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KULTUR: Urs Mattenberger: Er hört im Konzertsaal das Fallen des Schnees

Urs Mattenberger ist 57 Jahre alt und lebt mit seiner Familie in Emmenbrücke. Der Vater von zwei Söhnen (Matthias, 7, und Dominik, 5) muss als Kulturredaktor unserer Zeitung und Experte für klassische Musik in diesen Tagen des Lucerne Festival besonders gut hinhören.
Interview Turi Bucher
Urs Mattenberger (Bild: Archiv Neue LZ)

Urs Mattenberger (Bild: Archiv Neue LZ)

Urs Mattenberger, um mich für unser Gespräch vorzubereiten, habe ich die ganze Nacht Mozart gehört.

Urs Mattenberger: Ach, Sie Armer!

Wie muss man sich denn einen Reporter der klassischen Musik vorstellen? Dauernd vor dem Spiegel dirigierend, unter der Dusche Verdi-Arien singend und total zerstreut in die Autofahrbahn laufend?

Mattenberger: Arien singend am ehesten, aber die Leute, die mich kennen, wissen natürlich, dass ich wohl nicht solchen Klischees entspreche. Wenn ich beruflich in den Konzerträngen sitze, bin ich zwar weniger entspannt. Ich höre die Musik dann anders, weil ich daran bin, Stichworte für den Text zu suchen. Aber wenn ich nicht für die Zeitung an einem Konzert bin, dann will ich nicht fachsimpeln. Dann will ich es geniessen, den Plausch haben. Ich habe übrigens sogar einen Dirigenten-Witz mit an unser Gespräch gebracht.

Und der geht wie?

Mattenberger: Das Konzert neigt sich dem Ende zu, alle Musiker sind verschwitzt, der Dirigent dreht das letzte Blatt der Partitur um und sagt: «Gott sei Dank, noch acht Takte bis Feldschlösschen.»

Nicht schlecht. Aber wenn Sie beruflich Klassik hören, dann ist fertig lustig.

Mattenberger: Viele Klassik-Journalisten sitzen sogar mit den Partituren in den Rängen. Das mache ich nicht mehr. Erst recht gilt dies bei neuer Musik, die man noch gar nicht kennt: Wichtiger als falsche Noten sind die Kriterien, nach denen man das Gehörte beurteilt.

Und die wären?

Mattenberger: Es muss zum Beispiel ein Spannungsbogen erlebbar sein, ohne dass man dafür die Partitur studieren muss. Wenn das nicht erkennbar ist, dann habe ich keinen Zugang, ist mir die Musik zu abstrakt, zu sehr «L’art pour l’art».

Sie haben für unsere Zeitung auch eine beliebte Kolumne geschrieben. In «Papas Welt» haben Sie das Heranwachsen Ihrer beiden Kinder Matthias und Dominik begleitet. Ich nehme an, die sitzen jetzt stundenlang hinter ihren Instrumenten und müssen die Musik spielen, die der Vater hören will.

Mattenberger: Überhaupt nicht. Matthias rennt vor allem dem Fussball hinterher, er spielt für die F-Junioren des FC Emmenbrücke. Gut, Dominik spielt Klavier und findet den «Türkischen Marsch» cool. Und Matthias, das glaubt mir jetzt keiner, wollte von sich aus Geigenspielen lernen.

Familie Mattenberger daheim beim Musizieren. Ein schönes Bild. Oder besser: Das klingt sehr schön.

Mattenberger: Ich würde meine Kinder sicher noch nicht an eine abendfüllende Oper mitschleppen. Aber ja, die klassische Musik möchte ich ihnen schon «mitgeben». Daheim spiele ich neben dem Klavier das Akkordeon, meine Frau spielt Klavier und singt, die Kinder spielen ihre Instrumente.

Apropos Kinder. Es gab einmal eine Zeit, da habe ich auch gern und viel klassische Musik gehört. Aber seit die Kinder durch die Wohnstube rennen, geht das wirklich nicht mehr.

Mattenberger: Dann müssen Sie halt ins Konzert gehen. Der akustische Sound in einem klassischen Konzert hat etwas derart Sinnliches, das geht einfach unter die Haut. Ich sass einmal bei einem Kinderkonzert im Publikum, da hat Dana Marbach, die jetzt international Karriere macht, zwei Meter vor mir gesungen. Die hat mich derart angesungen, das vibrierte richtig, ich dachte, die singt nur für mich. Ja, ich bin ein total vergifteter Klassik-Freak. Und das Beste kommt noch: Leute, die ich an Konzerte mitnehme, die sie sonst kaum besuchen würden, sind auch überrascht.

