125 Jahre Juso Luzern: Die älteste sozialistische Jugendgruppe der Schweiz feiert Jubiläum

1894 wurde in Luzern der erste «Jung-Sozialistenclub» der Schweiz gegründet. Bis die Juso eine ernsthafte politische Rolle spielte, dauerte es aber noch lange.

Stefan Dähler
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Ein Juso-Anlass auf der Rigi im Jahr 1916.

Ein Juso-Anlass auf der Rigi im Jahr 1916.

Bild: Schweizerisches Sozialarchiv/F Fb-0006-34

Trotz der «Öko-Mehrheit» seit 2016: In Luzern sind die Linken im Vergleich zu anderen Städten nicht besonders stark. Ende 19. Jahrhundert nahmen linke Jugendliche in Luzern allerdings eine Vorreiterrolle ein. 1894 wurde im damaligen Café Betlehem an der Eisengasse der «Jung-Sozialistenclub» mit zwölf Mitgliedern gegründet. Die SP Schweiz war zu diesem Zeitpunkt gerade mal sechs Jahre alt, es gab weder eine SP Luzern noch sozialistische Jugendgruppen in anderen Städten. Wenn die Luzerner Juso kürzlich ihr 125-Jahr-Jubiläum feierte, tat sie dies als schweizweit älteste Gruppierung dieser Art.

Sie bestand anfänglich nur aus männlichen Mitgliedern. Der spätere SP-Regierungsrat Paul Huber schrieb 1973 in der «LNN»:

«Ihre Tätigkeit beschränkte sich auf den Vertrieb sozialistischer Lektüre und auf Debatten im engen Kreis.»

Nach Neumitgliedern habe man vergeblich Ausschau gehalten und so wurde die Gruppe nach zwei Jahren wieder aufgelöst. Von einem kontinuierlichen, 125-jährigen Bestehen der Juso Luzern kann also nicht die Rede sein.

Lehrlinge mit 60-Stunden- Woche und ohne Ferien

Über die Luzerner Vorreitergruppe ist denn auch wenig bekannt. Generell stammten die ersten aktiven jungen Sozialisten aus der Arbeiterschicht. Kennengelernt hat man sich teils über andere Organisationen. «In Zürich gab es etwa eine Gruppe, die aus ehemaligen Konfirmanden eines linksorientierten Pfarrers bestand», sagt Christian Koller, Direktor des Schweizerischen Sozialarchivs und Geschichtsprofessor an der Uni Zürich. Spezifische Forderungen der Jungen seien etwa mehr Rechte oder eine bessere Behandlung von Lehrlingen gewesen. «Teils musste man damals noch für Lehrverträge bezahlen», sagt Koller. Auch Lehrlinge mussten bis 60 Stunden pro Woche arbeiten, Ferien gab es keine.

Zwischen Sozialdemokratie und Anarchie

Die jungen Sozialisten diskutierten aber auch weltanschauliche Themen wie Pazifismus. «Dabei waren sie – wie heute – stets radikaler als ihre Mutterpartei.» Das habe zu Konflikten geführt, sodass Jugendgruppen teils aufgelöst und später wieder neu gegründet wurden. Die Juso Schweiz wurde 1906 gegründet. Die Juso Kanton Luzern folgte 1909. Wobei möglich ist, dass in der Stadt Luzern oder in Kriens und Emmenbrücke, wo sich grosse Industriebetriebe befanden, bereits früher sogenannte Jungburschen wieder aktiv waren, wie Ruedi Meier sagt. Der frühere Luzerner Stadtrat (Grüne) hat seine Lizentiatsarbeit zur Geschichte der Luzerner Arbeiterbewegung verfasst. «Es gab damals verschiedene Strömungen innerhalb der Linken.» Die Sozialdemokraten befürworteten die parlamentarische Demokratie und wollten diese sozialer gestalten. Andere, die Zürcher Juso sei hier tonangebend gewesen, entwickelten sich mehr und mehr anarchistisch-pazifistisch und forderten eine sozialistische Revolution. «Dieser Konflikt verschärfte sich während des 1. Weltkriegs und besonders nach der Russischen Revolution», sagt Meier.

Die Jugendunruhen brachten das Comeback

1921 schliesslich spaltete sich die Kommunistische Partei von der SP ab – und mit ihr auch grosse Teile der Juso. Es existierten weiterhin sozialdemokratische Jugendgruppen, jedoch unter anderem Namen. Nach dem Verbot der Kommunisten während des 2. Weltkriegs verschwanden auch die revolutionären Ideen der Juso. Der Name tauchte erst 1971 wieder auf – als Nachfolge der schwächelnden Vereinigung junger Sozialdemokraten. Damals wurden «der Wiederaufbau der Organisation und die Klärung des Verhältnisses zur SP Schweiz» in die Hand genommen, wie der Juso-Publikation zu entnehmen ist. In Luzern seien die Juso vor allem ab den 80er-Jahren, als es zu den Jugendunruhen kam, wieder aktiv geworden, sagt Ruedi Meier. Später folgte wieder eine inaktive Phase – was bei Jungparteien üblich ist, da tragende Mitglieder nach einigen Jahren aufgrund des Alters austreten.

In ihrer heutigen Form existiert die Luzerner Juso seit Ende der 90er-Jahre, als sie vom heutigen Kantonsrat Marcel Budmiger reaktiviert wurde. «Das ist vergleichsweise eine lange Periode», sagt Sebastian Dissler, Sekretär der SP Kanton Luzern und früheres Mitglied der Geschäftsleitung der Juso Schweiz. Erster politischer Vorstoss war übrigens eine Volksmotion für den Ersatz des Jugendhauses Wärchhof im Jahr 2000. In der Folge wurde das Treibhaus realisiert.

Knatsch wegen SP- Sicherheitsdirektorinnen

Konflikte zwischen SP und Juso treten immer wieder auf. In Luzern kam es vor rund 10 Jahren zu Reibungen bei sicherheitspolitischen Themen. Damals führte die SP mit Yvonne Schärli und Ursula Stämmer das kantonale wie auch das städtische Sicherheitsdepartement. «Die SP hat damals die Einführung eines Wegweisungsartikels befürwortet», sagt Dissler. Besonders für Ärger sorgte, dass bei einer Demonstration 2007 gegen die Schliessung des Kulturzentrums Boa über hundert Personen festgenommen und in den Sonnenbergtunnel gebracht wurden. Stämmer wurde danach von Jungsozialisten deswegen stark kritisiert.

In jüngster Zeit hat sich das Verhältnis entspannt. Sebastian Dissler erklärt:

«Es stehen Themen wie Städtebau oder Steuer- und Finanzpolitik im Vordergrund, bei denen zwischen SP und Juso keine grossen Differenzen bestehen.»

In diese Zeit der linken Minne fällt auch der bisher grösste Erfolg der Luzerner Juso: die 2017 vom Stadtluzerner Stimmvolk angenommene Initiative für ein carfreies Inseli.

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