Kommentar

Abrissstreit mit einer Hausverschiebung
lösen - eine geniale Idee

Nicht wenige bezeichnen das Stadtluzerner Gewerbegebäude von 1933 als «hässlich». Architekten und Heimatschutz wehren sich aber vor Gericht gegen den behördlich bewilligten Abriss des Blocks, weil er ein Pionierbau aus der Bauhaus-Ära sei. Ein neuer, überraschender und spektakulärer Plan könnte nun aus allen Akteuren Gewinner machen.

Jérôme Martinu, Chefredaktor
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Jérôme Martinu, Chefredaktor Luzerner Zeitung und Regionalausgaben

Jérôme Martinu, Chefredaktor Luzerner Zeitung und Regionalausgaben

Bild LZ

Kann das weg oder gehört das erhalten? Der jahrelange Streit um ein 87-jähriges Gewerbegebäude in der Stadt Luzern sucht seinesgleichen. In der landläufigen Mehrheitsmeinung ist der graue Block «nichts Spezielles» oder gar «hässlich». Er ist nicht denkmalgeschützt. Die Stadt hat die Abrissbewilligung längst erteilt, die Krankenkasse CSS will dort – Gebäude und Grundstück sind ihn ihrem Besitz – den Hauptsitz um 500 Arbeitsplätze erweitern. Gegen den Abriss wehren sich auf dem Gerichtsweg Architekten, Heimatschutz, Fachverbände, weil das Gebäude von 1933 aus der Bauhaus-Ära stammt und ein «wichtiger baukultureller Pionierbau der frühen Moderne der Zentralschweiz» sei. Das Luzerner Kantonsgericht indes hat die Abrissbewilligung für rechtens erklärt, der Entscheide könnte an das Bundesgericht weitergezogen werden.

Gibt es einen Ausweg aus der Blockade? Einen ebenso überraschenden wie spektakulären Lösungsvorschlag präsentiert jetzt der bekannte Luzerner Anwalt, Immobilienbesitzer und Mäzen Jost Schumacher. Idee: Das Gebäude um rund 60 Meter ostwärts auf sein Grundstück schieben. Schumacher rechnet grob mit Kosten von bis zu einer halben Million Franken, zahlen will er das selber. Natürlich, der Ideengeber handelt nicht selbstlos. Als Gegenleistung für die von ihm finanzierte Verschiebung erwartet er, dass die CSS ihm das Gebäude mitsamt ihrem dafür zusätzlich notwendigen kleinen Grundstückanteil am neuen Standort überschreibt. Insgesamt für Schumacher also wohl ein preiswerter Deal.

Die Abrissgegner würden einer solchen Lösung Hand bieten. Die CSS selber hält sich noch bedeckt. Die Stadtbehörden wollen sich mit Verweis auf fehlende Unterlagen zur Verschiebung – solche können ja noch gar nicht vorliegen – auch noch nicht äussern. Sukkurs für die Idee gibt es aus der Politik.

Selbst wenn die neue, im wörtlichen Sinn verschobene Ausgangslage bewilligungstechnisch neue Entscheide braucht, im Grundsatz ist das ebenso unkompliziert wie genial: Mit einer Verschiebung – es sind hierzulande schon weit grössere Gebäude an komplexeren Standorten verschoben worden – lässt sich der jahrelange Streit nicht nur elegant beenden, die Lösung produziert sogar ausschliesslich Gewinner. Also: Jetzt darf man von allen Seiten pragmatisches und kompromissbereites Handeln erwarten.

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