Stichwort Konzert. Das KKL – eine gute Sache oder nur etwas für die oberen zehntausend?

Mattenberger: Was für eine Frage. Natürlich ist das KKL eine ganz gute Sache. Aber das Haus signalisiert das zu wenig. Das KKL müsste physisch viel offener werden.

Sie haben erwähnt, dass Sie selber Handorgel spielen. Das verbinde ich jetzt eher mit Schweizer Folklore.

Mattenberger: Handorgel lernte ich, um Tangos zu spielen, und fand dabei vor 20 Jahren zum Bandoneon – das war sozusagen mein erstes Kind. Das Bandoneon ist das Tango-Instrument. Es setzt scharfe Akzente, hat einen melancholischen, wehmütigen Klang. Für mein erstes Bandoneon wurde ich leider über den Tisch gezogen, ich zahlte rund 7000 Franken. Viel zu viel.

Und Ihr zweiter Bandoneon-Erwerb?

Mattenberger: Beim zweiten Mal liefs besser, weil der Verkäufer realisierte, dass ich es ernst meinte. Das zweite Instrument kostete nur noch 3000 Franken. Ach, das Bandoneon – ich war sofort verliebt, dieser Duft, wenn du den Balg auf- und zuziehst. Das riecht nach 100 Jahren Buenos Aires.

Sie hatten einige Zeit selber Aufführungen mit Tango-Ensembles und haben auch Tango getanzt. Also eine Weile weg von der klassischen Musik.

Mattenberger: Stimmt nicht. Die Verbindung zur klassischen Musik ist gross, der Tango hat so viel klassische Musik in sich. Ich tanze sonst überhaupt nicht. Ich habe es einmal mit Salsa probiert, aber ich kann nicht drei Minuten lang immer denselben Rhythmus tanzen.

Ich kenne nur die Tango-Szene aus dem Billy-Wilder-Film «Some Like It Hot» …

Mattenberger: (fällt ins Wort) Grässlich.

Grässlich?

Mattenberger: Ich meine … der Film ist natürlich grossartig. Aber der Tanz in dieser Szene ist europäischer Tango, bei dem der Kopf «hin- und hergespickt» wird. Viel zu unemotional, das hat nichts mit dem argentinischen Tango zu tun. Der ist viel freier, es wird viel mehr improvisiert.

Wie hat es bei Ihnen mit der klassischen Musik überhaupt angefangen?

Mattenberger: Eine meiner frühesten Kindheitserinnerungen – ich muss jünger als sechs gewesen sein – ist, wie ich unter dem Klavier sitze, während mein Vater spielt. Mit zwölf Jahren nahm ich dann Klavierunterricht. Es gab eine Zeit, da übte ich fünf Stunden pro Tag. Das führte zu einer langwierigen Unterarmentzündung und zum Studium der Musikwissenschaft in Zürich. Dann begann ich, zuerst für das «Badener Tagblatt» und später für die damalige LNN über Klassik zu berichten.

Man liest ja immer wieder von exzentrischen Musikern und Dirigenten. Haben Sie auch Ihre Müsterchen?

Mattenberger: In der Regel sind Klassik-Stars viel umgänglicher, als man glauben möchte. Ich erinnere mich an die Begegnung mit dem grossen, inzwischen verstorbenen italienischen Dirigenten Claudio Abbado. In der Anbahnung des Gesprächstermins hiess es: «jaaa – vielleicht – ein ganz kleines Interview – womöglich». Doch schliesslich durfte ich Abbado in seinem Engadiner Ferienort im Fextal besuchen. Wir assen zusammen, es war ein langes und herzliches Gespräch wie daheim bei einer italienischen Familie.

Erzählen Sie weiter.

Mattenberger: Und da, ich werde es nie vergessen, hat mir Abbado ein Bild für seine Vision des Lucerne Festival Orchestra «gezeichnet». Er verglich das Pianissimo, das ganz leise Spiel, mit dem feinen Geräusch, mit dem im Fextal der Schnee fällt.

Eigentlich hätte ich mir noch etwas exzentrischere Anekdoten gewünscht.

Mattenberger: Das Gegenteil war der österreichische Geiger Thomas Zehetmair. Ein lässiger Musiker. Aber der hat mir alle Fragen mit einem Ja oder mit einem Nein beantwortet. Ja oder nein, basta. Daraus entstand dann ein Text über die Unmöglichkeit, mit ihm ein Interview zu führen.

Dafür macht das Interview mit Ihnen Spass. Sie dürfen ruhig noch ein paar Geschichten erzählen.

