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ABSCHIED: Die Füsse in Luzern, den Kopf in Europa

Richard Scherrer (76) ist es zu verdanken, dass der Platz beim KKL Europaplatz heisst. Für einen EU-Beitritt war er aber nie.
Thomas Bornhauser
Richard Scherrer (76) bei «seinem» Platz, dem Europaplatz vor dem KKL in der Stadt Luzern. (Bild Manuela Jans-Koch)

Richard Scherrer (76) bei «seinem» Platz, dem Europaplatz vor dem KKL in der Stadt Luzern. (Bild Manuela Jans-Koch)

Thomas Bornhauser

Zum Faszinierenden am Menschen gehören seine inneren Gegensätze. Daran ist einer reich, der in diesen Tagen Tschüss sagt. Und das, typisch für ihn, fast unbemerkt. Am Dienstag ist Richard Scherrer altershalber aus dem Europa-Forum ausgetreten. In Luzern ist dieser Verein heute die massgebende Institution für die Organisation hochkarätiger Veranstaltungen ums Thema Europa. Am Anfang dafür stand vor gut 20 Jahren eine Idee des damaligen Stadtrats Armand Wyrsch. Und ihm zur Seite gab es ein paar Unentwegte. Etwa Peter Gloor. Oder eben: Richard Scherrer. Auch da.

Ähnlich war das schon 1963, als der damals 23-Jährige erstmals in die Öffentlichkeit ging. Er beantragte beim Luzerner Stadtrat, am Europa-Tag vom 5. Mai die Europa-Fahne am Luzerner Stadthaus zu hissen. Das reichte, um den damaligen Direktionssekretär des Stadtpräsidenten in die Bredouille zu bringen. Jedenfalls fragte der Beamte in Bern sicherheitshalber an, ob derlei womöglich gegen die Schweizer Neutralität verstosse.

War einst Staatsdiener

Scherrer aber wusste schon früh, wie Verwaltungen funktionieren. Weil er in seinen ersten Berufsjahren selber als Staatsdiener Erfahrungen gesammelt hatte. Und so verpasste er kaum eine Gelegenheit, in unserer Region europäische Symbole in die Öffentlichkeit zu tragen: Dass in Hertenstein (seit 1976) ein Gedenkstein steht zur Erinnerung an die ersten Zusammenkünfte von Europäern nach dem Krieg. Dass auf dem Vierwaldstättersee ein Motorschiff mit dem Namen Europa umhertuckert. Dass in der Stadt Luzern ein damals noch namenloser, prominenter Platz vor dem damaligen Kunsthaus (und heutigen KKL) im Frühling 1983 auf den Namen Europaplatz getauft wurde: Immer und immer wieder hatte eben dieser Richard Scherrer seine Finger massgeblich bis federführend im Spiel.

Stellt sich nur die Frage, wie einer mit dem Europa-Emblem auf der Stirn mit der Tatsache umgeht, dass es dem in der EU organisierten Europa heute so schlecht geht wie seit vielen Jahrzehnten nicht mehr.

Richard Scherrer: Den Zustand der EU bedaure ich sehr. Auch wenn viel innere Logik zu erkennen ist: Die Aufnahme der Länder aus dem ehemaligen Ostblock, die Flüchtlingskrise und die Überschuldung waren und sind zu viel für die EU.

Ist es da nicht ein Gebot der Vernunft, dass wir in der Schweiz auf Distanz zur EU gehen?

Scherrer: Natürlich. Ich war nie Befürworter eines EU-Beitritts der Schweiz. So freut es mich, dass die Schweiz in dieser Woche ihr in Brüssel einst deponiertes Beitrittsgesuch zurückgezogen hat.

Ein Europa-Fan als EU-Gegner?

Scherrer: Mir ist es nie ums politische Mitmischeln der Schweiz in Brüssel gegangen, sondern um geistige Öffnung bei uns. Und um einen guten Platz für die Schweiz in Europa. Nicht umsonst war ich – als Ehrenmitglied! – aus der damaligen Europa-Union Schweiz ausgetreten, als sie sich für einen Beitritt der Schweiz zur EU starkzumachen begann.

Voller Gegensätze

So hat man diesen gebürtigen Luzerner über Jahrzehnte hinweg erlebt: voller bereichernder Gegensätze, aber menschlich von beeindruckender Gradlinigkeit. Wenn er von Europa sprach, dann dachte er nie an seine eigene Karriere. Dafür brauchte er den Staat mitnichten, weder als langjährig leitender IBM-Angestellter noch als später erfolgreicher Kleinunternehmer.

Mit dem Kopf schwebte Scherrer in all den Jahren in den Wolken Europas. Aber seine Füsse blieben stets verankert im Hier und Jetzt und bei uns. Nicht umsonst war es die Unentgeltlichkeit seines Engagements für die europäischen Grundwerte, welche mich als Gesprächspartner an diesem Mann immer wieder faszinierte. Ich habe im Verlaufe der Jahre viele erlebt, die politisch schön daherschwatzten – mit Blick auf irgendwelche attraktiven Pöstchen. Scherrer aber ist diese «Technik» zeitlebens fremd geblieben. Auch wenn das heutzutage schon fast widersprüchlich erscheinen mag.

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