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Interview

Politologe zu den Luzerner Kantonsratswahlen: «Unmotivierte Kandidaten verwässern den Wahlkampf»

Jetzt sind alle Kandidaten für die Kantonsratswahlen bekannt: 802 Personen kämpfen um 120 Sitze. Vor vier Jahren stiegen noch 631 Männer und Frauen ins Rennen. Der Politologe Mark Balsiger hinterfragt diesen Trend kritisch: Viele Kandidaten seien nur «saftlose Stimmensammler».
Kilian Küttel
Politologe Mark Balsiger. (Bild: PD)

Politologe Mark Balsiger. (Bild: PD)

Mark Balsiger, am 31. März kann das Luzerner Stimmvolk aus 802 Personen für den Kantonsrat auswählen. 2015 waren es 631, vier Jahre zuvor 575. Überrascht Sie dieser Anstieg?

Nein, überhaupt nicht. Die gleiche Tendenz sieht man bei den Nationalratswahlen: Seit 1991 ist die Anzahl Kandidatinnen und Kandidaten um fast 50 Prozent gestiegen.

Wieso das?

Bei den Parteistrategen hat sich die Überzeugung durchgesetzt: je mehr Kandidaten, desto mehr Stimmen. Aber so einfach ist das nicht.

Weshalb?

Viele Kandidierende werden überredet, sich auf eine Liste setzen zu lassen. Bei ihnen erschöpft sich der Wahlkampf mit der Bereitschaft, den eigenen Namen zur Verfügung zu stellen. Sie stehen zwar auf dem Wahlzettel und im Prospekt der Partei, aktiv werden sie aber nicht – sie nehmen nicht an Standaktionen teil, verteilen weder Flyer noch machen sie Werbung für sich auf Social Media.

Und davon profitiert die Partei?

Angenommen, ich kandidiere, ohne gewählt werden zu wollen: Meine Familie, Freunde und Arbeitskollegen würden mir ihre Stimme geben. Einfach, weil sie mich kennen. Davon profitiert die Partei, gerade wenn sie mit mehreren Listen antritt. Keine Stimme ist verloren. Sogenannte Unterstützerlisten liefern im Idealfall zusätzliche Stimmen, was die Hauptliste stärkt.

Tatsächlich?

Jedenfalls glauben das die Parteistrategen. Sie fahren lieber mit vielen kleinen Booten auf den Vierwaldstättersee und werfen kleine Netze aus, weil sie sich so mehr Fische erhoffen. Ich halte dagegen: Nur solche, die wirklich fischen wollen, sollten auch fischen gehen. Nur sie tun es mit Engagement und hoffentlich auch mit dem notwendigen Können.

Ist das eine gefährliche Tendenz?

Nein. Aber unmotivierte Kandidierende verwässern den Wahlkampf und damit das Profil ihrer Partei.

Immer wieder ist die Rede von Politikverdruss. Dabei steigt die Anzahl der Kandidaten kontinuierlich.

Die Menschen in unserem Land sind eben nicht so politikverdrossen, wie das die Medien oft behaupten. Erhebungen zeigen immer wieder, dass das Vertrauen in politische Institutionen sehr hoch ist. Zudem gehen innerhalb von vier Jahren 80 Prozent der Stimmberechtigten mindestens einmal abstimmen. Damit sind wir Europameister.

Mit einer Stimmbeteiligung, die im letzten Jahr bei nationalen Abstimmungen bei 43,7 Prozent lag.

Ja, aber vergleichen Sie einmal mit anderen Ländern: In Deutschland beispielsweise kann das Wahlvolk auf nationaler Ebene alle vier Jahre eine Erst- und Zweitstimme abgeben, und damit hat es sich. Wir stimmen alle drei Monate über Vorlagen ab, wir sind dauernd in diesem Prozess, was uns zu mündigen und zugleich sehr pragmatischen Stimmbürgerinnen und Stimmbürgern gemacht hat.

Zurück zu den Kantonsratswahlen: Dieses Jahr sind fast 40 Prozent der Kandidaten Frauen – 8 Prozent mehr als letztes Mal. Die Gleichstellungsdebatte scheint Früchte zu tragen.

Das sehe ich auch so, und zwar aus zwei Gründen: Diese Debatte ist schon lange im Gang und zeigt nun Wirkung – zum Glück. Zweitens sind im Dezember mit Viola Amherd und Karin Keller-Sutter zwei bürgerliche Frauen in den Bundesrat gewählt worden. Das macht anderen Frauen Mut.

Was gibt im Kanton Luzern den Ausschlag für den Zuwachs?

In Luzern ist die Regierung seit vier Jahren ein reiner Männerklub. Da wollen etliche Frauen Gegensteuer geben, indem sie sich auf die politische Bühne wagen. Die Arbeit überparteilicher Organisationen hat aufgerüttelt. National der Frauendachverband Alliance F, in Luzern das Netzwerk «Frauen Luzern Politik».

Ist der Frauenanteil von 40 Prozent eine Garantie dafür, dass die Frauenvertretung im Kantonsrat steigt?

Leider nein. Aber es muss gelingen, den Frauenanteil in allen Parteien und Fraktionen stetig zu erhöhen. Die späte Einführung des Frauenstimmrechts wirft noch immer lange Schatten.

Zum Schluss: Was entscheidet bei einem Politiker über Wahl oder Nicht-Wahl?

Ich habe vor Jahren ein wissenschaftliches Modell mit 26 Faktoren zum Wahlerfolg entwickelt. Ich hebe nur einen zentralen Faktor hervor: die Vernetzung. Wer in unterschiedlichen Teilen der Gesellschaft aktiv, bekannt und geschätzt ist, schneidet am Wahlsonntag besser ab. Eine Wahl schafft man nicht mit viel Geld und zwei Monaten «Wählt-mich»-Geschrei.

Hinweis: Mark Balsiger (51) ist seit 2002 Inhaber einer Kommunkationsagentur in Bern, deren Schwerpunkte auf Politikberatung, Krisenkommunikation, Medienarbeit und Auftrittskompetenz liegen.

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