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Anforderungen an Personal der Stadtluzerner Kitas werden verschärft: Betreiber befürchten Wettbewerbsnachteil

Kindertagesstätten müssen in Zukunft höher ausgebildetes Personal einstellen – allerdings nur in der Stadt. Das stösst auf Widerstand.
Martina Odermatt
Claudio Conrad in der Kita Müsliburg City Bay. Er ärgert sich über die neuen Vorschriften der Stadt Luzern. (Bild: Jakob Ineichen, Luzern)

Claudio Conrad in der Kita Müsliburg City Bay. Er ärgert sich über die neuen Vorschriften der Stadt Luzern. (Bild: Jakob Ineichen, Luzern)

Es ist eine vermeintlich beiläufige Erwähnung, doch hat diese Kita-Betreiber Claudio Conrad dazu veranlasst, das ganze Personalsystem seiner Kindertagesstätte umzustellen. Grund dafür ist die Stadt Luzern, die eine Wegleitung für Trägerschaften von Kindertagesstätten und privaten Horten verfasst hat und die seit Anfang Jahr in Kraft ist. Darin geregelt sind Finanzierungsgrundsätze oder Betriebs- und Betreuungskonzepte. Bei letzterem findet sich die erwähnte Passage, die Conrad erstaunt: Ab dem 1. Januar 2025 muss nämlich jede Trägerschaft mindestens eine Person mit einem anerkannten Abschluss auf Tertiärstufe beschäftigen.

Die Stadt rät den Stätten gar, neue Funktionen zu schaffen für diese höher qualifizierten Fachpersonen. Für 30 belegte Krippenplätze müssen 100 Stellenprozent von solchen Fachpersonen gedeckt werden. Bei weniger oder mehr Plätzen gilt das prozentuale Verhältnis. Die geforderten Stellenprozente können auf mehrere Personen aufgeteilt werden.

Höhere Kosten oder Kontinuität?

Die Regelung gilt allerdings lediglich für die städtischen Organisationen. Im Rest des Kantons Luzern sowie des Landes, sind dies unverbindliche Empfehlungen. Conrad, Geschäftsführer der Kita Müsliburg in Luzern müsste somit zwei bis drei Personen zusätzlich einstellen. «Ich befürworte durchaus die Sicherstellung einer hohen Qualität der Kitas, aber auf die kleinen Stätten haben die neuen Vorschriften einen existenziellen Einfluss.» Conrad befürchtet, dass sich die Preise für städtische Kindertagesstätten nach oben entwickeln werden. Der finanzielle Mehraufwand würde wohl – einmal mehr – den Eltern aufgebürdet. «Dabei ist das Preisniveau bereits jetzt an der oberen Grenze», sagt Conrad. Dass sich die Eltern vermehrt ausserstädtischen Krippen zuwenden werden, liege auf der Hand. Irritierend findet Conrad ausserdem, dass die Wegleitung nicht auf einer Unzufriedenheit der Eltern basiert – gemäss seinen Elternfeedbacks wird der bestehende Qualitätsstandard sehr positiv bewertet – sondern «der Politik zu verdanken ist.»

Die Stadt Luzern, welche diese Vorlagen umsetzen muss, erklärt die erhöhten Auflagen mit dem wachsenden Angebot. «Dieses Wachstum erhöht gleichzeitig die organisatorischen und die pädagogischen Anforderungen an die Betreuungsangebote. Auch seitens der Eltern werden erhöhte Qualitätsansprüche gestellt», sagt Monika Hürlimann Abteilung Kinder Jugend Familie der Stadt Luzern auf Anfrage. Sie bestätigt, dass durch die neue Regelung höhere Lohnkosten entstehen. «Wir gehen aber davon aus, dass eine qualifizierte Leitung und Begleitung sich in einem Betrieb in jeder Beziehung positiv auswirkt», argumentiert sie. Eine tertiär ausgebildete Person lerne etwa, wie pädagogische Standards konzeptionell weiterentwickelt und laufend optimiert werden können. «So können unter Umständen Frustrationen und damit grössere Fluktuationen des Personals vermieden werden, was im Moment für einige Institutionen eine recht kostspielige Sache ist.» Die Kostenentwicklung hat die Stadt Luzern letztmals 2018 mit einer Erhöhung der Betreuungsgutscheine zu Gunsten der betroffenen Eltern abgefedert. Sie werde die Entwicklung auch weiterhin genau beobachten, heisst es seitens der Stadt.