Mattenberger: Ein Interview mit dem berühmten Dirigenten Sir Simon Rattle wurde kompliziert eingefädelt. Wir wurden nach Wien eingeladen. Es hiess, man dürfe nur eine Frage stellen. Da stand sie also, die Schlange von Journalisten, und jeder kam dran, aber durfte nur eine Frage stellen. Was für ein Brimborium. Aber es geht auch anders. Für ein Gespräch mit dem italienischen Pianisten Maurizio Pollini bekam ich eine Telefonnummer. Ich wählte sie, dann hiess es: «Pronto?», und schon war ich mit Pollini am Schwatzen.

Eine letzte kleine Anekdote aus dem Zirkel der hoch dotierten klassischen Musiker, bitte.

Mattenberger: Also. Ich bekam einen Interviewtermin mit der Stargeigerin ­Anne-Sophie Mutter. Ihre Bedingung war, dass ihr Mann, der Pianist und Komponist André Previn, dabei sein müsse. Kein Problem für mich. Aber als wir das Gespräch führten, fiel sie ihm jedes Mal ins Wort, wenn er was sagen wollte. Bei Solokonzerten stellt sich ja die Frage, wer das Sagen hat – der Solist oder der Dirigent. In diesem Fall war das rasch geklärt.

Welche drei Werke der klassischen Musik würden Sie mit auf die einsame Insel nehmen?

Mattenberger: Schuberts letzte Klaviersonate in B-Dur; das «Wohltemperierte Klavier» von Bach. Und etwas mit Gesang: «Tristan und Isolde» von Wagner. Darfs nicht noch ein bisschen mehr sein?

Nur zu. Es ist Ihr Gepäck.

Mattenberger: Die 9. Sinfonie von Mahler. Und die 9. von Beethoven. Und ein Tango-Sampler muss auch dabei sein. Da müsste «Malena» mit Osvaldo Pugliese und Piazzollas «Milonga del angel» mit Olivier Manoury mit drauf sein.

Mit welcher Musik beschliessen Sie einen perfekten Tag?

Mattenberger: Wissen Sie was? Am besten selber Musik machen oder singen!

Und jetzt wird es ganz ruhig im Konzertsaal, die Musik ist unheimlich schön, ruhig und romantisch, aber ich sehe keinen Ausweg, ich muss unbedingt niesen. Was tun?

Mattenberger: Nun, wenn die Musik wirklich gerade so ruhig und romantisch ist, dann ist es schon etwas heikel. Aber Sie glauben nicht, was mir einmal mit dem neuen Handy passiert ist. Ich hatte es auf «stumm» geschaltet, aber im Gerät «stumm» noch nicht definiert. Dann, während der Zugabe, einem feinen Pianostück, klingelte und klingelte es. Es hat einige Zeit gedauert, bis ich merkte, dass es mein neues Handy war.

INTERVIEW TURI BUCHER

KLeine note

Der Autor des Interviews hat auch noch einen Dirigenten-Witz mit ans Gespräch gebracht. Immerhin, Klassik-Experte Urs Mattenberger hat bei der Pointe laut herausgelacht: Böhm, Furtwängler und Karajan streiten sich, wer von ihnen der beste Mozart-Dirigent ist. Böhm sagt: «Lesen Sie nur die Zeitungskritiken, alle sagen, ich sei der beste Mozart-Dirigent.» Furtwängler lacht und sagt: «So? Mir ist gestern Gott erschienen, er hat mir persönlich gesagt, dass ich der beste Mozart-Dirigent sei.» Da springt Karajan auf und schreit: «Was? Das hab ich nie gesagt!»

Sie betreut die Heiligtümer der Leser – und darf kein Blut spenden

Daniela Bühler betreut via forum@luzernerzeitung.ch die Leserbriefe, die zumeist mit dem Wunsch zur Veröffentlichung an unsere Zeitung gesendet werden. Zwar liegt noch ein Brieföffner von ihrem Vorvorgänger auf dem Pult, doch die meiste Post wickelt sich mittlerweile elektronisch ab. Täglich erhält sie rund 20 bis 30 Mails, zwei Drittel davon sind Leserbriefe. Hat sie die aktuellen Leserbriefe gesichtet, bestellt sie den von ihr benötigten Platz für die nächste Zeitungsausgabe, manchmal eine ganze Seite, manchmal eine halbe. Ausserdem wählt sie zusammen mit dem Fototeam zur Illustration der Seite ein Leserbild (leserbild@luzernerzeitung.ch) aus. «Jeder erhält eine Antwort», sagt Daniela Bühler. Ausser die natürlich, die absichtlich eine falsche Adresse angeben….

