Porträt
Lehrabschluss: Merita Lluhani büffelte auch, um ihren Kindern ein Vorbild zu sein

Merita Lluhani ist zweifache Mutter und hat bei der Maxon Motor AG in Sachseln eine «späte Lehre» als Automatikmonteurin EFZ absolviert.

Yvonne Imbach
Merken
Drucken
Teilen
Früher wusste Merita Lluhani, wie sie einen Motor zusammenbauen muss. Als Automatikmonteurin EFZ kennt sie nun auch dessen Funktion.

Früher wusste Merita Lluhani, wie sie einen Motor zusammenbauen muss. Als Automatikmonteurin EFZ kennt sie nun auch dessen Funktion.

Bild: Manuela Jans-Koch

Merita Lluhani ist die Freude und Erleichterung ins Gesicht geschrieben. Es sprudelt aus ihr heraus: «Es ist wie im Traum. Ich lese zwar meinen Namen auf dem Zeugnis, aber ich kann es noch nicht glauben: Ich habe bestanden!» Die 34-Jährige blickt auf zwei sehr intensive Jahre zurück. Als eine von acht Produktionsmitarbeiterinnen der Maxon Motor AG in Sachseln startete sie im Sommer 2018 das neue Ausbildungsangebot «Automatikmonteurin EFZ für Erwachsene».

Diese Lehre wurde vom Motorenhersteller Maxon in Zusammenarbeit mit dem Berufs- und Weiterbildungszentrum Obwalden neu ins Leben gerufen. Die Ausbildung erfolgt nach Artikel 32 der Berufsbildungsverordnung (BBV) und richtet sich an langjährige Mitarbeitende in einem Industrieunternehmen, die über keinen Berufsabschluss verfügen, diesen nachholen wollen, 25-jährig oder älter sind.

Sie kam als Flüchtling in die Schweiz

Eine abgeschlossene Lehre, das sei ihr grösster Wunsch gewesen, erzählt Merita Lluhani. Mit 14 Jahren kam sie als Flüchtling mit ihren Eltern aus dem Kosovo in die Schweiz, sie war die Älteste von sechs Geschwistern. «Ich sprach kein Wort Deutsch, und als ich zwei Jahre später ins Alter kam, eine Lehrstelle zu suchen, traute ich mir dies gar nicht zu.» Die Sachslerin durfte bei Maxon Motor AG zur Probe arbeiten, es gefiel ihr, und sie blieb. Dies ist nun 18 Jahre her: «Maxon ist mein zweites Zuhause», bringt sie es auf den Punkt. Doch eine Lehre mit eidgenössischem Fähigkeitszeugnis, die hat Merita Lluhani nie nachgeholt. Beim Motorenhersteller weiss man, wie wertvoll Wissen und Erfahrung der langjährigen Produktionsmitarbeiterinnen sind. «So viel Fachwissen hat das Potenzial eines Rohdiamanten», betont Thomas Müller. Er ist Bildungsverantwortlicher bei Maxon und ist beim Gespräch dabei, sichtlich stolz auf seine tüchtige Mitarbeiterin. «Denn wenn wir uns im Industrie­bereich schon über Fachkräftemangel beschweren, müssen wir auch etwas dagegen unternehmen.»

«Wir waren eine tolle Gruppe»

Das Projekt der «späten Lehre» wurde lanciert, das Obwaldner Amt für Berufsbildung zog mit, und die Finanzierung über Bund und Kanton wurde geregelt. Die Pilotklasse bestand einzig aus acht Maxon-Mitarbeiterinnen, alle zwischen 30 und 50 Jahre alt. «Wir waren eine tolle Gruppe, alle aus verschiedenen Abteilungen, aber mit dem gleichen Ziel: zu bestehen», blickt Merita Lluhani zurück. Für einen dieser Plätze musste man sich intern bewerben. «Diese Chance zu packen, war für mich die einzige Möglichkeit, meinen grösstes Traum zu erfüllen: die EFZ-Lehre nachzuholen.»

Kosten fielen für Merita Lluhani keine an, den Lohn bekam sie gleich- bleibend, jedoch musste sie viel Zeit aufwenden. Die zweifache Mutter besuchte jeden Samstagmorgen die Schule und büffelte Berufskunde. Jeden Mittwochabend stand Allgemeinbildung auf dem Programm, die zu Hause am PC per Skype vermittelt wurde. «Vorher baute ich Motoren nach Plan zusammen. Heute verstehe ich, wie ein Motor, ein Messgerät funktioniert. Ich kenne die Funktion der Teile.» Zudem habe sie viel im digitalen Bereich gelernt, ihr Deutsch verbessert und sei sie in Präsentationen vor Publikum sicherer geworden. Trotzdem: «Ich hatte Albträume, die Abschlussprüfung nicht zu bestehen. Mit 34 ist man reifer, aber auch nervöser.»

Merita Lluhani hat bestanden, sie sei sogar «wirklich sehr zufrieden» mit dem Resultat. Ihre Kinder würden sich freuen, dass sie nun wieder ohne Schulbücher im Gepäck mit ihnen in die Badi gehe. «Sie hatten schon wenig von mir, aber fanden es toll, dass ich wie sie die Schulbank drückte. Ich habe diese Ausbildung auch gemacht, um meiner Tochter und meinem Sohn ein Vorbild zu sein!» Apropos Vorbild: Offenbar beeindruckte ihr Fleiss auch ihren Mann: «Er arbeitet als Maschinenführer ohne Lehrabschluss, im August startet er nun auch seine späte Lehre», verrät sie. «Dann haben wir beide in zwei Jahren das EFZ geschafft.»