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LONDON: Sebastian Borger: Mit dem Velo in 30 Minuten bei den Goldreserven

Sebastian Borger (50), Korrespondent in London
Interview Turi Bucher

Sebastian Borger (50), der England-Korrespondent unserer Zeitung, ist in Niederbayern auf­gewachsen. Nach dem Abitur arbeitete er unter anderem als Kriminalreporter für die Münchner «Abend­zeitung». Danach war er für den «Spiegel» Redaktor in Hamburg und Dresden. Mit 30 kündigte er beim «Spiegel», um in London Aussenpolitik zu studieren. Borgers Ehefrau stammt aus Sheffield, kennen gelernt hat er sie allerdings in Lissabon. Die beiden leben in London und haben zwei Söhne (17 und 14).

Sebastian Borger, wie hat es bei Ihnen mit der journalistischen Arbeit in London angefangen?

Sebastian Borger: Als Student der sogenannten International Relations musste ich mich in London ja auch über Wasser halten, also Geld verdienen.

Wie sieht der Alltag eines England-Korrespondenten aus? Tee trinken und abwarten?

Borger: Das Teetrinken beginnt bei mir tatsächlich schon morgens. Mit Milch, das habe ich den Iren abgeschaut. Aber das Schöne am Korrespondentenberuf ist: ­Einen ganz normalen Arbeitstag gibt es gar nicht. Meine Arbeit besteht zu zwei Dritteln aus dem, was ich anbiete, und zu einem Drittel aus dem, was gewünscht wird.

Sind Sie ausschliesslich in London, oder reisen Sie durch ganz England?

Borger: London ist eine ganz eigene Welt, die Stadt hat mit dem Rest des Landes nur sehr bedingt zu tun. Deshalb ist es wichtig, dass ich auch aus London herauskomme, um sozusagen nach dem Rechten zu sehen. Zudem betreue ich auch Irland.

Wo waren Sie zuletzt?

Borger: Leider komme ich viel zu selten aus London raus. Zuletzt habe ich es nur zu zwei Tagesausflügen in die Londoner Umgebung geschafft: Hampton Court, den Palast von Heinrich VIII., und Runnymede, wo vor 800 Jahren die Magna Carta unterzeichnet wurde. Dafür war ich im Unterhaus-Wahlkampf häufiger unterwegs: erst in Leicester und Sheffield, später in Schottland. Und ich war zweimal in einem Wahlkreis in Nottingham.

Wo wohnen Sie in London? Mitten im Zentrum?

Borger: Im Schweizer Kontext würde es vielleicht heissen, ich wohne in einem Aussenbezirk. London besteht aus sechs Zonen in konzentrischen Kreisen. Zone 1 ist die Innenstadt. Ich wohne an der Grenze von Zone 2 zu 3. Das ist also noch lange kein richtiger Aussenbezirk.

Wie kommen Sie ins Zentrum?

Borger: Ich fahre drei- bis viermal pro Woche mit dem Fahrrad los in dreissig Minuten bin ich an der Themse oder bei der Bank of England, wo die Goldreserven liegen, in vierzig Minuten bin ich mit dem Velo beim Parlament. Je weiter Sie übrigens aus dem Zentrum der Achteinhalbmillionenstadt London rausgehen, umso mehr sehen Sie, was für den Briten «My home is my castle» heisst: Viele wohnen da nicht mehr zur Miete, sondern pflegen ihr eigenes Häuschen.

Welches ist denn der schönste Ort Grossbritanniens?

Borger: Als Londoner bin ich natürlich befangen. London ist grossartig. Manchester, Edinburgh, Glasgow, Bristol sind schön. Dann gibt es eine Reihe von Städten, die im Zweiten Weltkrieg schwer von den Deutschen bombardiert und anschliessend von den Beton-Städteplanern verpfuscht wurden. Da fällt mir beispielsweise Coventry ein, Nottingham oder Sheffield. Die Mitte und der Norden Englands werden in touristischer Hinsicht viel zu wenig angesprochen. Wanderungen durch den Nationalpark im Peak District sind wunderbar, auch der Lake District im Nordosten. England hat landschaftlich viel zu bieten.

Was gibts an neuem Klatsch aus den Gemächern des Königshauses?

Borger: Im Moment ist es ziemlich ruhig, zuletzt stand ja die Taufe von Prinzessin Charlotte auf dem Programm. Eine bedeutungsvolle Zeremonie für das Königshaus. Und etwas davor haben die 89-jährige Queen Elizabeth und ihr 94-jähriger Prinzgemahl Philip in Deutschland mit ihrem Staatsbesuch für Aufsehen gesorgt.

Wie stehts bei Ihnen mit dem britischen Humor?

