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KULTURFÖRDERUNG: Ehemaliger Pro-Helvetia Chef äussert sich über die Luzerner Sparpolitik

Pius Knüsel verrät, wieso er für den Schwyzer Austritt aus dem Kulturlastenausgleich Sympathien hegt. Sowie seine Pläne als künftiger Leiter von «Alpentöne».
Julia Stephan
Pius Knüsel (hier vor der Volkshochschule Zürich) hat den «Kulturinfarkt» zum Thema gemacht. (Bild: Manuela Jans (19. Oktober 2017))

Pius Knüsel (hier vor der Volkshochschule Zürich) hat den «Kulturinfarkt» zum Thema gemacht. (Bild: Manuela Jans (19. Oktober 2017))

Interview: Julia Stephan

julia.stephan@luzernerzeitung.ch

Pius Knüsel, vor fünf Jahren provozierten Sie als damaliger Pro-Helvetia-Präsident mit der Polemik «Kulturinfarkt» eine Debatte über Kulturförderung. Sie forderten eine radikale Umverteilung von Geldern. Hat das irgendetwas bewirkt?

Immerhin kann man heute über Kulturförderung reden, ohne gleich eine Morddrohung zu erhalten. Natürlich haben wir nie ernsthaft daran geglaubt, dass die Kulturförderung auf unser Buch hin eine 180-Grad-Kurve machen würde. Die Fördergelder für Institutionen wachsen unaufhörlich weiter. Die Förderung der freien Kulturschaffenden hingegen ist auf dem alten Level stehen geblieben. Als ich 2012 Pro Helvetia verliess, war meine Abschiedsbotschaft: «Achtung, jetzt beginnt die Herrschaft des Reglements», also der Bürokratie. Es war eine dunkle Ahnung. Sie hat sich bestätigt.

Mir sind schon Kulturschaffende begegnet, die freiwillig auf staatliche Unterstützungsgelder verzichten, weil ihnen die Förderantragsgesuche zu viel Zeit kosten. Haben Sie Verständnis für diese Menschen?

Kulturförderung bedeutet im besten Fall, freischaffenden Künstlern einen Vertrauensvorschuss zu geben, mit dem sie ihr Projekt anpacken können. Heute haben wir in der Tat eine Dossierkultur. Man will kulturelle Leistungen überprüfbar und vergleichbar machen, um jede Willkür auszuschliessen.

Infolge der Sparmassnahmen des Kantons Luzern wird die Spitzenförderung für hiesige Kulturschaffende für dieses und nächstes Jahr eingestellt. Die grossen Institutionen hingegen müssen weniger sparen als zunächst vorgesehen. Ist das nicht unverhältnismässig?

Aus der Position des «Kulturinfarkts» heraus wäre das die falsche Form von Kulturpolitik. Momentan befinden wir uns aber in einer Zeit, wo die grossen Einrichtungen wieder Rückenwind haben. Grosse Institutionen sind sicherere Werte. In Luzern kann man zu ihrer Verteidigung das Argument Tourismus ins Spiel bringen. Für einen Politiker ist das einleuchtend. Für mich persönlich bleibt ein legitimes Kulturziel die Demokratisierung. Man sollte möglichst vielen Menschen die Chance geben, ihr kreatives Potenzial zu realisieren. So gesehen, bedauere ich die Entwicklung in Luzern.

Als in Luzern noch über den Bau der Salle Modulable nachgedacht wurde, war ein Teil der Bevölkerung gegen den Abriss der alten Spielstätte. Warum ist es so schwierig, grosse Häuser aufzugeben?

Man verteidigt immer ein bestimmtes Privileg. Es ist wie mit den Bauern, die sich wehren, wenn man ihnen die Subventionen für hellrosa Schafe nimmt. Mich stört, dass Institutionen generell als unantastbar gelten. Egal, ob bei der Berner Kunsthalle, dem Kunstmuseum Olten oder der Villa Flora in Winterthur: Überall lösen solche Vorschläge Protestwellen aus. Kulturpolitik ist deswegen auf Dauer nicht mehr handlungsfähig.

