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LUZERN: Sven Gallinelli : «Die Typografie ist der 'heilige Gral' einer Zeitung»

Sven Gallinelli (38) ist visueller Blattmacher der «Neuen Luzerner Zeitung», in der Redaktionsstube wird er «Visublama» genannt. Er leitet die drei Teams Grafik/Seitenproduktion/Foto. Gallinelli ist verheiratet und Vater einer Tochter (Malina, 3). Er ist gebürtiger Unterägerer, wohnt jetzt in der Stadt Luzern.
Interview Turi Bucher
Die Menschen hinter den News: Sven Gallinelli Funktion: Visueller Blattmacher Alter: 38 Jahre (Bild: Roger Gruetter / Neue LZ)

Die Menschen hinter den News: Sven Gallinelli Funktion: Visueller Blattmacher Alter: 38 Jahre (Bild: Roger Gruetter / Neue LZ)

Sven Gallinelli, steigt der Leser jetzt über die grossen Bilder oder über die grossen Buchstaben in die Zeitung ein?

Sven Gallinelli:Es ist durch die Forschung erwiesen, dass der erste Blick auf eine Zeitungsseite dem Bild gilt. Das wurde mit einer sogenannten Eyetracking-Brille erforscht. Danach gleiten die Augen auf die Schlagzeile, also den Titel, und dann verteilt sich die Aufmerksamkeit unterschiedlich.

Eine Zeitungsseite ohne Bild. Für Sie so etwas wie eine Nacht lang Horrorfilme schauen? Ein Albtraum?

Gallinelli:Nun, ich lese ja auch 500-seitige Bücher ohne Bilder. Und eine gute Story in der Zeitung kommt auch ohne «Schischi» aus. Ein gutes Bild soll ein Thema ergänzen, eine Einladung sein, dem Text etwas Zusätzliches mitzugeben. Das wichtigste Gestaltungselement bleibt aber der Text, denn davon hats am meisten in der Zeitung. Ein Text soll, das ist eine meiner Aufgaben, auf einer Seite so verlaufen, dass er gut lesbar ist.

Wenn Sie schon Ihre Aufgaben ansprechen. Was macht der visuelle Blattmacher eigentlich alles?

Gallinelli: Ich vernetze drei Teams miteinander, jenes der Grafik mit der Fotoabteilung und mit der Produktion – und sie alle wiederum mit den Textredaktoren. Ich orte Themen, die ein besonderes Layout, eine besondere Darstellung erfordern oder verdienen. Manchmal sieht eine Seite ganz simpel aus, aber es hat wahnsinnig viel Arbeit dahintergesteckt. Ja, wenns gut gemacht wird, merkts kaum einer, und wenns schlecht gemacht ist, merkens viele. Gestalter reden halt eine andere Sprache als Textredaktoren. Dazwischen braucht es einen Vermittler – das bin ich.

Wie verlief Ihr Gang in die Zeitungsbranche eigentlich?

Gallinelli: Nach absolviertem KV tat ich das, was ich schon immer wollte: Ich ging in den Journalismus. Ich begann als Nachwuchskraft bei der damaligen «Neuen Schwyzer Zeitung» und wurde dort Redaktionsleiter. Nach fünfeinhalb Jahren war ein Wechsel nötig, da ging ich als Chefreporter zur «Zuger Zeitung». 2009, unterdessen stellvertretender Chefredaktor in Zug, wechselte ich nach Luzern. Zuerst leitete ich das Newsdesk. Dann kam mir der Gedanke, dass man im gestalterischen Bereich vorwärtsmachen müsse. Diese kreative Seite hat mich immer interessiert. So wurde der visuelle Blattmacher bei der «Neuen Luzerner Zeitung» geboren.

Kann man sagen, Sie entscheiden, wie die Neue LZ und ihre Regionalausgaben aussehen und optisch daherkommen?

Gallinelli:Ja, das kann man so sagen. Wobei ich anmerken muss, dass das jetzige Layout nicht von mir stammt. Aber ich betone: Am Schluss zählt der gute Inhalt – die Verpackung ist nur ein Teil davon. Je besser eine Story ist, desto weniger Gestaltung braucht sie, weil sie sich von selbst trägt – umgekehrt kann man aber eine schlechte Story mit den Mitteln der Gestaltung nicht besser machen. Ich sage immer: Die visuelle Aufbereitung ist so etwas wie der Groove der Zeitung.