Borger: Man muss ihn halt mögen. Eines ist klar: Dahinter verbirgt sich eine hohe Professionalität. Die letzte gute Serie, die ich sah, war «Citizen Khan», wo es um einen pakistanischen Einwanderer in Birmingham geht. Birmingham ist die englische Hochburg der Pakistani.

Wann wird es echt mühsam im Umgang mit einem Engländer?

Borger: Da fallen mir drei Dinge ein: Erstens muss man damit rechnen, dass die Engländer relativ zugeknöpft sind. Freundschaften zu finden, ist nicht leicht. Zweitens spielt der Freiheitsbegriff eine viel wichtigere Rolle als in anderen Ländern, das Individuum steht vor dem Staat. Und drittens hat der Engländer Mühe, die Sachen auf den Tisch zu legen und auf den Punkt zu bringen. Oft kriegt man einfach keine klare Antwort, man muss schon sehr gut hinhorchen, wie und was kommuniziert wird. Ich glaube, es hat damit zu tun, dass der Engländer einem die Gesichtswahrung ermöglichen will.

Sie haben ein Buch über den UBS-­Betrüger Kweku Adoboli geschrieben und ihn auch selber im Gefängnis besucht. Erzählen Sie.

Borger: Ich hatte Adoboli schon am ­Rande des Prozesses angesprochen. Insofern wusste er, wer ich bin, als ich um einen Besuch im Gefängnis anfragte. Adoboli sass damals als Strafgefangener in einem Gefängnis auf einer Klippe über der Bucht von Weymouth am Kanal richtig filmreif ist das. Adoboli hatte sich viel zu stark mit der UBS identifiziert, war viel zu stark auf die Ziele der Bank fixiert. In seiner Naivität hat er seine offene Flanke präsentiert, als der Skandal aufflog. Es war geradezu rührend, wie er als Sündenbock hingestanden ist und alles auf sich genommen hat. Die britische Justiz funktioniert ja so, dass sie in erster Linie eine Verurteilung herbeiführen und nicht die Wahrheit herausfinden will. In anderen Ländern muss selbst der Staatsanwalt entlastende Fakten berücksichtigen – in England braucht es das nicht.

Nochmals Themawechsel. An den Londoner Regen haben Sie sich nach zwanzig Jahren wohl gewöhnt, oder?

Borger: Ich muss jetzt mal eine Lanze für das Wetter in London brechen: Klar müssen wir ab und zu mal vor einem Schauer flüchten, das kennen Sie in Luzern ja auch zur Genüge. Aber die Sonne strahlt auch in London, wir können durchaus mildes bis warmes Wetter haben. Sheffield und Manchester, die sind berüchtigt für ihren Regen. Und Schnee haben wir in London höchstens alle zwei, drei Jahre, und dann auch nur für ein paar Tage.

Haben Sie unseren Roger Federer in Wimbledon ein wenig verfolgt?

Borger: Nur aus der Distanz. Ich geh da nicht selber hin. Aber als Federer zum ersten Mal in Wimbledon gewann, war ich vor Ort und selber im Stadion.

Fussball ist bei Ihnen wohl kein ...

Borger: (unterbricht abrupt) ... der Fussball ist gaaaanz wichtig! Normalerweise herrscht bei uns daheim Harmonie, aber wenn Arsenal gegen Bayern spielt, dann haben wir ein Problem.

Ein Redaktionskollege von mir, oft auch in englischen Fussballstadien anzutreffen, hat sich beschwert, dass man das Englisch der Schotten einfach nicht verstehen könne.

Borger: (lacht) Ich muss zugeben, ich hatte bei einem Anruf bei der Bank einmal eine Frau aus Glasgow am Telefon, die sprach derart ausgeprägt mit dem Glaswegian-Akzent, dass ich ihr nach zwei Minuten sagen musste: «Tut mir leid, ich hänge jetzt auf, ich kann sie nicht verstehen.»

Meine Tochter will in den Sommerferien mit Kolleginnen nach London. Ist London sicher?

Borger: Ja. Taschendiebe gibts in anderen Grossstädten auch. Die Pärke sollte man in der Dunkelheit meiden.

Ich meine vielmehr die Bomben­attentate.

Borger: Mit den Bombenanschlägen leben wir Londoner halt schon seit vielen Jahrzehnten, die gibt es schon seit den Attentaten der irischen Republikaner. Es kommt schon vor, dass ich mich ein wenig umschaue, wenn ich in einem ­U-Bahn-Tunnel stehe. Ich erinnere mich noch daran, dass ich durch den Bahnhof von Zürich lief und da mittendrin ein verwaister Koffer stand. Die Leute sind da seelenruhig drumherum gelaufen, während mich das als Londoner schon beunruhigt hat.

INTERVIEW TURI BUCHER

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