In Luzern haben sich die lokalen Kulturschaffenden sehr kreativ gegen die Kürzungen der Fördergelder gewehrt. Man stieg im Kollektiv in den Vierwaldstättersee ...

Der katholische Geist ist in solchen Situationen immer erfinderischer als der protestantische. Bei uns in Zürich wird eher trotzige Militanz praktiziert. In Luzern kommt da die an der Fasnacht gepflegte Kreativität zum Zug.

Sie schrieben in Ihrer Polemik, Kulturförderung sei gut getarnte Sozialhilfe. Im Zuge der kantonalen Sparmassnahmen haben lokale Künstler der Öffentlichkeit einmal vorgerechnet, wie existenziell sie der Wegfall der Förderbeiträge trifft. Haben Sie Lösungsansätze?

Ich halte es für angebracht, dass Institutionen, die weniger von den Sparmassnahmen betroffen sind, sich mit Benachteiligten solidarisieren. Aber ich muss natürlich betonen, dass es auch in der Kunst keine Existenzgarantien gibt.

Wie könnte eine solche Solidarisierung konkret aussehen?

Die bevorteilten Institutionen könnten ein halbes oder ganzes Prozent ihrer staatlichen Subventionen in einen Fonds legen, der kurzfristig Überbrückungen schafft für diejenigen, die rausfallen. Eine andere Möglichkeit wäre ein Solidaritätszuschlag auf den Ticketpreisen. Ein KKL-Konzertgänger würde bestimmt 131 statt 130 Franken bezahlen, wenn er wüsste, dass der Zuschlag freischaffenden Musikern zugutekommt. Das wäre eine starke Geste. Sie würde die Solidarität in der Kulturszene stärken.

Das löst noch nicht die Probleme der freien Kulturschaffenden. Welche Möglichkeiten haben diese?

Die Wirtschaft hat sich noch nie fürs freie Kulturschaffen interessiert. Das ist zu unberechenbar und häufig viel zu kritisch. Marketingtechnisch sind solche Engagements heikel. Man wird verstärkt mit Crowdfunding arbeiten müssen. In der Schweiz liegt viel Geld bei den Einzelnen. Es gibt viele Menschen, die durchaus bereit sind zu spenden für das, was sie mögen oder was sie beeindruckt.

Crowdfunding ist meistens mit einem riesigen PR-Aufwand verbunden. Nicht jeder kann den leisten.

«There is no such thing as a free lunch» – dieser Grundsatz gilt auch in der Kulturförderung. Doch im Gegensatz zur staatlichen Förderung kann man beim Crowd­funding mehr mit der eigenen Kreativität spielen. Das finde ich so bedeutsam an diesem Format. Man kommt mit einer guten Idee und Engagement schnell mal auf 10 000 bis 20 000 Franken.

Wie gelingt es den freischaffenden Künstlern, mehr politisches Gehör zu bekommen?

Als kulturpolitischer Praktiker würde ich der Szene raten, sich langfristig so zu organisieren, dass sie politisch ein Sprachrohr hat. Entscheidend wäre die Bildung einer Kulturlobby, die nicht gleich nach den ersten Protesten wieder verschwindet, sondern gemeinsame Ziele über die nächsten fünf bis zehn Jahre formuliert. Im Kanton Graubünden wird infolge von Sparmassnahmen gerade so eine Lobby gegründet, im Aargau reden sie auch davon. Eine gewisse Militanz müsste diese Szene jedoch schon erreichen. Damit meine ich nicht Knallpetarden oder Molotowcocktails, sondern Organisation, klare Ziele und Arbeitsdisziplin.

Wäre die Auswanderung in einen Kanton mit grösserem Kulturbudget nicht der einfachere Weg?