Daniela Bühler, ein Leser hat mir empört geschrieben, weil er offenbar eine ironische Anmerkung in einem Artikel von mir nicht richtig verstanden hat. Wie soll ich reagieren?

Daniela Bühler: Auf jeden Fall antworten. Auf Beschwerden oder Reklamationen antworten wir seriös, wenn es der Fall erlaubt, antworten wir auch mal humorvoll. Das ist halt so eine Sache: Ironie in der Zeitung hats schwierig…

Wie ist der Umgang mit unseren Lesern eigentlich? Nett? Lieb? Mühsam? Anstrengend?

Bühler: Es gibt alles. Leserbriefschreiber haben ja dieses Image, selbst ernannte Abwarte und kleinliche Nörgler zu sein. Aber das stimmt überhaupt nicht: Fast alle haben ein ernst zu nehmendes Anliegen und geben sich immerhin die Mühe, dafür einen Leserbrief zu verfassen und mit ihrem Namen für ihr Anliegen hinzustehen. Viele sind freundlich und gut vernetzt und können sich gut ausdrücken. Ich habe jeden Tag einen Moment, wo ich denke: Das ist jetzt aber ein guter Text. Manchmal ereilt mich auch ein merkwürdiges Gefühl, wenn ich einen Brief lese. Wenn ich die Person dann aber am Telefon habe, stellt sich heraus, dass sie sehr nett, sehr normal ist.

Wie können Sie kontrollieren, dass nicht jemand mit falschem Absender in die Zeitungsspalten will?

Bühler: Es ist tastsächlich nicht möglich, alle Absender zu kontrollieren. Ich mache Stichproben. Nach sechs Jahren hat man ein gewisses Gespür – und nach ungefähr 15 000 veröffentlichten Leserbriefen hoffe ich immer noch jeden Tag, dass es mich nicht verlässt. Ich habe schon mehrere Male Briefe mit falscher Adresse erwischt und rausgepickt. Und ich muss zugeben, wenn einer einen sehr polemischen Brief mit «Müller» unterschreibt, werde ich unruhig.

Die böseste Reaktion eines Leserbriefschreibers?

Bühler: Wenn zwei mit gleichem Namen im selben Dorf wohnen, und einer von beiden schreibt einen Leserbrief, ist die Verwechslungsgefahr gross. Oft bekommt dann der falsche Adressat gehässige Briefe und Telefone – und hat dann auch noch eine ganz andere Meinung. Die meisten Opfer solcher Verwechslungen gehen damit sehr locker um – aber es hat schon sehr schwierige Situationen gegeben. Wir sind diesbezüglich vorsichtiger geworden, indem wir etwa in der Autorenzeile genauere Angaben über einen Autor mache . Wir geben zum Beispiel Doppelnamen an oder Berufsbezeichnungen.

Journalisten lassen sich nicht gern in ihre Texte reinreden. Und gekürzt dürfen sie schon gar nicht werden. Wie ist es mit den Leserbriefschreibern?

Bühler: Sehr unterschiedlich. Die einen kennen das Geschäft ein bisschen. Aber andere haben ein ganz anderes Verständnis von Texten – sie sehen den Text als etwas geradezu Heiliges, – schon ein gestrichenes «und» kann da als sinnentstellend wahrgenommen werden. Ich habe aber gewisse Sachzwänge – zum Beispiel ein Layout, in das ein Text oder mehrere Texte passen müssen. Oft heisst es für mich, die richtige Balance zwischen Kürzen und kleinen Änderungen zu finden. Einmal hatte ich eine Leserin, die sich ständig beklagte, dass ihre Briefe gekürzt würden. Ich erklärte ihr, dass sie das nicht persönlich nehmen und ich auch andere Briefe kürzen müsse. Wissen Sie, was die Dame dann getan hat?

Kürzere Briefe wird sie wohl nicht geschrieben haben.

Bühler: Nein. Ganz anders. Sie hat allen anderen Leserbriefschreibern, die auf derselben Seite vertreten waren, angerufen und sich erkundigt, ob deren Leserbrief auch gekürzt wurde.

Und doch, ich weiss es ja selber, die schönen Erlebnisse mit unseren Lesern überwiegen.

