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1. AUGUST: Der Bundesbrief ist Mythos – und Fakt

725 Jahre Eidgenossenschaft. Vor einigen Jahren wäre dieses «Jubiläum» noch gross gefeiert worden. Doch die Historiker haben den Mythos entzaubert – und gleichzeitig rehabilitiert.
Hannes Bucher
Vor dem Wandbild «Rütlischwur» von Walter Clénin erläutert Museumsleiterin Annina Michel die Bedeutung des Bundesbriefs. (Bild Boris Bürgisser)

Vor dem Wandbild «Rütlischwur» von Walter Clénin erläutert Museumsleiterin Annina Michel die Bedeutung des Bundesbriefs. (Bild Boris Bürgisser)

Hannes Bucher

Exakt 725 Jahre alt wird die Eidgenossenschaft morgen. Zumindest wenn man noch immer vom Gründungsjahr von 1291 ausginge, wie es doch – oder vielmehr noch – in unserem kollektiven Geschichtsbewusstsein verankert ist. Doch stimmt diese Rechnung? «Nein», sagt die Historikerin Annina Michel, Leiterin des Bundesbriefmuseums Schwyz, an diesem Samstagmorgen im Juli. Eine Besuchergruppe hat sich gerade für eine besondere Führung eingefunden (siehe Box). «Vor 725 Jahren gab es keine Eidgenossenschaft. Erst Mitte des 14. Jahrhunderts kommt der Name auf», erklärt Michel.

Doch was hat es mit der bekanntesten Urkunde der Schweiz, dem Bundesbrief, auf sich – das sich im schweizerischen Geschichtsbewusstsein als das eigentliche Gründungsdokument eingenistet hat? Annina Michel rückt das Pergament, das 17 Zeilen in lateinischer Sprache umfasst, in der rund einstündigen Führung durch ihr Museum ins historische Licht – wie es dem aktuellen Stand der Geschichtsbetrachtung entspricht. Kein Zweifel – die Leiterin des Bundesbriefmuseums ist eine überaus versierte Kennerin der Schweizer Geschichte. Und gleichzeitig erweist sie sich als eine Historikerin, die für die Mythen, die sich eben um diese Geschichte ranken, viel Respekt und Verständnis gegenüber aufbringt. Fakt aber bleibt auch bei ihr: Ins Reich eben dieser Mythen gehören die Inhalte der Schulgeschichtsbücher, die bis vor kurzem von «bösartigen Habsburgern und niederträchtigen Vögten» berichteten. Von «friedlichen Eidgenossen», welche eben diese Behandlung nicht weiter ertragen wollten und die über ein «gigantisches Heer» schrieben, das bei Morgarten von den freiheitsliebenden Eidgenossen vernichtend geschlagen wurde.

500 Jahre lang im Archiv vergessen

Diese verklärte Sicht, wie sie über Jahrhunderte Bestand hatte, schuf zur Hauptsache der Glarner Ägidius Tschudi. Er schrieb im 16. Jahrhundert die erste Schweizer Gründungsgeschichte überhaupt. Darin hat er dem heldenhaften Kampf der Eidgenossen gegen die Habsburger viel Platz eingeräumt und diesen ausgiebig ausgeschmückt. Heute würde man sagen, er hat ihn boulevardmässig zugespitzt. Dabei hat Tschudi in «seiner eigenen, komplizierten Rechnung», den 8. November 1307 als Geburtstag der Eidgenossenschaft festgelegt.

Annina Michel zeigt in ihrer Führung auf, wie die Historiker den Bundesbrief heute sehen und welche Bedeutung sie ihm zusprechen: «Als eines der vielen Landfriedensbündnisse nämlich, wie sie damals gang und gäbe waren. Die gebrochen wurden, ausliefen, auch mal die Notsituation einer andern Partei ausnützten.» Es war auch nicht so, dass sich die Urschweizer damit vom Deutschen Reich loslösen wollten. Was sie anstrebten, war die sogenannte Reichsunmittelbarkeit – sie wollten direkt unter der deutschen Kaiserkrone sein, ihre eigenen Richter haben und nicht an Lehensherren ihren Tribut entrichten müssen.

Die Folge dieser Reichsunmittelbarkeit war: «Niemand kontrollierte sie – aber auch niemand beschützte sie.» Dieses «Vakuum» wurde durch führende einheimische Familien gefüllt. Diese verbündeten sich wiederum mit andern Familien. Später machten dies Orte und Städte ebenso. «Ein unheimlich kompliziertes und unterschiedliches Geflecht von Bündnissen ist so entstanden», folgert Annina Michel. In dem Sinn wurde die Eidgenossenschaft als solche «gar nie gegründet.» Dieses komplexe Geflecht der alten Eidgenossenschaft wurde erst mit dem Einmarsch Napoleons entwirrt und bekam dann eine von Napoleon diktierte gemeinsame Basis.

