Klara, Lisbeth und Rita kämpfen für ihre Kinder

Drei Mütter, die einst tief in der Drogenszene steckten, stehen vor der Wahl: Kind oder Drogen. Sie haben sich für ihre Kinder entschieden. Die Weihnachtsaktion der Neuen Luzerner Zeitung hilft mit, dass auch diese Kinder gut integriert aufwachsen.

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Mütter mit schwieriger Vergangenheit müssen sich ihr Lebensglück hart erarbeiten (Symbolbild Keystone).

Mütter mit schwieriger Vergangenheit müssen sich ihr Lebensglück hart erarbeiten (Symbolbild Keystone).

«Meine Kinder sind mein grösstes Glück und meine Rettung»: Die 45-jährige Lisbeth* sagt das mit grosser Bestimmtheit. Ähnliche Aussagen machen auch Klara* (49) und Rita* (52) beim zweistündigen Gespräch im Paradiesgässli in Luzern. Das Paradiesgässli ist eine Anlaufstelle des Vereins Kirchliche Gassenarbeit für Eltern und Kinder aus suchtbetroffenen Familien.

Im Vordergrund stehen hier nicht die Probleme, sondern die Förderung und Stärkung der Familien – und vor allem der Kinder. Das Paradiesgässli reicht jedes Jahr bei der LZ-Weihnachtsaktion Gesuche ein, damit Kinder aus suchtbetroffenen Familien genau so dazugehören und integriert sind wie andere Altersgenossen.

Schwierige Lebensgeschichten

Rita, Klara, Lisbeth: Jede der drei Frauen hat ihre eigene schwierige Geschichte hinter sich. Gemeinsam ist ihnen, dass sie dank und für ihre Kinder den Ausstieg aus der Drogenabhängigkeit geschafft haben; und dass sie wie Löwinnen für ihre Kinder kämpfen. «Ein Lehrer hat mir einmal gesagt, dass keine anderen Eltern bei Konflikten so rasch persönlich in der Schule auftauchen wie wir», sagt Lisbeth.

Lisbeth wurde als jenisches Kind im Alter von zwei Jahren ihren Eltern weggenommen. Ihre Jugend verbrachte sie in Kinderheimen und später als Verdingkind bei Pflegeeltern. Bereits als 16-Jährige suchte sie sich eine Arbeitsstelle und eine eigene Wohnung.

Später, in der Stadt, lernte sie einen Mann kennen, der auf Drogen war. «Und da kam ich selber in die Szene, in Zürich, auf dem Platzspitz», erzählt Lisbeth. Mit 23 wurde sie schwanger und stand eines Tages vor der Frage: Kind oder Drogen. «Ich habe mich für meine Tochter entschieden, nahm zehn Jahre lang Methadon und bekam drei weitere Kinder.» Eine Drogenbeziehung funktioniere nicht, weiss sie heute. Der Vater eines ihrer Kinder ist gestorben.

Seit sechs Jahren lebt Lisbeth mit einem neuen Partner zusammen. Zur Familie gehören heute auch zwei Grosskinder. «Es geht wunderbar, und wir haben es schön.» Sie habe das Wegkommen von den Drogen nur geschafft durch ihre Kinder. Lisbeth: «Die Behörden machten Druck, und ich brauchte diesen Druck.»

Jeder Franken für die Kinder

Lisbeths Budget ist klein, auch wenn sie es mit Putzarbeiten aufbessert. «Darum bin ich dankbar, wenn es Menschen gibt, die auch an uns denken. Wenn ich von irgendwo her ein wenig Geld bekomme, so gebe ich es immer für die Kinder aus. Sie wachsen ja so schnell aus den Kleidern raus. Es gibt auch immer wieder unvorhergesehene Anschaffungen und zusätzliche Auslagen, für die ich keine Rückstellungen habe.»
Auch Klara hat vier Kinder. Als sie vierjährig war, starb ihre Mutter. Sie wuchs bei ihrer Grossmutter und im Kinderheim auf. Als 7-Jährige wurde sie in den Ferien auf einem Bauernhof vergewaltigt. Mit 18 hat sie geheiratet, mit 19 war sie bereits wieder geschieden. «Ich habe Liebe gesucht und bin in die ‹Schissi getrampt›», sagt sie.

Dann folgte der Absturz in die Drogen – «durch einen Mann, dem ich helfen wollte, aus den Drogen herauszukommen». Klara bekam das erste Kind, wurde von ihrem Mann auf den Strich geschickt, um Geld zu verdienen. Irgendwann ging sie zur Polizei; «dort wurde mir mein Kind weggenommen». Daraufhin sei sie erst recht abgestürzt. «Mit 26 sagte ich mir: So kann es nicht weiter gehen, ich muss lernen, ohne Drogen zu leben.» Sie schaffte den Drogenentzug, später auch den Methadon-Entzug.

