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KUNST: Annemarie von Matt – ein Herz aus Stacheldraht

Vor 50 Jahren starb Annemarie von Matt. Zu Unrecht ist die Innerschweizer Künstlerin und Autorin heute weitgehend vergessen. Ihr Werk überschritt Grenzen der Konvention. Und vieles an ihrer Person blieb auf spannende Weise mysteriös.
Annemarie von Matt beim Malen um 1940. (Bild: Nidwaldner Museum)

Annemarie von Matt beim Malen um 1940. (Bild: Nidwaldner Museum)

Ein Herz, aus Stacheldraht geformt, versehen mit einer Blume aus rosafarbenem Band: Das Objekt befindet sich in der Sammlung des Nidwaldner Museums. Annemarie von Matt schuf das aggressive wie auch zärtliche Objekt um 1945. Ob sie es wirklich einem Freund schenkte, der sich wegen eines Liebeskummers grämte? Ob es sich auf eigene leidvolle Liebeserfahrungen bezieht? Wie bei vielem, wo es um Annemarie von Matt geht, gibt es auch hier mehr Gerüchte als klare Fakten.

Ob Annemarie von Matt heute, 50 Jahre nach ihrem Tod am 27. November 1967, noch im kollektiven Bewusstsein der Innerschweiz präsent ist? Kaum. 50 Jahre sind eine lange Zeit. Sicher aber erinnern sich manche, die mit der Kulturgeschichte dieser Region vertraut sind, an ihre Bedeutung für die Kunstentwicklung der 1970er-Jahre, die als «Innerschweizer Innerlichkeit» in die Geschichte einging.

Tatsächlich erregten die sehr persönlichen bildkünstlerischen und literarischen Arbeiten Annemarie von Matts seit ihrer Nachlassausstellung in der Luzerner Galerie Raeber (1973) Aufsehen weit über die Innerschweiz hinaus – auch als Werke einer Outside-Künstlerin abseits jeder in der Schweizer Kunst damals gängigen Strömung.

Der Rückzug ins Private

Als Annemarie Gunz und verhältnismässig «brave», wenn auch mitunter geheimnisvoller Poesie verpflichtete Malerin frommer Sujets war die Künstlerin indes kaum eine Outsiderin. Als Annemarie von Matt hingegen – 1937 heiratete sie den Stanser Künstler Hans von Matt – und vor allem ab 1940, als sie Josef Vital Kopp kennen lernte, durchstiess ihr Werk manche Grenzen gängiger oder «offizieller» Kunst. Ihr Schaffen wurde zu einer Art Vorprägung dessen, was an der von Harald Szeemann und Jean-Christophe Ammann kuratierten Documenta 72 in Kassel und danach als «Individuelle Mythologie» für einen Paradigmenwechsel in der Kunst und im Kulturbewusstsein sorgte: der Rückzug ins Private und Intime bedeutete nicht mehr einen Rückzug aus der Öffentlichkeit, sondern wurde, selbstbewusst und traumwandlerisch sicher, in aller Öffentlichkeit vollzogen.

Die Beziehung Annemarie von Matts zum angesehenen Priester, Feldprediger, Altphilologen, Gymnasiallehrer und Schriftsteller Josef Vital Kopp blieb in ihrem Profil so unscharf wie eben manches im Leben und Werk der Künstlerin.

Offensichtlich aber sind viele ihrer in jener Zeit einsetzenden rätselhaften und hochpoetisch vieldeutigen Aphorismen und Kurzgedichte Früchte dieser Beziehung, die den Charakter einer eigentlichen (vielleicht auch einseitigen?) Amour fou annahm. Das gilt auch für jene Zeichnungen, die wie – in ihrer ganzen Erotik – feinfühlige Selbstdarstellungen der sensiblen Frau anmuten und oft mit ebenfalls kryptischen Texten versehen sind. Ein Beispiel dazu: «Was tatsächlich geschieht, ist nie von Belang.»

Unbändiger Freiheitsdrang

Das belegten auch die Briefe, die sie Kopp zukommen liess (und teils gar nicht abschickte). Aus ­ihnen spricht eine erstaunliche Radikalität und grosse Stimmungsschwankungen. Briefe und Texte leben überdies von einer grossen und jeder Normierung abholden Sprachspielfreude; sie werden zu literarischen Perlen, durchaus vergleichbar mit der ­Lyrik Else Lasker-Schülers.

Von Matts Imagination war von explosiver und zugleich verhaltener Kraft. Sie zeigte sich in ihren Notizen, die kondensiertes Leben sind, in Briefen, Bildern, Objekten, aber auch in ihrer ganzen von unbändigem Freiheitsdrang geprägten Lebensführung. Dieser Drang führte zu Konventionsbrüchen auf allen Gebieten bis zu Grammatik und Orthografie, aber auch zum Beklagen ihres Schicksals als Ehefrau: «Seit ich verheiratet bin, befinde ich mich in einer Erziehungsanstalt», schrieb sie 1942. Doch dieser Freiheitsdrang führte Annemarie von Matt auch in die Einsamkeit ihrer letzten Lebensjahre in Stans.

Ein Freund der Künstlerin, Anton E. Müller, Redaktor der damaligen Zeitung «Vaterland», schloss seinen Text über Annemarie von Matt im Innerschweizer Almanach 1972: «Für Stans war Annemarie von Matt eine scheue, eigenwillige Frau, von der man nicht recht wusste, was sie Tag und Nacht tat. Wer aber sie und ihre Stube kannte, wusste, dass hier ein Mensch rastlos und in kosmischer Umfassenheit ein grossartiges Spiel spielte, das immer in die echten Tiefen aller Existenzmöglichkeiten reichte.»

Niklaus Oberholzer

kultur@luzernerzeitung.ch.ch

Hinweis

Übermorgen Dienstag veranstaltet das Literaturhaus Zentralschweiz im Theater Stans (Mürggasse 6) einen Annemarie-von-Matt-Abend. Konzeption/Textauswahl Roger Perret, Musik Isa Wyss, Regie Buschi Luginbühl. www.lit-z.ch

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