Sind Sie zufrieden damit, wie Ihre Zeitung aussieht?

Gallinelli:Wenn ich ins Archiv gehe und den Werdegang dieser Zeitung betrachte, dann kommen wir jetzt schon viel kreativer daher. 2014 haben wir am European Newspaper Congress in Wien von den Schweizer Zeitungen am zweitmeisten Preise für die gestalterische Umsetzung von Themen abgeholt. Andererseits ist unser Layout nun auch ein wenig «angejahrt». Der Zeitpunkt für einen neuen Layout-Auftritt kommt bald einmal.

Was gefällt Ihnen nicht, was muss noch besser werden?

Gallinelli:Die Typografie, also die Textschrift, ist ein wenig schwer, bleiern, etwas zu klein. Aber: Die Typografie ist der «heilige Gral» einer Zeitung! Wenn man die Textschrift verändert, ist der erste Reflex beim Leser: schlecht, weil es nicht so ist wie vorher. Wenn also das Layout überarbeitet wird, kommt der Wahl der richtigen Schriften eine hohe Wichtigkeit zu.

Was halten Sie eigentlich von den kleinformatigen, tabloiden Gratiszeitungen?

Gallinelli:Interessanterweise funktioniert dieses Format in gewissen Ländern sehr gut, beispielsweise in Skandinavien. In der Schweiz funktioniert es weniger, das ist eine Mentalitätsfrage beim Zielpublikum. Das Tabloidformat wird hier mit Gratis- und nicht mit Qualitätszeitungen gleichgesetzt. Umgekehrt gab es in Schweden eine Qualitätszeitung, die stellte auf das kleiner formatige Tabloid um und hat sich so – kurz vor dem Ruin stehend – gerettet.

Themawechsel. Schreckliche Bilder aus dem Krieg – entscheiden Sie da mit, ob die in die Zeitung kommen oder nicht?

Gallinelli: Das tangiert mich auch. Man muss wissen, eine Zeitungsredaktion erhält täglich Bilder, die man dem Leser nicht zumuten kann. Tote Menschen zu zeigen, das ist sehr schwierig. Erinnern wir uns an den toten Flüchtlingsbuben im Wasser – das hat mich fassungslos gemacht, da musste ich meine Arbeit für einige Minute unterbrechen. Aber Kriegsflüchtlinge sind ein klassisches Beispiel: Das funktioniert nicht nur mit Text und Zeilen, da haben Bilder eine wahnsinnige Kraft.

Welche Zeitung ist die schönste für Sie?

Gallinelli:Ich schaue halt nur die schönen an. Nein, jetzt ernsthaft: «Die Zeit» ist wunderschön gemacht, dort spürt man die Kreativität textlich und gestalterisch. «Die Welt», die Sonntagsausgabe der FAZ und in der Schweiz die «NZZ am Sonntag» sind schöne Zeitungen. Die «New York Times» gefällt mir als Gesamtprodukt. In Skandinavien gibt es wunderschöne Zeitungen, im Vergleich dazu fehlt es in der Schweiz am Mut, radikal zu sein.

Also, was antworten Sie einem, der Ihnen sagt, ihn interessiere das Erscheinungsbild der Zeitung nicht, er wolle einfach gut recherchierte Berichte aus aller Welt lesen?

Gallinelli:Er muss sich ja gar nicht für das Erscheinungsbild interessieren. Dass es gut aussieht – das mache ich dann schon für ihn.

Und wie wird die Zeitung, sagen wir mal ... im Jahr 2020 aussehen?

Gallinelli:Moderner, luftiger, grosszügiger im Layout. Die entscheidende Frage ist: Werden junge Leute von heute einmal Zeitungsleser? Meine Erfahrung ist: Sie sind schon Zeitungsleser, aber sie kaufen die Zeitung nicht immer. Ich habe aufgehört, mir über die Zukunft der Zeitung den Kopf zu zerbrechen. Ich bin ein Zeitungsfan. Solange es Zeitungen gibt, werde ich für die Zeitung arbeiten und versuchen, dafür zu sorgen, dass sie auch optisch dem Zeitgeist entspricht.

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