton zurück. Der Nidwaldner Regierungsrat plant nun, in dem Gebäude ein Ausbildungszentrum zum Thema Ernährung unterzubringen.

Bereits eine neue Verwendung gefunden hat die Stadt Freiburg für die Kapelle Regina Mundi, die von der Ordensgemeinschaft der Marianisten gebaut worden war. 1990 wurde sie an die Stadt verkauft. Sie beherbergt heute einen Lesesaal, wo die Studenten der Universität büffeln.

20 bis 30 Kirchen pro Jahr

Im Ausland ist man teilweise weniger zurückhaltend, was die Umnutzung von religiösen Gebäuden betrifft. In Grossbritannien werden – meist aus finanziellen Gründen – jedes Jahr 20 bis 30 Kirchen verkauft. In den Gebäuden entstehen Hotels, Wohnungen und sogar Pubs, oder sie werden einfach abgerissen.

Franz Zemp, Pfarreileiter Maihofkirche: «Vor allem ältere Leute hatten Mühe damit, dass in ihrer Kirche Spiele der Fussball-WM ausgestrahlt werden.» (Bild: Archiv Neue LZ)

Franz Zemp, Pfarreileiter Maihofkirche: «Vor allem ältere Leute hatten Mühe damit, dass in ihrer Kirche Spiele der Fussball-WM ausgestrahlt werden.» (Bild: Archiv Neue LZ)

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