KONSUM: Der Milchpreis ist im Sinkflug

Die Lage im Schweizer Milchmarkt spitzt sich zu. Die Verarbeiter wollen künftige Verluste in Form von tieferen Preisen an die Milchbauern weitergeben. Es drohen herbe Lohneinbussen.

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Ab heute erhalten die Milchbauern in der Zentralschweiz weniger Geld für ihre Milch. Auf das Jahr gerechnet droht ein Verlust von rund einem Zehntel des Einkommens. (Bild: EQ Images/Eddy Risch)

Ab heute erhalten die Milchbauern in der Zentralschweiz weniger Geld für ihre Milch. Auf das Jahr gerechnet droht ein Verlust von rund einem Zehntel des Einkommens. (Bild: EQ Images/Eddy Risch)

Bernard Marks, Carole Gröflin

Jakob Lütolf ist betrübt. Der 48-Jährige ist Präsident des Luzerner Bäuerinnen- und Bauernverbandes. Seit Generationen produziert seine Familie auf dem Betrieb in Wauwil Milch für die Genossenschaft der Zentralschweizer Milchproduzenten (ZMP). Doch die Lage spitzt sich auf dem Schweizer Milchmarkt wieder einmal zu. «Wir Milchbauern haben es nach dem Entscheid der Schweizerischen Nationalbank am 15. Januar bereits befürchtet, dass die Aufhebung der Euro-Franken-Bindung auch für uns Folgen haben wird», sagt er.

Brief von den ZMP

Jetzt hat sich Lütolfs Befürchtung bewahrheitet. Der Milchpreis sinkt erheblich. Heute morgen haben rund 2100 Milchproduzenten in der Zentralschweiz einen Brief mit einer unerfreulichen Nachricht erhalten. Das Schreiben stammt von den ZMP. Es informiert darüber, welche Milchpreise ab Februar gelten sollen. «Wegen der Frankenstärke muss der Rückbehalt der ZMP von bisher 1,5 Rappen auf 4,1 Rappen erhöht werden. Dies entspricht einer Milchpreissenkung von 2,6 Rappen pro Kilogramm Milch auf den 1. Februar 2015», erklärt ZMP-Sprecherin Carol Aschwanden.

Dieser Rappenbetrag erscheint zunächst unerheblich. Doch hochgerechnet auf die gesamte Milchmenge in der Zentralschweiz ergibt sich eine gigantische Zahl. Legt man die gesamte eingekaufte Menge Molkereimilch der ZMP zu Grunde dies sind 334 Millionen Kilo pro Jahr –, entsteht ein Minusbetrag von 8,6 Millionen Franken pro Jahr. «Das entspricht rund 4095 Franken, die einem Milchbetrieb im Durchschnitt pro Jahr fehlen werden», sagt Aschwanden. Das bedeutet, dass ein durchschnittlicher Milchbetrieb in der Zentralschweiz im kommenden Jahr auf rund 10 Prozent seines Einkommens verzichten muss. Laut Angaben des Kompetenzzentrums des Bundes für landwirtschaftliche Forschung Agroscope liegt der Arbeitsverdienst einer Familie auf einem Milchwirtschaftsbetrieb im Jahr bei 40 772 Franken.

Emmi kürzt Bauern das Geld

Verantwortlich für die aktuelle Preissenkung sind die Schweizer Milchverarbeiter. Firmen wie Emmi deren Anteile mehrheitlich von den Zentralschweizer Milchbauern gehalten werden – geraten wegen der Frankenstärke unter Druck. Der Luzerner Milchverarbeiter hatte zum Beispiel in dieser Woche angekündet, seinen 6500 Milchbauern weniger für ihre gelieferte Milch auszuzahlen. Damit will die Emmi-Gruppe sicherstellen, ihr mittelfristiges Rentabilitätsziel von 2,5 bis 3,5 Prozent (Reingewinnmarge) zu erreichen. Die Einbussen für alle Emmi-Milchproduzenten gehen jedoch in die Millionen. Denn Emmi senkt den Milchpreis über alle Sparten der Milch (A,B und C-Milch) um jeweils 2,3 Rappen pro Kilogramm. Bei einer Milchmenge von rund 900 Millionen Kilogramm Milch macht das einen Betrag von 20,7 Millionen Franken aus, den Emmi ihren Milchproduzenten weniger auszahlt.

«Emmi ist sich bewusst, dass die Luft bei den Milchproduzenten dünn geworden ist», sagt Lütolf. Deshalb ärgert es ihn, dass der Luzerner Milchverarbeiter auf seiner Gewinnmarge beharren will: «Ihr Gewinn geht auf Kosten der Milchbauern», sagt er. Mancher Landwirt könnte jetzt das Handtuch werfen. «Denn der Milchpreis ist schon lange nicht mehr kosten­deckend», beklagt sich Lütolf.

Produktion nicht kostendeckend

Nicht nur die Einkommenseinbussen schmerzen. Als sei es damit nicht genug, stehen auch noch Investitionen innerhalb seines Betriebes an doch diese muss Lütolf nun zurückstellen. «Wir haben bereits eine sehr niedrige Wertschöpfung, da bleibt am Ende der Rechnung wenig übrig», gibt der zweifache Familienvater zu bedenken. Das was derzeit im Schweizer Milchmarkt geschehe, seien klare Fehlentwicklungen, so Lütolf. «Es ist sicher schwierig für die Milchbauern», sagt Emmi-Sprecherin Sybille Umiker. «Doch es ist nur ein kleiner Anteil an den kommenden Einbussen der Emmi, den die Milchproduzenten übernehmen müssen.» Auch beim Milchpulverhersteller Hochdorf werde es gemäss Sprecher Christoph Hug wahrscheinlich einen Rückbehalt beim Produzentenmilchpreis wegen der Aufhebung des Mindestkurses geben. «Wie hoch dieser sein wird, können wir noch nicht sagen», so Hug. Klar sei aber, dass ein Rückbehalt Ende Jahr bei einem besseren Wechselkurs oder bei einer Aufstockung der Schoggi-Gesetzmittel an die Milchproduzenten zurückbezahlt wird.

«Der Druck, der durch den billigen Euro auf den Milchpreis ausgelöst wird, ist dramatisch», erklärt Stephan Hagenbuch, stellvertretender Direktor der Schweizer Milchproduzenten. Dreiviertel der Schweizer Milch sei dem direkten oder indirekten Wettbewerb mit ausländischen Produkten ausgesetzt. Am meisten betroffen sei der Käse, aber auch alle Produkte, die über das sogenannte «Schoggi-Gesetz» exportiert werden. «Jetzt ist es wichtig, sowohl das Qualitäts- wie auch das Konsumniveau von Produkten mit Schweizer Herkunft im Inland mindestens zu halten», sagt Hagenbuch. Er sieht hierfür die Grossdetaillisten in der Verantwortung. «Die Agrarpolitik ist auf diese Entwicklung nicht vorbereitet gewesen», meint Hagenbuch.

Die Entwicklung des Zentralschweizer Milchpreises. (Bild: Quelle: SMP / Grafik: Janina Noser)

Die Entwicklung des Zentralschweizer Milchpreises. (Bild: Quelle: SMP / Grafik: Janina Noser)