Trotz wenig Geld reich

Heute hat Klara wieder einen Partner, mit dem sich auch ihre Kinder gut verstehen. Drei ihrer Kinder seien voll in der Pubertät, das sei manchmal ein Stress, sagt sie schmunzelnd. «Die LZ-Weihnachtsaktion hat mir sehr geholfen nach einem Schicksalsschlag und bei der Anschaffung von warmen Kleidern für meine Kinder. Wichtig ist mir auch, dass ich im Paradiesgässli Beratung bekomme und mit anderen Betroffenen gute Gespräche führen kann und Zusammenhalt finde.»

An ihren Kindern habe sie grosse Freude, sie sei stolz auf sie. Oft sitze sie am Abend mit ihnen am Tisch und spreche über den vergangenen Tag. «Eines meiner Kinder sagte kürzlich, gäll Mami, wir sind arm. Ich habe gesagt, wir haben nicht viel Geld, aber wir sind reich. Denn wir haben ein gutes Herz und helfen einander.»
«Ich wurde mit Schlägen erzogen», erzählt Rita. Mit 16 ist sie zu Hause abgehauen, arbeitete schwarz in Zürich, wurde vom Vater nach Hause zurückgeholt und ging wieder weg. Mit 19 bekam sie ein Kind, das von ihren Eltern grossgezogen wurde. Der Vater ihres Kindes war zuerst drogen- und später alkoholabhängig. Ritas zweiter Freund, drogenabhängig und HIV-positiv, starb. Rita wurde selber schwer heroinsüchtig, nahm dreimal eine Überdosis, «aber ich wollte nicht sterben». Sie schaffte den Entzug, hat heute eine Familie mit Kindern und arbeitet im Gesundheitsbereich.

Selbstvertrauen für die Kinder

«Mir ist es sehr wichtig, dass meine Kinder bei den anderen Kindern voll integriert sind, denn das gibt ihnen Selbstvertrauen.» Die LZ-Weihnachtsaktion sei eine «tolle Sache», betont Rita. «Mir und anderen Müttern hilft sie mit dem Zustupf, dass unsere Kinder beim Hobby und beim Sport auch mitmachen können. Denn die Anschaffung zum Beispiel eines Musikinstruments oder von Schlittschuhen liegt bei einem kleinen Budget nicht drin.»

Vorbild für junge Frauen

Die Leiterin des Paradiesgässli, Gabriela Rohrer, sagt: «Lisbeth, Rita und Klara sind drei starke, gestandene Frauen, die heute für manche junge Frauen, die hierher kommen und noch kämpfen müssen, Vorbild sind. Ihr Beispiel zeigt, dass es sich lohnt, von den Drogen wegzukommen.»

Klara sagt beim Abschied: «Schreib, dass die Leser, die für die LZ-Weihnachtsaktion spenden, für uns ein Licht anzünden, auf Weihnachten und fürs ganze neue Jahr. Das gibt uns das Gefühl, dass wir akzeptiert sind. Auch dafür sind wir dankbar.»

Ruth Schneider / Neue LZ

HINWEIS
* Namen geändert. Infos zum Paradiesgässli:

Erstmals mehr als 3 Millionen

Stolz können wir heute einen schönen Rekord vermelden: Die Spenden für die Weihnachtsaktion unserer Zeitung haben erstmals die 3-Millionen-Franken-Grenze erreicht und bereits überschritten. Und wir sammeln weiter.

Erwin Bachmann, Stiftungsratspräsident der LZ-Weihnachtsaktion, freut sich riesig über den Erfolg: «Ich danke allen Spendern von Herzen. Unsere Spendenaktion 2011 ist wiederum ein grossartiges Zeichen von Solidarität aus und für unsere Region. Wir haben ein treues Netz in der Zentralschweiz und sind für viele Menschen, ob Spender oder Empfänger von Hilfeleistungen, zu einer anerkannten, festen Institution geworden.»

Diese «Nachbarschaftshilfe» sei in unserer Region beliebt und verankert, zumal die Weihnachtsaktion überschaubar und transparent sei «und mit bescheidenem Aufwand viel Geld generiert». Der Stiftungsratspräsident ist stolz, dass die Weihnachtsaktion «viel Vertrauen geniesst, und dies zu Recht. Denn unser Beirat leistet in Zusammenarbeit mit den Gemeinden und den Institutionen seriöse Arbeit und leitet die Hilfsgelder unkompliziert dorthin, wo Hilfe notwendig ist.»

Die LZ-Weihnachtsaktion verzeichnet für 2011 auch einen Höchststand an Hilfsgesuchen: Es sind mehr als 2200 Gesuche (Vorjahr: 2109).

Spenden können Sie weiterhin auf das Postkonto 60-33377-5 oder online