Interview

50 Jahre reformierte und katholische Landeskirche: Diese zwei Luzernerinnen haben im Jubiläumsjahr das Ruder in der Hand

Ein Boot, zwei Frauen und 200'000 Franken Budget: So feiern die katholische und die reformierte Landeskirche des Kantons Luzern ihr 50-Jahr-Jubiläum.

Evelyne Fischer
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Ursula Stämmer (links) und Renata Asal im Ruderboot, mit dem die Landeskirchen unterwegs sind.

Ursula Stämmer (links) und Renata Asal im Ruderboot, mit dem die Landeskirchen unterwegs sind.

Bild: PD/Roberto Conciatori

Morsches Holz, abblätternder Lack, hier und dort etwas Rost: An diesem Ruderboot nagt der Zahn der Zeit. Als Symbol für die zu verkündende Botschaft taugt es dennoch perfekt. «Wer sein Ruder ergreift, setzt etwas in Bewegung. Unser Boot musste restauriert werden, hat Risse und Makel – wie unsere Kirche auch», sagt Renata Asal-Steger, Synodalratspräsidentin der römisch-katholischen Landeskirche des Kantons Luzern. Das Amt der Synodalrätin entspricht quasi dem Posten einer Regierungsrätin der jeweiligen Landeskirche.

Die katholische und die reformierte Landeskirche – die kantonalen, staatskirchenrechtlichen Organisationen – feiern heuer ihr 50-jähriges Bestehen. Zahlreiche Menschen werden als Boot-Schafterinnen und Boot-Schafter der Kirche unterwegs sein. Ursula Stämmer-Horst, Synodalratspräsidentin der evangelisch-reformierten Landeskirche des Kantons Luzern, sagt: «Jeden Monat wird man das Boot an einem anderen Ort entdecken. Wir wollen zeigen, was wir für die Gesellschaft leisten.»

Unter dem Slogan «Kirche kommt an» ist Ihr Boot bald bei vielen Veranstaltungen präsent. Warum muss die Kirche immer und immer wieder für sich lobbyieren?

Renata Asal-Steger: Unser Auftrag als Christinnen und Christen ist es, Zeugen der Frohen Botschaft zu sein. Und entsprechend zu handeln. Es muss gelingen, den Wert der Diakonie hervorzuheben. Also aufzuzeigen, wie sich die Kirche in der Gesellschaft engagiert, etwa bei der Notfallseelsorge oder der Gassenarbeit oder dem Hospiz Zentralschweiz.

Zur Person

Renata Asal-Steger (59)

Renata Asal-Steger (59)

Sie präsidiert dieses und nächstes Jahr den Synodalrat der römisch-katholischen Landeskirche des Kantons Luzern. Die Rechtsanwältin, Heilpädagogin und zweifache Mutter aus Luzern gehört der Christlichsozialen Vereinigung an und präsidiert neu die Römisch-Katholische Zentralkonferenz, die Dachorganisation der Kantonalkirchen.

Ihre Beispiele verdeutlichen es: Bei vielen Menschen kommt die Kirche erst bei Krisen, Krankheit oder Tod ins Spiel. Warum?

Renata Asal: Kirche ist nichts Spektakuläres. Ihre Aufgabe ist es, an den Brennpunkten des Lebens präsent zu sein. Sich für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung einzusetzen.

Ursula Stämmer-Horst: Und das sollen nicht bloss Schlagworte sein. Bewahrung der Schöpfung heisst überspitzt, nicht nur den Pro-Natura-Jahresbeitrag einzuzahlen, sondern dem Igel im Garten auch ein Nest einzurichten. Unser Ziel ist die Nachfolge Christi. Kirche ist eine Frage der Haltung.

Zur Person

Ursula Stämmer-Horst (61)

Ursula Stämmer-Horst (61)

Sie ist seit 2016 Synodalratspräsidentin der evangelisch-reformierten Landeskirche des Kantons Luzern. Zuvor gehörte die langjährige SP-Politikerin 16 Jahre dem Luzerner Stadtrat an. Die ausgebildete Krankenschwester ist zweifache Mutter und lebt in der Stadt Luzern.

Sind Sie es manchmal nicht überdrüssig, stets aufs Neue erklären zu müssen, dass sich Seelsorge nicht auf die Kirchenmauern beschränkt, dass Kirchensteuern nicht einfach in den Vatikan abwandern?

Renata Asal: Was Letzteres betrifft, besteht bestimmt Handlungsbedarf. 93 Prozent der Einnahmen bleiben vor Ort. Damit werden zum Beispiel Jubla und Pfadi unterstützt. Nach Rom fliessen keine Kirchensteuern. Mit einer interaktiven Karte wollen wir diesen Geldfluss künftig noch stärker aufzeigen. Denn Kirchenaustritte aus finanziellen Überlegungen sind ein Grund für die rückläufigen Mitgliederzahlen. Gerade die katholische Kirche hat aufgrund der vielen Missbrauchsfälle ein Glaubwürdigkeitsproblem. Und: Vielen fehlt der Bezug zur Kirche, viele sind müde geworden. Ich sage mir aber: Wenn ich nicht mehr dabei bin, kann ich auch nicht mitgestalten.

