LUZERN: Ein Zeichen der Mitmenschlichkeit

Martin Merki, Sozialdirektor der Stadt Luzern, über die LZ-Weihnachtsaktion 2014.

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Martin Merki, Sozialdirektor der Stadt Luzern, am Startanlass der LZ-Weihnachtsaktion vom 18. November 2014. (Bild: Pius Amrein)

Martin Merki, Sozialdirektor der Stadt Luzern, am Startanlass der LZ-Weihnachtsaktion vom 18. November 2014. (Bild: Pius Amrein)

Es ist medizinisch erwiesen: Wer sich für andere engagiert, lebt glücklicher und gesünder. Wenn jemand Sie also fragt, warum Sie zum Beispiel spenden, dann können Sie sagen: «Aus medizinischen Gründen.» Doch warum Sie es tun, hat vermutlich andere Gründe. Weil Sie selbstlos sind. Weil Sie Ihre Freiheit nutzen, etwas zu tun für andere. Ihre Hilfe ist freiwillig. Freiheit ist die Freiheit, etwas für andere zu tun.

Die Sozialhilfe ihrerseits ist das letzte Netz, das Menschen auffängt, die am Boden sind. Sie ist zu Unrecht einer grossen Stimmungsmache ausgesetzt. Die wirtschaftliche Sozialhilfe macht nur 2 Prozent unseres Sozialstaates aus. Das meiste Geld geht in die Sozialversicherungen. Die Sozialhilfe ist keine soziale Hängematte. Es gibt mehr Millionäre als Sozialhilfeempfänger in der Schweiz. Dank dieser Millionäre können wir uns diese Sozialpolitik leisten. Es braucht reiche Leute, es braucht Unternehmer. Es braucht die grossen Beiträge von wenigen Grossen, auch bei der Weihnachtsaktion.

Ich erlebe als Sozialdirektor konkret, wie das läuft in der Sozialhilfe, wie mit konkreten Beiträgen die Menschen zur Selbsthilfe gebracht werden können. Wenn man bei der Sozialhilfe spart und das Minimum herunterschraubt, ist man sofort an der Schmerzgrenze. Es werden dann auch die Zukunft und die Selbstständigkeit von jungen Menschen beschnitten.

Ich möchte Ihnen an einem konkreten Beispiel zeigen, wie eine junge 18-jährige Frau dank staatlicher und privater Hilfe gute Entwicklungschancen hat. Sie heisst Rea, ist Albanerin, in der Schweiz geboren und aufgewachsen. Rea kann eine gute Ausbildung machen, obwohl ihre Familienverhältnisse völlig zerrüttet sind. Sie lebt allein, weil es nicht anders geht. Sie lebt in engen finanziellen Verhältnissen. Aber sie liegt nicht in einer Hängematte, sie bewegt sich, sie nutzt die Chancen, die sie hat, für eine bessere Zukunft. Sie besucht eine weiterführende Schule in Luzern.

Rea lebt seit Anfang Jahr in einer betreuten Wohngemeinschaft. Sie kann nicht mehr zu Hause wohnen, weil sonst ihre Ausbildung gefährdet ist. Sie musste vor einem Jahr ausziehen, weil die Mutter in einer psychischen Krise war. Die Krise war so gross, dass sie nicht mehr für ihre Kinder schauen wollte. Rea und ihre Brüder konnten auch nicht zum Vater, weil die Eltern geschieden sind. Dazu kommt, dass der Vater von ihr zu viel verlangt. Sie müsste bei ihm auch noch den Haushalt machen und das Administrative erledigen. Als Schülerin ist das schlicht unmöglich.

Schwer belastet sie, dass ihr 13-jähriger Bruder bei der Mutter bleiben musste und dass sie nicht mit ihm zusammen sein kann. Sie versucht, ihm zu helfen, so gut es geht, dass er seine Schulzeit in der Sek erfolgreich abschliessen kann. Wenn ein Elternabend ist, dann ist Rea von 23 Schülerinnen und Schülern die Einzige, bei der niemand an den Elternabend kommt. Rea hat mir erzählt, wie sie konkret von der Sozialhilfe lebt. Sie bekommt Grundbedarf, Miete und Krankenkasse. Der Grundbedarf beträgt 550 Franken. Das ist das Existenzminimum für eine 18-jährige Person. Dazu noch 53 Franken wöchentlich Essensgeld zusätzlich. Insgesamt 762 Franken. Damit zahlt sie Bus-Abo, Handyrechnung, Kleider, Lebensmittel.

