Deutliche Abfuhr für vier 55 Meter hohe Wohntürme: Dierikon spricht sich gegen Rontalzentrum aus

Die Dieriker Stimmbürger haben sich klar gegen das Rontalzentrum neben der Mall of Switzerland ausgesprochen.

Simon Mathis
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So hätte das Rontalzentrum ausgesehen.

So hätte das Rontalzentrum ausgesehen. 

Visualisierung: PD

So voll wie am Dienstagabend war die Turnhalle von Dierikon schon lange nicht mehr. Ganze 198 Stimmberechtigte hatten den Weg zum Schulhaus gefunden. Kein Wunder: An der Gemeindeversammlung stimmten die Dieriker über das Rontalzentrum ab – das geplante Grossprojekt neben der Mall of Switzerland, das im Vorfeld für kontroverse Diskussionen gesorgt hatte und mit Spannung erwartet worden war.

Es war 22.30 Uhr, als sich die Anwesenden nach intensiver, langer Diskussion schliesslich gegen das Rontalzentrum aussprachen. Mit 151 zu 42 Stimmen fiel der Entscheid klar aus. Der Gemeinderat hatte sich hinter das Grossprojekt der Schindler AG gestellt, das auf dem Rockwell-Areal vier 55 Meter hohe Wohntürme vorsah. Das Gebäude hätte insgesamt 350 Miet- und Eigentumswohnungen sowie Gewerbeflächen und Büros beherbergen. Die Einsprachen der Gemeinde Buchrain und einer Privatperson wurden abgewiesen. Der Entscheid ist richtungsweisend für die Rontaler Gemeinde: Mit 600 zusätzlichen Einwohnern hätte die Bevölkerung Dierikons um rund einen Drittel wachsen können. Dadurch erhoffte sich der Gemeinderat zunehmendes Steuersubstrat.

CVP und FDP mit Nein-Parole

Die Einsprache der Gemeinde Buchrain wurde abgewiesen, der private Einsprecher zog seine Anträge von sich aus zurück, «um die Sache nicht unnötig hinauszuzögern.» Gemeindepräsident Max Hess (CVP) betonte gleich zu Beginn der nachfolgenden Diskussion: «Der Gemeinderat wird heute Abend nicht emotional argumentieren. Wir bleiben sachlich.» Umso emotionaler und hitziger waren die Wortmeldungen der Stimmbürger. Franziska Brunner, Präsidentin CVP Dierikon, teilte der Gemeinde mit, dass die Partei die Nein-Parole beschlossen hat. Das war durchaus eine Überraschung, ist doch der Dieriker Gemeinderat dominiert von CVP-Vertretern. Als Gründe nannte Brunner: «Die Angst vor Mehrverkehr herrscht vor. Auch die Sorge ist da, dass ein neues Quartier entstehen wird, das nicht am aktiven Dorfleben teilnehmen wird». Auch Jan Jambor, der frisch gebackene Präsident der FDP Dierikon, teilte die Nein-Parole der Partei mit.

«Wir brauchen hier keinen Grössenwahn» 

,hielt Jambor fest. «Die Investoren wissen nicht, was sie mit ihrem Geld machen wollen. Für sie ist das Geld ein Hammer, mit dem sie überall Nägel einschlagen. Will Dierikon wirklich das Brett für diesen Nagel sein?»

Ein weiterer Dieriker betonte: «Wir können auch ohne die Mehreinnahmen leben, die das Rontalzentrum bringt.» Zudem wurde mehrfach zu bedenken gegeben, dass der Gemeinderat nicht garantieren könne, dass das Zentrum keine Sozialhilfebezüger anziehe. Auch zu reden gab die bisher klare Trennung Dierikons in Industrie- und Wohnzone; eine Aufteilung, die das Rontalzentrum aufbrechen würde. «Die Lage ist für Industrie sehr gut, für den Wohnungsbau durchschnittlich», sagte ein Anwesender. Ein anderer ergänzte, dass die Wohntürme direkt neben der Industriezone zu Konflikten führen könnte.

Nächstes Projekt ohne Mitsprache der Gemeinde

Immerhin ein Anwesender sprach sich für das Projekt aus.

«Ja, diese Türme sehen nicht so toll aus. Aber ich sehe sie als Chance, die wir packen sollten.

Über die Mall haben wir zu Beginn auch die Stirn gerunzelt, mittlerweile haben wir uns an sie gewöhnt. Wenn wir einen Investor haben, der bereit ist, in diese Lage zu investieren, wäre ein Nein unklug.»

Auch Max Hess argumentierte in diese Richtung: «Bei einem Nein wäre auf dem Gebiet nur noch ein Industriebau möglich, und zwar ohne Mitspracherecht der Gemeinde.» Am Ende half auch dieses Argument nicht: Dierikon hat sich am Dienstag überdeutlich gegen das grosse Wachstumsprojekt ausgesprochen.

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Simon Mathis