Vom Bundesrat «beglaubigt»

Dass der Bundesbrief als solcher in diesem komplexen Prozess keine besondere Bedeutung hatte, zeigt sich auch darin, dass er schon bald nach seiner Niederschreibung für gut 500 Jahre in Vergessenheit geriet. Pikant dabei: Auch Ägidius Tschudi kannte das Dokument wohl nicht. Erst 1724 beim Aufräumen eines Archivs in Schwyz kam das Pergament wieder ans Tageslicht und rückte dann zunehmend ins Interessenfeld der Historiker – und in der Folge auch des Bundesrates. Am 14. Dezember 1889 erklärte nämlich die damalige Landesregierung den Bundesbrief zur offiziellen Gründungsurkunde der Eidgenossenschaft. Damit war seine Bedeutung von höchster Seite her festgelegt und beglaubigt. Der gleiche Bundesrat legte in Eigenregie den 1. August 1291 als Gründungstag der Eidgenossenschaft fest. Es lässt sich folgern: Wenn schon nicht die Gründung der Eidgenossenschaft, so ist zumindest das Geburtsjahr des Schweizerischen Nationalfeiertages historisch verbürgt.

Rückhalt der Landesverteidigung

Zwar war der Bundesbrief als Gründungsakte eigentlich nicht relevant, aber umso mehr hat er das Nationalbewusstsein in den letzten 150 Jahren geprägt. Er verhalf dem jungen Bundesstaat Ende 19. Jahrhundert, ein Zusammengehörigkeitsgefühl zu entwickeln. Annina Michel: «Eine gemeinsame Geschichte verbindet.» Seine eigentliche Blütezeit erlebte das Dokument in den 1930er-Jahren, der Zeit der «geistigen Landesverteidigung». Da wurde der Bundesbrief zum «eigentlichen Band des inneren Zusammenhaltes» hochstilisiert. Das Berufen der offiziellen Schweiz auf eben diesen Bundesbrief habe sehr viel bewirkt, sagt Annina Michel. Es habe «Mut gemacht, grundlegende Werte symbolisiert» und sei «Teil unserer Kultur und unserer Identität» geworden.

Pilgerort für das Nationalheiligtum

Der Höhepunkt dieser Bedeutung gipfelte 1936 im Bau des Bundesbriefarchivs, des heutigen Bundesbriefmuseums. Der Architekt Joseph Beeler aus Rothenthurm sah das Gebäude als eigentliche «Kathedrale». Es sollte im Sinn seiner Erbauer zu einem «Pilgerort für das Nationalheiligtum» werden. Der Bundesbrief selber bekam seinen Platz in einem Raum mit «mystischer, sakraler Aura» und ruhte dort auf einem eigentlichen «Altar des Vaterlandes».

Doch auch diese Geschichte war nicht zu Ende geschrieben. Die spätere kritische Geschichtsschreibung, gerade auch als Folge der 68er-Bewegung, räumte unbarmherzig auch liebgewonnene Geschichtsmythen aus. Dabei wurde der Bundesbrief vom Altar geholt, in seiner Bedeutung zurückgestuft. Er musste sich für gut 30 Jahre mit einem Platz inmitten anderer zeitgenössischer Dokumente abfinden.

Im Jahr 2014 wurde das Museum in Schwyz dann grundlegend umgestaltet. Das prominente Dokument ist nun wieder ins Zentrum gerückt: an seine ursprüngliche Stelle unter Walter Clénins Wandbild «Rütlischwur». Der Mythos sei im Raum ständig präsent, aber nie ganz sichtbar, erklärt die Museumsleiterin. Die freie Sicht des heutigen Besuchers auf die prominente Vitrine ist durch Säulen verstellt. Der Besucher muss sich erst durch Geschichtsfakten und Informationen durchlesen, um einen freien Blick für den Mythos zu haben.

Bundesbrief schreibt Geschichte

«Der Bundesbrief ist Geschichte», hält Annina Michel fest. Nicht als Gründungsdokument der Eidgenossenschaft – vielmehr schrieb das Dokument selber Geschichte in seiner unterschiedlichen Bedeutung, die ihm zugesprochen wurde und wird. Wie reagieren nun die Museumsbesucher auf diese Fakten, die doch manch ein Geschichtsbild enttäuschen, wenn nicht gar zerstören? Die Museumsleiterin entwarnt: Zwar gebe es auch mal anfängliche Ernüchterung. Wenn den Mythen aber Respekt entgegengebracht, ihnen Platz gelassen werde, stelle sich zumeist Verständnis und eine neue Sichtweise ein.» Die Museumsleiterin selber scheint ebenso überzeugt: Gelebte Geschichte braucht Fakten und auch Mythen, die mitschwingen und mitklingen. Bei den aktuellen Führungen im Bundesbriefmuseum kommt beides zum Tragen – dem heutigen Zeitgeist entsprechend.

17 Zeilen in lateinischer Sprache umfasst der 725 Jahre alte Bundesbrief. (Bild Boris Bürgisser)

17 Zeilen in lateinischer Sprache umfasst der 725 Jahre alte Bundesbrief. (Bild Boris Bürgisser)

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