Bühler: Nun, in Sachen Leserbriefe, da ist halt schon oft Zornesröte mit im Spiel. Man hat ein echtes Anliegen und eine schlaflose Nacht lang an einem Text herumgefeilt. Und dann wird er auch noch gekürzt! Aber es gibt jeden Tag auch schöne und lustige Erlebnisse. Einmal musste ich einem Parteipräsidenten erklären, warum ich seine Leserbriefe gelegentlich nicht brachte: Weil er darin oft die 0815-Argumente seiner Partei zu einer Abstimmung brachte. Ich habe ihm frischere Argumente empfohlen, solche, die mehr aus dem Leben gegriffen sind, in denen man ein bisschen Herzblut spürt. Normalerweise antworten die Leute dann: Kritisieren sie meinen Leserbrief nicht! Aber dieser Parteipräsident, der hat sich das richtig zu Herzen genommen, seine Briefe wurden massiv besser, sogar die meisten Briefe seiner Parteikollegen.

Was tun Sie, wenn jemand mit der Kündigung des Zeitungsabonnements droht, wenn sein Leserbrief nicht abgedruckt wird.

Bühler: Ich versuche einen Kompromiss zu finden und zum Beispiel einen Auszug zu bringen – oder gebe ihm einem Rat, wo er das Schreiben sonst hinschicken kann. Wenn es einfach unmöglich ist, einen Brief abzudrucken, dann gebe ich eine freundliche, aber ehrliche Begründung.

Was für Leserbriefe sind denn «unmöglich»?

Bühler: Leserbriefe, die in die Zeitung gestellt werden, dürfen keine Beschimpfungen und Ehrverletzungen beinhalten und nicht geschäftsschädigend oder rassistisch sein. Und, wie schon erwähnt, bleiben Kürzungen vorbehalten. Dazu muss die vollständige Adresse angegeben sein. Die Daten werden vertraulich behandelt, Mails werden nach zirka einem halben Jahr gelöscht.

Welches sind eigentlich die Themen-Hits?

Bühler: Abgesehen von der Briefflut vor Abstimmungen sind es lokale Themen wie zum Beispiel der Verkehr – vor allem in der Stadt Luzern. Dann auch religiöse Themen. Der Fussball. Und Tiere.

Was prädestiniert Sie dazu, die Leserbriefe und deren Autoren zu betreuen?

Bühler: Meine Eltern haben in der Stadt Luzern am Postschalter gearbeitet, mussten täglich Dutzende von Kunden betreuen. Am Mittagstisch habe ich viel gelernt, eben, wie man mit Kunden umgeht, wie man reagiert, wenn jemand verärgert ist. Auch, dass man diskret sein soll und solche Geschichten nicht herumerzählt.

Was haben Sie eigentlich vor Ihrer journalistischen Tätigkeit gemacht?

Bühler: Nach der Matur habe im Süden von England in einem Kinderheim mit behinderten Kindern gearbeitet. Das war 1985/86, ausgerechnet dann, als in England der BSE-Virus mit dem Rinderwahnsinn ausbrach. Ich sage das, weil ich zu denen gehöre, die kein Blut spenden dürfen. Das ist eine Vorschrift vom Roten Kreuz: wer zu dieser Zeit dauerhaft in England weilte, darf kein Blut spenden. Beim SRK ist unter den Blutspende-Kriterien nachzulesen: «Keine Aufenthalte im Vereinigten Königreich von mehr als sechs Monaten zwischen 1980 und 1996». Danach habe ich Englische Literatur studiert – und längere Zeit im Briefversand in Luzern. Später habe ich als Bibliotheksassistentin gearbeitet, danach auch noch bei der Coop-Zeitung in Basel. Nun bin ich schon rund 15 Jahre bei der Neuen Luzerner Zeitung.

Zum Schluss dürfen Sie noch einen Leserbrief an die Leserbriefschreiber platzieren.

Bühler: Gut, dann möchte ich Folgendes sagen: Die Leute glauben häufig, ich würde ihren Leserbrief nicht bringen, weil ich eine andere Meinung habe als sie und voreingenommen sei. Dann versuchen sie mich von ihrer Meinung zu überzeugen. Ich sage dann jeweils: «Sie müssen mich nicht überzeugen. Ich bin dafür angestellt, keine Meinung zu haben. Wenn ich am Morgen ins Büro komme, hänge ich meine Meinung an die Garderobe und hole sie erst am Abend wieder ab.» Im Vorfeld von Abstimmungen lese ich dann jeweils so viele gute Argumente von beiden Seiten, dass ich am Schluss manchmal wirklich fast nicht mehr weiss, was ich auf den Stimmzettel schreiben soll.

Interview Turi Bucher

Die Menschen hinter den News: Urs Mattenberger
Ressort: Kultur
Alter: 57 Jahre

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