Rea schaut, dass sie mit 50 bis 70 Franken für Essen in der Woche auskommt. Sie kocht zu Hause und nimmt das Essen in die Schule mit, weil auswärts essen zu teuer ist. Andere in ihrer Klasse gehen jedes Wochenende in den Ausgang und erzählen von ihren Amerika-Ferien. Für Rea ist es ein Problem, eine Winterjacke und Winterschuhe zu kaufen. Ich habe Rea nach ihren Zukunftsplänen gefragt. Die Antwort kam wie aus der Pistole geschossen: Sie will Treuhänderin oder Immobilienmaklerin werden. Das ist ihr Traum seit der 6. Klasse. Ein weiterer Traum ist es, einmal nach Amerika oder Venedig zu reisen. Sie weiss, dass sie mit der Verwirklichung dieser Träume warten muss, bis sie auf eigenen Beinen steht.

Von der Kultur ihrer Familie hat sie sich weit entfernt. Dort darf ein Mädchen häufig weder in den Ausgang gehen noch eine gute Ausbildung haben. Rea ist mit der Schweizer Mentalität aufgewachsen. Sie will ihren Weg selber bestimmen. Ihre Sicherheit wächst mit grösserer Selbstständigkeit. Sie hat deshalb keinen Beistand mehr, seit sie vor einigen Monaten 18 geworden ist. Sie schaut für sich selber. Sie weiss sich zu helfen. Was wollen wir mehr von jungen Menschen? Ich habe Rea als fröhlichen, selbstbewussten Menschen kennen gelernt. Während des Gesprächs musste sie aber auch weinen, als sie erzählte, wie sie ihrem Bruder nur aus Distanz übers Telefon helfen kann. Rea hat auch eine nachdenkliche Seite. Das erstaunt nicht, weil sie keine unbeschwerte Jugend hatte und mit erst 18 Jahren ohne Unterstützung der Eltern in ihrem Leben alles selber planen muss.

Vor zwei Jahren hat Rea von der Weihnachtsaktion der «Neuen Luzerner Zeitung» einen Trainingsanzug geschenkt bekommen. Ihre Beiständin hat das Geschenk vermittelt. Sie trägt ihn gerne und häufig. Sie hat gestrahlt, als sie das erzählte. Sie sehen: Mit kleinen Beiträgen von 100 Franken kann eine unwahrscheinliche Hilfe geleistet werden. Das ist das grosse Verdienst der Weihnachtsaktion. Es braucht beides, die private Hilfe und die staatliche Hilfe. Die private Hilfe ist auch ein wichtiges Zeichen: Es ist ein Zeichen der Mitmenschlichkeit. Ich danke Ihnen herzlich für die Unterstützung, die Sie Menschen wie Rea entgegenbringen.

Hinweis:
Martin Merki hielt diese Rede am 18. November am Startanlass zur Weihnachtsaktion 2014.

