50 Jahre Frauenstimmrecht: So kämpften Frauen in Luzern um ihre Rechte

Beim Erzählcafé im Historischen Museum Luzern erinnern sich Frauen an die Meilensteine der Frauenbewegung.

Livia Fischer
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Über ein Dutzend Frauen sitzen in einem Kreis im Historischen Museum. Es ist ein Kaffeekränzchen der besonderen Art. Geredet wird über das Frauenstimmrecht – erst seit 50 Jahren dürfen die Luzernerinnen bei kantonalen Wahlen und Abstimmungen an die Urne. «Damals war ich sechs Jahre alt», erinnert sich eine Teilnehmerin. Ihr Vater war Ausländer, konnte nur gebrochen Deutsch. Also hat die Mutter gegen aussen hin die Familie vertreten. Nur eine Stimme hatte sie lange Zeit nicht.

Sibylle Gerber (links) diskutiert mit Frauen im Erzählcafé im Historischen Museum Luzern.

Sibylle Gerber (links) diskutiert mit Frauen im Erzählcafé im Historischen Museum Luzern.

Bild: Historisches Museum Luzern

Richtig laut wurden die Frauen 1991 beim ersten nationalen Frauenstreik. Das Stimmrecht hatten sie zwar, genügend Gründe, trotzdem auf die Strasse zu gehen, aber auch. «Wir waren eine Gruppe von Kindergärtnerinnen und Lehrerinnen und wir kämpften nicht nur für mehr Lohn, sondern auch für die Anerkennung unseres Berufs», sagt eine Teilnehmerin des Erzählcafés. Es habe sie schockiert, dass die Forderungen am letztjährigen Frauenstreik noch dieselben waren.

Das Historische Museum sucht Erinnerungsstücke

Auch eine ehemalige Caritasmitarbeiterin erinnert sich an den historischen Tag vor 29 Jahren: «Als der damalige Direktor Wind vom Streik bekam, fragte er wutschnaubend, ob wir eigentlich wahnsinnig seien. Davon liessen wir uns aber nicht beirren. Und auch einige unserer Kollegen unterstützten uns dabei, indem sie unsere Arbeit machten.» Eine andere Frau verteilte einige Tage zuvor Flyer vor dem Luzerner Kantonsspital, ihrem damaligen Arbeitsort. «Die Aktion stiess auf viel Unverständnis und Ablehnung, auch seitens anderer Frauen. Viele dachten, den Streik brauche es nicht, uns gehe es doch gut.»

Ein Blick zurück: Erster Urnengang der Luzernerinnen nach Einführung des Frauenstimmrechts im Februar 1971.

Ein Blick zurück: Erster Urnengang der Luzernerinnen nach Einführung des Frauenstimmrechts im Februar 1971.

Bild: Stadtarchiv Luzern

Solche und noch viele weitere Eindrücke will Sibylle Gerber, Kuratorin im Historischen Museum, sammeln. Passend zum 50-Jahr-Jubiläum findet im Herbst eine Ausstellung zum Frauenstimmrecht statt. Dafür sucht Gerber noch weitere Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, die ihre persönliche Geschichte erzählen wollen. Und: «Wir freuen uns auch über Fotos, Kleider, Banner, Protestsymbole, Filme oder Plakate, die an die Frauenbewegung erinnern.»

«Gleichberechtigung geht uns alle etwas an»

Im Kreis sitzt auch ein Mann. Er ist ein stiller Zuhörer, nickt den Frauen aber immer wieder bestätigend zu. Etwa, wenn sie ihr Unverständnis über die Diskriminierung im Job kundtun. Ein Diskurs über die Erwartungen an eine Frau beginnt. «Ich bin es leid, mich für alles, was ich tue, sage und anziehe, zu rechtfertigen», sagt eine Frau bestimmt. Sexuelle Gewalt wird zum Thema; gesprochen wird über Victim Blaming (Opferbeschuldigung) – ein Problem, das aktuell viele Frauen beschäftigt. Die Schweiz habe zwar viele Fortschritte gemacht, der Prozess sei aber noch nicht abgeschlossen. «Politische und gesellschaftliche Gleichberechtigung ist eben nicht dasselbe. Es lohnt sich, weiterhin dafür zu kämpfen», sagt Sibylle Gerber. Die anderen der Runde stimmen ihr zu. Ihr Fazit: «Wir sind noch lange nicht da, wo wir hin möchten. Und Gleichberechtigung geht uns alle etwas an.»

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