Ursula Stämmer: Die beste Werbung für die Kirche sind oft Beerdigungen und Abdankungen. Dies zeigt: Seelsorge ist das A und O. Doch diese hört beim Gotteshaus nicht auf. Mit Einrichtungen wie der Gassenarbeit oder dem Migranten-Treff «Hello Welcome» kann die Kirche dort wirken, wo dem Staat die Möglichkeiten fehlen. Wir sind Zudiener. Aber: Wir sind nicht da, um den Staat zu entlasten. Wenn der Kanton der Caritas den Asyl-Auftrag entzieht, ist das ok. Aber die Kirche kann danach nicht alle Löcher stopfen.

Ausgerechnet im Jubiläumsjahr stehen zwei Frauen an der Spitze. Ein gelungener Marketing-Coup?

Renata Asal: (lacht) Ein erfreulicher Zufall. Weil Vizesynodalratspräsident Markus Müller die Leitung eines Pastoralraums übernimmt, mussten wir aus Ressourcengründen umdisponieren.

Ursula Stämmer: Es ist ein wahrer Glücksfall. Gerade in sozialen Fragen sind wir uns sehr einig.

2019 war das Jahr des Frauenstreiks. Was bietet 2020 diesbezüglich aus kirchlicher Perspektive?

Ursula Stämmer: Mit dem Slogan «Gleichberechtigung. Punkt. Amen.» waren wir am Frauenstreik präsent. Wenn wir weiterkommen wollen, müssen wir zusammen stehen. Frauen und Männer, Katholiken und Reformierte. Es braucht die Einheit der Christen.

Renata Asal: Das Ziel muss eine geschwisterliche Kirche sein. Dass Frauen in der katholischen Kirche von Weiheämtern ausgeschlossen sind, ist schmerzhaft. Gegen aussen steht man für die gleiche Würde von Mann und Frau ein, mit der Verwirklichung innerhalb der Kirche tut man sich aber schwer. Das ist stossend. Projekte wie der Frauen-Kirchenstreik oder das «Gebet am Donnerstag», das einmal wöchentlich Zuversicht schenken soll, den Weg mit der Kirche weiter zu gehen, zeigen mir aber: Punkto Erneuerung der Kirche ist etwas in Gange.

Als Türöffner für die Gleichstellung braucht es doch vor allem die Abschaffung des Zölibats und die Weihe von Frauen zu Priesterinnen.

Renata Asal: Letztlich ja. Aber schon das Zölibat fällt nicht von einem Tag auf den anderen.

Wird es jemals gelingen?

Renata Asal: Das hoffe ich sehr. Die Zukunft der Kirche hängt nicht alleine vom Zölibat ab. Auch müssen Frauen in der Kirche gleichberechtigt wirken können.

Ursula Stämmer: Mit einem freiwilligen Zölibat und der Frauenordination würde ein Prozess der Erneuerung automatisch folgen.

Ganz so einfach ist es wohl nicht?

Renata Asal: Wir haben komplizierte Strukturen. Die grossen kirchlichen Fragen werden nicht vor Ort entschieden. Und in der Schweiz ist das duale System – das pastorale und staatskirchenrechtliche Nebeneinander in Führung und Verantwortung – zwar eine grosse Chance, aber auch eine Herausforderung.

Ursula Stämmer: Die katholische Kirche muss simpler werden. Wir Reformierte sind nicht die bessere Kirche, aber schlanker aufgestellt. Wir kennen beispielsweise das allgemeine Priestertum, dürfen ohne Papst und Bischof mutiger sein. Viele Projekte könnten wir finanziell und personell allerdings ohne Katholiken gar nicht stemmen. Darum braucht es das Miteinander. Die reformierte und die katholische Kirche müssen ihre Kräfte bündeln. Wir müssen alle ins Boot holen – wortwörtlich.

So feiern die zwei Landeskirchen ihr 50-jähriges Bestehen

Die evangelisch-reformierte (42'000 Mitglieder) Landeskirche und die römisch-katholische Landeskirche (245'000 Mitglieder) feiern heuer unter dem Motto «Kirche kommt an» ihr 50-Jahr-Jubiläum.

Hauptanlass für die Bevölkerung ist die «Lange Nacht der Kirchen» am 5. Juni. Luzern nimmt mit über 100 Kirchgemeinden, Pastoralräumen, Pfarreien und Organisationen mit kirchlicher Mitträgerschaft daran teil. Am 20. Mai tagen die reformierte und die katholische Synode gleichzeitig. Im Anschluss daran findet eine gemeinsame Feier der Kirchenparlamente statt. Der Kurzfilm «Kirche kommt an» feiert an den Synoden Premiere. Am Bettag, 20. September, laden die Kirchen gemeinsam mit dem Kanton nach Willisau zu einer Feier ein.

Übrigens: Die beiden Landeskirchen zelebrieren ihr Jubiläum zusammen mit der Christkatholischen Kirchgemeinde Luzern (500 Mitglieder), die bereits seit 1932 vom Staat öffentlich-rechtlich anerkannt ist. Auch hier steht mit Esther Albert eine Frau an der Spitze. In Luzern gehören 70 Prozent der Bevölkerung einer der drei Landeskirchen an. 

Hinweis: Weitere Informationen zum Jubiläumsjahr finden Sie unter www.kirche-kommt-an.ch.