«Mit der Regelung werden wir benachteiligt»

Neu sollen Lernende nur noch Praktika von 6 Monaten absolvieren. Wenn von der Kindertagesstätte eine Lehrstelle garantiert wird, darf das Praktikum um 6 Monate verlängert werden – ansonsten müsse den Praktikanten ein massiv höherer Lohn bezahlt werden. Wer sich nicht an die Empfehlung hält, wird gerügt, muss jedoch (noch) keine Sanktionen befürchten. Kommt hinzu, dass sich der Kanton der Praktikantensituation angenommen hat. Bislang hatten viele angehende Lehrlinge nur dann eine Stelle in Aussicht, wenn sie zuvor Praktika absolviert hatten. Die Tripartite Kommission Arbeitsmarkt des Kantons Luzern hat Anfang Jahr eine Empfehlung erarbeitet – um dem Missbrauch von meist weiblichen Lernenden Praktikantinnen vorzubeugen (siehe Ausgabe vom 15. April). Auch darüber ist Kita-Betreiber Claudio Conrad erstaunt. «Es gibt überall schwarze Schafe, und es ist nicht in Ordnung, Praktikanten auszunehmen. Doch mit der Regelung werden wir benachteiligt. Keine andere Branche kennt so etwas.» Praktikanten seien nötig für den Betrieb. Zudem sei es für die Lehrstellenanwärter aufschlussreich. Einige könnten nach dem Praktikum eine Lehre ausschliessen.

Da kürzlich vom Kanton auch eine Empfehlung bezüglich Praktika herausgegeben wurde (siehe Kasten), hat sich Claudio Conrad entschieden, seine Personaleinteilung umzustellen. Künftig werde er nur noch wenige Praktikanten einstellen, damit man die Lehrstellen besetzen kann, sagt er. «Leider müssen wir das ganze System umdenken und nach Möglichkeiten in anderen Berufen mit sozialem Hintergrund Ausschau halten. Der Aufwand aufgrund der Auflagen sei schlicht zu gross. Deshalb hat Conrad ein Pilotprojekt lanciert, das, nach seinen Aussagen, letzten Sommer positiv gestartet sei. Statt der Praktikanten stellt er Studierende der Höheren Fachschule Zug in einem Teilzeitpensum ein. Damit erfülle er die städtischen Vorgaben. Conrad sagt aber auch: «Nur weil jemand über bessere fachliche Qualifikationen verfügt, heisst dies noch lange nicht, dass diese Person über mehr Sozialkompetenz oder besseren Zugang zu den Kindern verfügt. Hier kann eine Praktikantin einer hoch qualifizierten Studentin überlegen sein.

Die Studierenden arbeiten bei Conrad in einem 60 Prozent-Pensum. Daneben studieren sie Sozialpädagogik an der Höheren Fachschule. «Ich erfülle die Auflagen im Bestreben, möglichst wenig Mehrkosten zu generieren, und die Studierenden erhalten Lohn und Erfahrung. Ob die Betreuung durch Studierende statt Praktikanten von Eltern und Kindern mehr geschätzt wird, wird sich zeigen. Für die Praktikanten haben wir sicher keine Win-Situation.»

Verband steht hinter Änderungen

Der Verband Kinderbetreuung Schweiz (kibesuisse) unterstützt die Bestrebungen zur Verbesserung der Qualität in der Kinderbetreuung, wie Prisca Mattanza auf Anfrage sagt. «Ein wichtiger Schlüsselfaktor ist die Qualifikation des Personals.

Deshalb unterstützt kibesuisse diese Forderung, dass neben ausgebildeten Fachpersonen Betreuung auch höher qualifizierte Personen im Betrieb sind.» Allerdings weist auch der Verband auf die Finanzierungsproblematik hin. «Personen der Höheren Fachschule sind teurer. Es braucht mehr Geld oder einen höheren Betreuungsschlüssel für diese Fachpersonen.» Wichtig sei ausserdem, dass die Reglementierung die Innovation nicht einschränken dürfen. Im Fall von Conrad bewirkt sie das Gegenteil: Er geht mit seinem Pilotprojekt neue Wege.

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