KONSUM: Die Talsohle ist durchschritten

Der Detailhandel hat das Schlimmste hinter sich. Aber mehr Kunden wandern ins Internet ab. Dies wird vor allem für Zentralschweizer Detaillisten zur Herausforderung.

Bernard Marks
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Die Schweizer Shoppingmeilen sind wieder prall ?gefüllt (im Bild die Hertensteinstrasse in Luzern). (Archivbild Neue LZ)

Die Schweizer Shoppingmeilen sind wieder prall ?gefüllt (im Bild die Hertensteinstrasse in Luzern). (Archivbild Neue LZ)

Gute Neuigkeiten für den Detailhandel, schlechte für den Schweizer Konsumenten. Die grossen Preisschlachten in der Schweiz sind nach Ansicht von Experten offenbar geschlagen. Im 2013 dürften die Preise für Produkte des täglichen Bedarfs nicht weiter so drastisch sinken, wie dies in den beiden vergangenen Jahren der Fall war.

Grund für diese Annahme sind die Ergebnisse der Studie «Retail Outlook 2013», welche Ökonomen der Credit Suisse jährlich zusammen mit dem Baarer Beratungsunternehmen Fuhrer & Hotz durchführt. Danach hat der Schweizer Detailhandel seine Talsohle im Jahr 2012 durchschritten. Im 2013 steigen die Umsätze im Detailhandel erneut – um erfreuliche 1,5 Prozent, so die Schätzung.

Höhepunkt ist erreicht

Nach Hochrechnungen, die sich aus den Ausfuhrbescheinigungen des deutschen Zolls ergeben, habe der Einkaufstourismus im Jahr 2012 seinen Höhepunkt erreicht. Die Credit Suisse geht von einem Volumen von 5 bis 6 Milliarden Franken aus, die Schweizer im Ausland einkauften. Dies sei eine Steigerung zum Vorjahr um 25 Prozent. Mehr als die Hälfte floss nach Deutschland ab. «Der Einkaufstourismus wird sich auf hohem Niveau stabilisieren, dafür gibt es bereits mehrere Anzeichen», sagte gestern der Branchenanalyst der Credit Suisse, Damian Künzi, in Zürich. Denn die Kapazitäten der Infrastruktur im Ausland seien laut Künzi ausgelastet. Verkehrsstaus an der Grenze seien oftmals die Folge. Als weitere Gründe nennt der Analyst die tendenziell steigenden Preise im Ausland sowie der stabile Euro-Wechselkurs.

Zudem sei ein wesentliches Bedürfnis des Schweizer Konsumenten immer deutlicher erkennbar: das Einkaufen in der Region. «Kurze Wege sind mehr denn je gefragt beim Konsumenten», sagt Künzi. Davon zeugt der Boom der Tankstellen- und Nachbarschaftsläden. Gut die Hälfte, 53 Prozent der Schweizer Konsumenten erledigt den Einkauf innerhalb der Wohngemeinde.

«Showrooming» als neues Problem

Die Bequemlichkeit geniesst beim Einkaufen immer noch vor dem Preis den Vorrang, so die Experten. Aber zunehmend tritt ein neues Problem auf. Denn immer mehr Kunden wandern ins Internet ab. Dabei nutzen diese Kunden oft die freundliche Beratung des Geschäfts von nebenan. «Einmal eine Beratung im Laden genossen, zieht es die Kunden zum preisgünstigeren Internetanbieter», erklärt der Baarer Detailhandelsexperte Martin Hotz (46). Nicht selten kommen Kunden nur noch in den Laden, um sich über die Produkte zu informieren. Haben sie etwas gefunden, werden Marke und Typ mit der Handykamera abfotografiert. Zu Hause kaufen dann diese Kunden einfach beim billigsten Anbieter – dieser findet sich oft im Internet. Der gesamte Non-FoodBereich sei stark von der Abwanderung des Kunden ins Internet betroffen. Ausserhalb der Schweiz ist das sogenannte Phänomen des «Showrooming» bereits weitverbreitet. Auf der Internetseite factbrowser.com ist nachzulesen, dass 72 Prozent der Konsumenten in den USA und Grossbritannien im Alter zwischen 20 und 40 Jahren mobile Geräte wie Smartphones nutzen, um noch im Geschäft Preise zu vergleichen. 43 Prozent der befragten Smartphone-Nutzer gaben an, im Laden Fotos von Produkten zu machen und diese an Freunde zu versenden, um anschliessend per SMS oder per Telefon darüber zu diskutieren. Ein Grossteil verlässt den Laden, ohne einen Kaufentscheid getroffen zu haben.

Sonderfall Zentralschweiz

«Showrooming» kann hohe Kosten für Händler verursachen. Abnutzung von Produkten oder Zeitaufwand durch die Beratung können Händler aber teuer zu stehen kommen. Grosse Discounter in den USA wie Target oder Walmart haben bereits auf das Phänomen des «Showrooming» reagiert, indem sie, statt dauerhaft Preise zu senken, Produkte exklusiv in ihren Läden verkaufen.

Besonders in den Ballungszentren der Zentralschweiz sollte sich der Detailhandel auf dieses Problem einstellen. «Dort werden besonders viele Kunden mangels Alternativen ins Internet abwandern. Dies wird in der Innerschweiz eher zu einer Herausforderung werden als der Einkaufstourismus», denkt Hotz. Lediglich 17 Prozent der Zentralschweizer kaufen im Ausland ein, weil der Anfahrtsweg zu lang ist. Was Detaillisten helfen kann, ist laut Hotz, auf allen Vertriebskanälen mit dabei zu sein.