Sie zeigen Herz für die LZ-Weihnachtsaktion: Von links: Nationalratspräsident Ruedi Lustenberger, Irene Keller (Kantonsratspräsidentin Luzern), Franz Enderli (Bildungsdirektor Obwalden) und Urban Camenzind (Volkswirtschaftsdirektor Kanton Uri). (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)
17 Bilder
Agnes Schneider, landwirtschaftlicher Beratungsdienst Uri, und alt Regierungsrat Klaus Fellmann, der lange Zeit den Beirat der LZ-Weihnachtsaktion präsidierte. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)
Katharina Hubacher, Sozial-BeratungsZentrum Sursee, mit zwei bewegenden Männern: SGV-Direktor Stefan Schulthess (links) und VBL-Direktor Norbert Schmassmann. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)
Ohne Engagement aus Wirtschaft und Politik würde auch in der Sozialhilfe wenig gehen: Armin Gärtner, Raiffeisen Verband LU/OW/NW, und Albert Vitali, Nationalrat Luzern. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)
Luzerns Sozialdirektor Martin Merki (links) hielt die Rede, Beirat Hans Lustenberger sprach über seine Erfahrungen. Mitte: Elisabeth Portmann, Geschäftsleiterin der LZ-Weihnachtsaktion. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)
Zwei Frauen mit viel Praxisbezug in der Hilfe für Menschen in Not: Heidi Ragonesi, Caritas Kanton Luzern, und Mirjam Würsch, Hilfswerk der Kirchen Uri. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)
Sie vertreten eine der Firmen, die uns grosszügig unterstützen: Charly Schnüriger, Susanne Beck und Stefan Abt, Geschäftsleitungsmitglieder von Niedermann AG, Baar. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)
Alt Nationalrätin Judith Stamm und der frühere Luzerner Stadtpräsident Franz Kurzmeyer stehen für unsere Spendenaktion zusammen. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)
Seit vielen Jahren treue und grossherzige Freunde der LZ-Weihnachtsaktion: VR-Präsident Hans Schmid und sein Sohn, CEO Markus Schmid, von der Schmid-Gruppe Ebikon. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)
Mit Nationalratspräsident Ruedi Lustenberger war sogar der höchste Schweizer zu Gast am Startanlass. Im Grusswort wies der Romooser darauf hin, dass Grosszügigkeit dem Spender selber gut tue. Und das Wissen, dass es auch dem Empfänger dann besser gehe, freue zusätzlich. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)
Auch Mirjam Würsch Käslin, die für das Hilfswerk der Kirchen Uri tätig ist, hat viel Erfahrung mit menschlicher Not. Typisch seien heute vor allem zwei Situationen: zum einen Familien, die trotz geregelter Verhältnisse so knapp budgetieren müssen, dass jede unvorhergesehene Ausgabe sofort alles aus dem Lot bringt. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)
Hans Lustenberger, vor seiner Pensionierung langjähriger Sozialvorsteher in Adligenswil, ist Mitglied des Beirates der LZ-Weihnachtsaktion. Er berichtete im Kurzinterview, dass ihn auch heute noch, nach vielen tausend gelesenen Hilfsgesuchen, Schicksale bewegen und frappieren. So erzählte er von einer Familie mit sieben Kindern, die aufgrund der schwerwiegenden Probleme der Eltern alle fremdplatziert werden mussten, jedes einzeln. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)
Jedes Hilfsgesuch wird vom Beirat einzeln sorgfältig geprüft. Dieser besteht aus 12 ehrenamtlich tätigen Sozialfachleuten aus der ganzen Zentralschweiz. Beiratspräsident ist Urs W. Studer, alt Stadtpräsident von Luzern. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)
Luzerns Sozialdirektor Martin Merki wies in seinem Referat darauf hin, dass die Sozialhilfe oft als «soziale Hängematte » gelte. Zu Unrecht, denn auch in unserem Sozialstaat seien die Kriterien für Leistungen streng. Als Sozialdirektor erlebe er aber immer wieder, wie mit einer Hilfe Menschen zu Selbsthilfe gebracht werden können. Das gelte gerade auch für junge Leute, die man so an die Selbstständigkeit heranführen könne. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)
Erwin Bachmann, Präsident des Stiftungsrates (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)
Musikalische Einstimmung auf den Eröffnungsanlass der LZ-Weihnachtsaktion. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)
Wir wollen auch 2014 vielen Menschen aus unserer Region helfen, die in Not geraten sind. Darauf freuen sich auch Stiftungsratspräsident Erwin Bachmann (rechts) und Urs W. Studer, Präsident des Beirates, der die Hilfsgesuche prüft. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Sie zeigen Herz für die LZ-Weihnachtsaktion: Von links: Nationalratspräsident Ruedi Lustenberger, Irene Keller (Kantonsratspräsidentin Luzern), Franz Enderli (Bildungsdirektor Obwalden) und Urban Camenzind (Volkswirtschaftsdirektor Kanton Uri). (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)