ABSCHIED: Die Pfarrei Ballwil verliert ihren Don Camillo

Er kam, sah und blieb eine halbe Ewigkeit: Dreissig Jahre lang war Pater Christian Lorenz Pfarrer von Ballwil. Morgen verabschieden die Seetaler einen feurigen Seelsorger.

Remo Wiegand
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In der Kirche St. Margaritha in Ballwil hat Pater Christian Lorenz (67) während dreissig Jahren gewirkt. Morgen Vormittag wird er hier verabschiedet. (Bild Pius Amrein)

In der Kirche St. Margaritha in Ballwil hat Pater Christian Lorenz (67) während dreissig Jahren gewirkt. Morgen Vormittag wird er hier verabschiedet. (Bild Pius Amrein)

Ganz am Schluss droht ihm noch die Dorfmusik. «Nein», ruft Pater Christian laut. Jugendarbeiter Aurel Bojescu versucht lächelnd zu beschwichtigen: «Nein!», bekräftigt der Pfarrer. Die Aufregung um seinen Abschied aus Ballwil ist ihm nicht geheuer. Ein Empfang durch die Dorfmusik nach dem Gottesdienst, gefolgt von einem Defilee durch die Dorfstrasse, wäre die unliebsame Krönung. Zugleich ist da dieser listig-treuherzige Blick: «Wenn es denn unbedingt sein muss ...», scheint er auszudrücken. Für andere macht Pater Christian fast alles – auch wenn es um ihn selbst geht.

Trouvaillen aus dreissig Jahren

Pater Christian kramt in Erinnerungen. Dynamisch und leicht nostalgisch zückt er Trouvaillen aus dreissig Jahren Pfarreigeschichte aus einer Tschifra, einem geflochtenen Rückenkorb aus seiner Walliser Heimat: Hier die Einladung für die Wallfahrt nach Flüeli-Ranft zum «Friedensfürsten» Bruder Klaus anno 1987. Dort der Flyer für Händels Messias, den der Kirchenchor 1997 intonierte, inklusive Tenorstimme des Pfarrers. Hier ein Foto der Eröffnung des nigelnagelneuen Pfadiheims von 2014. Und da, besonders schön, die Bilder der Kirchenglockenweihe von 2008: Inmitten brennender Hochöfen in einer Giesserei in Innsbruck fünfzig Ballwiler, vor ihnen – im Priestergewand, mit Weihwassersprinkler, lachend – ihr Pater, in der Mitte die neue Glocke.

1007 Kinder getauft

Eine ganze Generation von Ballwilern verband Kirche mit Pater Christian. In dreissig Jahren feierte er hier über 4000 Gottesdienste, taufte 1007 Kinder, traute 148 Paare und beerdigte 407 Menschen. Bei tragischen Todesfällen kam seine seelsorgerlich-mitfühlende Seite besonders zum Tragen: Pater Christian leistete intuitiv Notfallseelsorge, litt mit, tröstete. Unvergessen das Schicksal eines Bauern und Familienvaters, der eben die Treppen zu seinem frisch renovierten Haus hochstieg – und tot umkippte. «Ich kann mich noch genau erinnern», erzählt der Pfarrer, «es war der 22. Dezember 1995, alles war für Weihnachten vorbereitet. Ich fing die beiden kleinen Kinder ab, musste ihnen die schreckliche Nachricht überbringen.» Was man in einer solchen Situation als Seelsorger sagt? Tränen quellen aus Pater Christians Augen hervor. Die Antwort ist überflüssig.

Anfängliches Misstrauen

Eigentlich hatte der Ordensmann von der kleinen Gemeinschaft der Salettiner gar nicht vor, Pfarrer zu werden. Wie ein paar Mal in seinem Leben liess er sich treiben. Vor dreissig Jahren hatte ihn ein Lehrer der Sonderschule in Hohenrain, wo auch Pater Christian als Gehörlosenseelsorger und Religionslehrer arbeitete, in die damals zerstrittene Pfarrei gelockt. «Es war eine misstrauische Stimmung», erinnert sich der Ordensmann. Nur auf Bitten und Drängen des Lehrers stellte sich der Seelsorger lässig-locker einer Kampfwahl und wurde «zu meiner eigenen Überraschung» gewählt.

Anfangs hatte der Pfarrer Mühe, im Dorf Fuss zu fassen: «Die Ballwiler sind eher ein zurückhaltendes Völkchen», sagt der temperamentvolle Walliser. Teile des politisierten Kirchenrats intrigierte, bereits nach einem Jahr stellte er die Vertrauensfrage. Doch die Mehrheit war bereits derart angetan vom Mann mit dem zupackenden Charme, dass es seine Kritiker nicht einmal mehr wagten, sich ihm offen entgegenzustellen. Von da an standen die Türen offen. «Ich spürte zunehmend das Vertrauen der Leute und der Mitarbeiter. Ohne sie hätte ich die Arbeit hier nicht bewältigen können», schwärmt Pater Christian rückblickend.

Bildhafte Sprache

Christian Lorenz war den Ballwilern ein Seelsorger wie aus dem Bilderbuch – einer wie der legendäre italienische Filmpater Don Camillo: liebevoll, geerdet, kauzig, weder kirchenrechtlich verengt noch theologisch verbildet. Unter den Gehörlosen in Hohenrain und im heimischen Törbel – drei seiner neun Geschwister kamen mit einer Hörbehinderung zur Welt – legte er sich eine ausgesprochen bildhafte Sprache zu. Im Gottesdienst am Sonntag wird er die Trouvaillen aus der Tschifra symbolisch in eine grosse Holzuhr legen. «Die Zeit ist reif», lautet die Botschaft dazu.

Hand aufs Herz: War die Zeit nicht zu lang? Das Bistum rät Seelsorgern, spätestens nach zwölf Jahren die Stelle zu wechseln, um Verschleisserscheinungen vorzubeugen. Pater Christian zuckt mit den Schultern: «So lange es für alle erträglich war, gab es keinen Anlass, etwas zu ändern.» Einmal wollte er zwar wechseln, es klappte nicht, Gott hatte offenbar andere Pläne. Eines wusste der heute 67-Jährige aber stets: Den Pastoralraumprozess, der die Pfarreien von Ballwil, Eschenbach und Inwil strukturell vereinen wird, macht er nicht mehr mit. Seine Skepsis gegenüber der kirchlichen Grossreform, in der immer weniger Seelsorger für immer grössere Gebiete zuständig sind, verhehlte er nie. Eine Chance sieht er allerdings: «Ich hoffe, dass in Zukunft mündige Christen das Pfarreileben mehr und mehr selber gestalten.» Die Nachfolge von Christian Lorenz tritt Seppi Hodel ad interim an. Er ist gleichzeitig Pfarreileiter von Eschenbach.

Am liebsten würde sich der bescheidene Seelsorger Christian Lorenz sang-und klanglos verabschieden. Doch so einfach lassen ihn die Ballwiler nicht ziehen. Ob sich Pater Christian beim Konzert der Dorfmusik nach dem Gottesdienst wirklich in der Sakristei verstecken wird? Die Prognose sei gewagt: kaum.

Remo Wiegand

Hinweis

Der Gottesdienst zu Pater Christians Verabschiedung findet am Sonntag, um 10 Uhr in der Kirche St. Margaritha in Ballwil statt.