Kloster reagiert mit «Bedauern» auf Übergriffe

Ein unabhängiger Expertenbericht bestätigt, dass überforderte Ingenbohler Schwestern zwischen 1928 und 1970 Heimzöglingen Leid zugefügt haben. Der Bericht geht auch auf die miserablen Bedingungen ein, unter denen die Schwestern bis zur Erschöpfung arbeiteten.

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Schwester Marie-Marthe Schönenberger entschuldigt sich bei den Opfern. (Bild: Boris Bürgisser / Neue LZ)

Schwester Marie-Marthe Schönenberger entschuldigt sich bei den Opfern. (Bild: Boris Bürgisser / Neue LZ)

Die vom Kloster beauftragte Expertengruppe hat am Mittwoch nach zweijähriger Arbeit ihren Bericht vorgestellt. Auslöser war der 2010 ausgestrahlten Dokumentarfilm «Das Kinderzuchthaus» von Beat Bieri. Darin geht es um die Erziehungsanstalt Rathausen bei Luzern, in der - neben vielen anderen Heimen - Ingenbohler Schwestern tätig waren.

Der Kommission unter dem Vorsitz des Wettinger Anwalts Magnus Küng wollte nach eigenen Angaben weder richten noch entschuldigen, sondern erklären. Man habe Antworten finden wollen, warum eine nicht unerhebliche Anzahl von Kindern so hilflos ihren Peinigern ausgesetzt gewesen sei, sagte Küng.

Schuld vieler Institutionen

Das Gremium kam zum Schluss, dass das Kloster, aber auch Behörden, Aufsichtsorgane und Heimdirektoren eine Schuld treffe. Es habe Übergriffe und Fehlverhalten gegeben, die nicht hätten passieren und nicht hätten geduldet werden dürfen, sagte Küng. Die Betroffenen hätten das Mitgefühl des Klosters verdient.

Das Kloster reagierte mit «Traurigkeit» und «Bedauern» darauf, dass «Mitschwestern in Einzelfällen in der Erziehungsarbeit unangemessen gehandelt haben». Provinzoberin Marie-Marthe Schönenberger sagte, als sie von den Vorfällen in Rathausen gehört habe, sei sie schockiert gewesen. Der Bericht sei ein Mahnmal und solle auch der Prävention dienen.

Die Kommission stiess bei ihrer Untersuchung auf zum Teil unhaltbare Zustände. Der Pädagoge Anton Strittmatter sagte, die dokumentierte Not der ausgelieferten Kinder hätten bei ihm mehrmals Trauer, Wut, Entsetzen und Übelkeit hochkommen lassen.

Eine Schwierigkeit der Kommission war, dass sich nicht alle Zeugnisse von ehemaligen Zöglingen mit Fakten bestätigen liessen. Trotzdem sei es plausibel, dass auch Schwestern sexuelle Übergriffe begangen hätten, sagte Strittmatter. Zumindest gebe es keine plausiblen Gründe dagegen.

«Wohltäterinnen, Täterinnen und Opfer»

Dass es in den Heimen zu Übergriffen kam, liegt nach Ansicht der Kommission auch an den schwierigen Umständen, unter denen die Schwestern bis zur Erschöpfung arbeiten mussten. Die Schwestern waren ungenügend ausgebildet, die Infrastruktur war mangelhaft, die Betreuungsquoten waren unzumutbar, die Amtsstellen uninteressiert.

Neben dem Leid der Kinder habe es auch viel Leid bei den überforderten Schwestern gegeben, sagte Strittmatter. Es habe unter den Schwestern Wohltäterinnen, Täterinnen und Opfer gegeben.

Der Historiker Carlo Moos sagte, dass die Schwestern von ihrer Einstellung her zur Ausbeutung prädestiniert gewesen seien. Je mehr sie ausgebeutet worden seien, umso mehr hätten sich viele in ihrem Dienst am Kreuz bestätigt gefühlt.

Dazu kam zu oft eine Politik des Wegschauens. Statt einer Fehler- und Qualitätskultur gab es Selbstgerechtigkeit. Der gute Ruf der Gemeinschaft und der Kirche sei oft wichtiger gewesen als das Wohlergehen der Kinder, sagte der Kommissionspräsident.

Die Kommission untersuchte auch angebliche Tötungen und Suizide im Kinderheim Rathausen. Diese liessen sich jedoch im juristischen Sinn nicht bestätigten. In einem Falle geht die Kommission aber davon aus, dass sich die Schwestern einer Unterlassung der Nothilfe schuldig gemacht haben.

sda

Heimpersonal schreckte vor Foltermethoden nicht zurück

Die Situation für Kinder in Luzerner Heimen zwischen 1930 und 1970 war teils niederschmetternd. Zu diesem Schluss kamen neben der Ingenbohler Expertengruppe auch zwei Untersuchungsberichte des Kantons Luzern und der katholischen Kirche im vergangenen Jahr. Die beiden Berichte, die im September 2012 vorgestellt wurden, bilanzierten, dass in der Vergangenheit fehlendes Geld und Personal, Stigmatisierung, Repression und die Sexualmoral in Kinderheimen zu Misshandlungen führten. 54 im Auftrag der Luzerner Regierung befragte ehemalige Heimkinder berichteten von fehlender Zuwendung während ihrer Zeit im Heim. Sie fühlten sich ohnmächtig und alleingelassen, diskriminiert und zurückgesetzt. Mehr als die Hälfte der Befragten berichtete von sexueller Gewalt. Es herrschte ein repressives, militärisches Strafwesen, das auch vor Foltermethoden wie dem Unterwasserdrücken des Kopfes nicht zurückschreckte, wie es in dem Bericht heisst. 15 Kinder- und Jugendheime gab es von 1930 bis 1970 im Kanton Luzern; sie betreuten zwischen 540 und 750 Kinder. In mindestens zehn Heimen arbeitete Ordenspersonal. Die Luzerner Regierung entschuldigte sich 2011 bei den Betroffenen für die Vorfälle. Die Handlungen seien allerdings verjährt, ein Anspruch auf Entschädigung bestehe nicht, sagte der Luzerner Sozialdirektor Guido Graf bei der Präsentation der Berichte. Auch Bischofsvikar Ruedi Heim vom Bistum Basel drückte damals sein Bedauern über das Unrecht aus und bat die Opfer um Entschuldigung. (sda)