KÜSSNACHT: Sie hat schon oft ans Aufgeben gedacht

Tränen, Zweifel und Höchstleistungen: Martina-Simone Mayer erlebte in der Armee schon viele Grenzerfahrungen. Aufhören will sie deswegen nicht.

Andrea Schelbert
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Martina-Simone Mayer aus Küssnacht will das Militär zum Beruf machen. (Bild: Andrea Schelbert / Neue SZ)

Martina-Simone Mayer aus Küssnacht will das Militär zum Beruf machen. (Bild: Andrea Schelbert / Neue SZ)

Martina-Simone Mayer schluchzt und weint. Es ist dunkel, eng und nass. Das Wasser reicht ihr bis zu den Oberschenkeln. Überlebenswoche! 4,2 Kilometer lang und 1,20 Meter hoch ist die Kanalisationsröhre. Mitten in der Nacht wird den angehenden Offizieren befohlen, der Röhre entlangzurobben. Die junge Frau hat panische Angst vor Fröschen – und davon gibt es hier unzählige. Doch die Küssnachterin weiss: Es gibt kein Zurück. Will sie die Offiziersschule bestehen, muss sie da durch.

Straffe Führung erlebt

«Ich würde das nie wieder machen, aber ich habe es geschafft», sagt Mayer stolz. Die 28-Jährige ist die erste Frau, die ihre Ausbildung von der Rekrutenschule bis zum Abschluss der Offizier­schule bei der Infanterie absolviert hat. Sie weiss noch von mehreren anderen Erlebnissen zu erzählen, bei denen sie körperlich und psychisch an ihre Grenzen gekommen ist. Schon am ersten Tag habe sie aufgeben wollen. «Die Atmosphäre im Militär war völlig neu für mich. Ich hatte Probleme mit der straffen Führung, und ich wurde angeschrien.» Der erste Tag sei erst kurz vor Mitternacht zu Ende gewesen. «Ich habe im Bett geweint und wollte wieder heim.»

Doch das war erst der Anfang. «Das Schlimmste war für mich der 100-Kilometer-Marsch. Wir haben Blut und Tränen geschwitzt.» Kann Mayer denn in solchen Aktionen einen Sinn sehen? «Ja», antwortet sie wie aus der Pistole geschossen. Der Sinn für sie sei, das durchzustehen. «Danach bin ich glücklich, weil ich es geschafft habe.» Sie habe schon etwa 500-mal darüber nachgedacht, das Militär aufzugeben. «Natürlich habe ich mich in solchen Momenten auch selber gefragt, wieso ich das freiwillig mache. Doch ich habe etwas geschafft, was kaum eine andere Frau erreicht. Ich werde mit dem Militär sicher nicht aufhören», betont sie. Denn die Powerfrau hat noch längst nicht genug. Für sie ist klar: Sie will Berufsmilitär werden. Noch fünf bis sechs weitere Jahre stehen ihr bevor. «Ich möchte in der höheren Kaderausbildung tätig sein», erklärt sie.

Ehemalige Eiskunstläuferin

Doch wer ist diese 1,61 Meter grosse, willensstarke Frau, die freiwillig Armeedienst leistet und den Männern die Stirn bietet? Klar ist: Martina-Simone Mayer hat Temperament und ist offensiv. Sie spricht schnell und viel. Sie trinkt Cola und lacht gern. Sie hat 16 Jahre Eiskunstlauf betrieben. Zwischendurch verrät sie ein paar Sätze über ihr Privatleben: «Ich liebe es, mit figurbetonter Kleidung auszugehen.» Oder: «Ich habe in meiner Kindheit mehrmals gesagt, dass es schade ist, dass ich ein Mädchen bin, weil ich sonst zur Armee gehen könnte.»

Körperliche Strapazen, Höchstleistungen, Schlafmangel, Kälte, keine Privatsphäre und diverse Grenzerfahrungen: Warum leistet eine Frau freiwillig Armeedienst? Ursprünglich hatte die Küssnachterin eine Lehre als Pflegeassistentin gemacht und in einem Altersheim gearbeitet. Doch sie konnte sich nicht vorstellen, diese Arbeit bis zu ihrer Pension zu erfüllen. «Ich habe gemerkt, dass ich etwas brauche, das mich körperlich und psychisch an meine Grenzen bringt. Denn ich bin ein tatkräftiger Mensch, bei mir läuft immer etwas. Ich habe so viel Energie und Temperament und wollte diese einsetzen können.» Sie habe etwas gesucht, das sie körperlich fordere und gleichzeitig psychisch weiterbringe. In einem anderen Gespräch sagte Mayer zu dieser Frage: «Hier kann man nicht einfach sagen: Ich will nicht. Hier muss man. Das entspricht mir.» Mayers Lieblingszitat: «Nicht weil wir es wagen, ist es schwer, sondern weil wir es nicht wagen, ist es schwer.»

Die Eltern waren überrascht, als ihnen ihre Tochter von ihrem Ziel erzählt hatte. «Mein Vater war überhaupt kein Militär-Fan. Er fragte mich: Muss es denn unbedingt das Militär sein? Willst du nicht lieber auf eine Reise gehen?» Und auch die Mutter war keineswegs begeistert. Doch die Küssnachterin hielt an ihrem Vorhaben fest und meldete sich zur Rekrutierung an. «Mein Vater hatte nicht geglaubt, dass ich die Tests schaffen würde. Ich wusste, dass ich alles geben muss. Ich bin darum wie eine Wahnsinnige gerannt», erzählt Mayer lachend. Mit Erfolg: Der verantwortliche Oberst wollte sie nicht zur Sanitätssoldatin ausbilden. Trotz Widerstand lautete sein Entscheid: «Sie werden Infanterie-Sicherungssoldat.»

Die drei Jahre Militär haben bei Mayer Spuren hinterlassen. «Im Militär muss ich die Frau ablegen. Im zivilen Leben komme ich darum manchmal nicht mehr richtig klar. Die grösste Herausforderung ist, mir selber treu zu sein. Es ist schwierig, die Allüren der Männer nicht zu übernehmen», gesteht die 28-Jährige.

Sie habe sich während der Rekrutenschule immer wieder beweisen müssen. «Das schafft man nur mit Leistung, indem man den Männern zeigt, dass man Gleiches leisten kann wie sie.» Das Militär sei für sie ein sehr wichtiger Bestandteil ihres Lebens. «Es ist etwas, das mich stolz macht.»