Wenn alle freischaffenden Künstler vereinbaren würden, per 1. März aus Luzern auszuwandern, wäre das eine Form von Militanz, die grossen Eindruck machen würde. (Lacht.) Im Grunde fände ich das gar nicht so schlimm. Wir leben in einer Gesellschaft, in der Mobilität, Vielfalt und Heterogenität enorm hoch gewichtet sind, gerade in der Kulturförderung. Man würde die Luzerner Politiker also mit ihren eigenen Waffen schlagen.

Was könnte sich diese neu gegründete Luzerner Kulturlobby denn konkret für Ziele setzen?

Warum nicht eine Volksinitiative lancieren, die sich für das Kulturprozent starkmacht, wie es im Kulturgesetz des Kantons Aargau lange verankert war? Oder einen Artikel in die Kantonsverfassung bringen, der ein minimales Gleichgewicht zwischen Förderung von Institutionen und Freischaffenden bestimmt?

Der Kanton Schwyz ist kürzlich aus der interkantonalen Kulturlastenvereinbarung ausgetreten. In Zug denkt man über Ähnliches nach. Neu wird Schwyz das Geld aus dem Lotteriefonds freiwillig nach Luzern und Zürich transferieren. Was halten Sie von dieser Entwicklung?

Ich bin kein Fan regionaler Kulturfonds, welche die Subventionen grösserer Kulturhäuser auf andere Kantone umverteilen. Eine Stadt, die stolz ist auf ihr Kulturangebot, soll es selbst finanzieren. Die Zürcher müssen ja auch nicht für die Benutzung der Schwyzer Wanderwege zahlen, wenn sie sich am Sonntag dort erholen. Mit dem Geld lokales Kultur­schaffen zu fördern, fände ich unter demokratiepolitischem Gesichtspunkt viel interessanter und für die Schwyzer auch produktiver.

Ausgerechnet vereinzelte Schwyzer Kulturschaffende sorgen sich aber darum, dass dem Lotteriefonds das Geld ausgehen könnte. Ist diese Angst berechtigt?

Dass immer mehr Kantone ihr Kulturangebot umfänglich über den Lotteriefonds finanzieren, halte ich für sehr problematisch. Diese Beiträge werden mit grösserer Unverbindlichkeit gesprochen, die Planungssicherheit ist gering. Tatsächlich weiss niemand, wie sich der Lotteriefonds entwickeln wird. Werden die Schweizer Spieler ihr Geld künftig in Deutschland ausgeben? Wandert die Lotterie ins Online-Geschäft ab? Kantone, die ihre Kulturausgaben allein über den Swisslos-Fonds finanzieren, hätten dann ein Problem. Regelmässige Förderbeiträge gehören meiner Meinung nach ins reguläre Budget zu den Staatsaufgaben. Dieser Wandel finanztechnischer Grundlagen ist der Kulturszene entgangen.

Sie werden ab 2019 Gesamtleiter des Festivals «Alpentöne». Was wird sich verändern?

Ich möchte mit dem künstlerischen Leiter Johannes Rühl die Gotthard-Achse stärken, das Altdorfer Festival in Richtung Süden weiterentwickeln. Es gibt einen Nachbarkanton, der heisst Tessin. Er soll künftig einen festen Platz im Programm bekommen.

Zur Person

Der Chamer Pius Knüsel (60) arbeitete als Kulturredaktor und war Programmleiter des Zürcher Jazzclubs Moods (1992 - 1997). Von 1998 bis 2002 förderte er als Leiter des Kultursponsorings der Credit Suisse u. a. das Altdorfer Volksmusik-Festival «Alpentöne», dessen Gesamtleitung er 2019 antreten wird. Noch während seines Präsidiums der Kulturstiftung Pro Helvetia (2002 bis 2012) veröffentlichte er 2012 in Co-Autorschaft die Polemik «Der Kulturinfarkt». Knüsel und seine Co-Autoren forderten darin die Schliessung der Hälfte aller Theater und Museen. Heute ist Knüsel Direktor der Volkshochschule Zürich. (jst)

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