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ABSCHIED: Tanzender Pfarrer verlässt Luzern

14 Jahre lang war Leopold Kaiser (70) Pfarrer an der Pauluskirche. Am 2. Juli wird er im Gottesdienst verabschiedet. Mit seiner Art machte er den Glauben körperlich erfahrbar.
Remo Wiegand
Pfarrer Leopold Kaiser bei einem Engel in der Pauluskirche. (Bild: Pius Amrein (Luzern, 20. Juni 2017))

Pfarrer Leopold Kaiser bei einem Engel in der Pauluskirche. (Bild: Pius Amrein (Luzern, 20. Juni 2017))

Remo Wiegand

stadt@luzernerzeitung.ch

Die Zeichen stehen auf Abschied in der Pfarrei St. Paul: Im Fürbittbuch in der Pauluskirche stehen innigste Dankesbriefe an den Pfarrer. Ministranten fallen Leopold Kaiser spontan um den Hals und bestürmen ihn, er solle bitte bleiben. Die Gespräche der Gläubigen nach dem Gottesdienst drehen sich um den Scheidenden, man blickt sich an, etwas ratlos, was soll man auch tun? Leopold Kaiser geht – zwar nicht weit weg, nur nach Zug, wo der 70-Jährige weiter als Priester seinen Dienst tun wird –, aber eben doch fort als prägende Figur einer Pfarrei und eines Quartiers, wo die physische Präsenz dieses kleinen, energiegeladenen Mannes so selbstverständlich geworden ist. «Wenn ihr mich sucht, werdet ihr mich finden», ruft Kaiser gerne jenen zu, die seinen Abgang lautstark betrauern. Es tönt ein wenig wie bei Jesus.

Natürlich zieht mit Kaiser kein Jesus von dannen. Dafür war er viel zu fest Mensch, aus Fleisch und Blut. Der extrovertierte Basler stiess sich in Luzern auch einmal den Kopf an, einigen galt er als selbstverliebt, als Showman, auf seine Art zu dominant. Kurz nach seinem Amtsantritt meuterten die Sozialarbeiterinnen und weigerten sich, ihre Buchführung offenzulegen. «In dieser Zeit musste ich lernen, auf den Tisch zu klopfen», sagt Kaiser, der es gerne harmonisch hat. Mühe mit Kaiser bekundeten anfangs auch regelmässige Gottesdienstbesucherinnen, die der bedächtigen Art von Kaisers Vorgänger Hans Bättig nachtrauerten. «Ich denke, ich war denen zu frei», sinniert Kaiser rückblickend. Und wehrt sich: «Ich wollte nie eine Show abziehen!»

Er liebäugelte mit einer Laufbahn als Tänzer

Mit Sicherheit war und ist Kaiser ein spannender Unruheherd, ein unermüdlicher Aktivposten. Vor seiner Pfarrerkarriere, während eines Englandaufenthalts, verschrieb er sich in seiner Freizeit dem Tanz und liebäugelte mit einer Laufbahn als Tänzer. Schweren Herzens gestand sich der junge Mann mit 25 Jahren ein, dass er dafür bereits zu alt war («Die Pirouetten gingen ja noch, aber die Sprünge ...!»). Er sattelte aufs Theologiestudium um, wurde Pfarrer, über die Stationen Muri und Cham kam er nach Luzern. Seine Liebe zur Bewegung, zu Musik und Kunst nahm er in die Kirche mit. Wenn Gott und Tanz dort zusammenfanden, war Pfarrer Kaiser im siebten Himmel. So zum Beispiel anlässlich des 100-Jahr-Jubiläums der Pauluspfarrei 2012, als Bettina Castaño in der Kirche Flamenco tanzte. Kaisers Augen funkeln. «Das war Tanz pur. Die Künstlerin verschmolz mit der Musik und den Stimmen des Pauluschors.»

Auch er selbst, der Pfarrer gewordene Künstler, durchlebte seine Gottesdienste mit vollem Körpereinsatz. Er nahm viel Raum ein, öffnete mit seinen stilsicheren Bewegungen aber auch einen heiligen Raum. Wenn er die Hände segnend in die Höhe reckte, war das nie Routine, es war ein zielsicherer Griff ins Universum. Wenn Kaiser betete oder – stets auswendig – predigte, sang er mehr, als dass er redete. Die Eucharistie verwandelte Kaiser in eine dramatische Inszenierung: Ein Licht von unten bestrahlte Brot und Wein, ein Gongschlag, Pause. Das Licht in der Kirche ging aus, Pfarrer Kaiser trat einen Schritt vom Altar zurück, dann die Wandlung. «Das ist ein Moment, der sich mir entzieht, in dem die andere Dimension absolut im Vordergrund steht.» Ein Augenblick voller Pathos und Magie, auf der Kippe zum Kitsch. Doch solange Kaiser ihn unerschütterlich mit Glaube und Bedeutsamkeit füllte, blieben seine Eucharistiefeiern ein berührendes Erlebnis.

Trotz allem Elan und bei allem Schalk: Leopold Kaiser war nicht nur ein Lebemann. Bereits mit 18 Jahren ereilte ihn ein schwerer Schicksalsschlag, als seine Mutter starb. Kaiser stürzte in eine schwere Krise, klammerte sich lebensmüde an das Grab auf dem Hörnli-Friedhof in Basel. Er konnte seine Mutter nicht gehen lassen, auch nicht mehr glauben. «Ich hatte Krach mit Gott», erinnert sich Kaiser. Nach ein paar Monaten sah er, wie ein Rehkitz aus dem nahen Wald Spuren auf der Grabplatte hinterlassen hatte. Kaiser sah es als Zeichen: «Ich merkte, dass es nicht fertig ist, dass das Leben weitergeht. Ich lernte loszulassen und wieder Ja zum Leben zu sagen. Das hat mir ein tiefes Vertrauen gegeben, dass es Fügungen im Leben gibt, durch die Gott uns führt.»

Weiter, immer weiter, nicht stehen bleiben. Das war, als Antwort auf den Schrecken des Todes, seither Kaisers Credo. Stillsitzen ist nicht sein Ding, trockene Sitzungen konnte er nicht leiden. Sein Temperament vertrug sich auch schlecht mit der Bürokratie der städtischen Kirchenverwaltung an der Brünigstrasse. Analysen und Konzepte, die auf dem Reissbrett entworfen wurden, um Menschen am Kirchenaustritt zu hindern, empfand Kaiser als zu kopflastig: «Wer tief im Innern glaubt, dass es eine zweite Dimension gibt, wer vom Leben geführt wird und das ausstrahlt, braucht keine künstlichen Events, um Menschen wieder in Kirche zu locken.» Ironischerweise realisierte Kaiser vielfach das, was auch der «Brünig­strasse» vorschwebte: kirchliche Grossanlässe mit überregionaler Strahlkraft. Zuletzt übertrug das Schweizer Fernsehen vier sinnlich-lüpfige Gottesdienste aus der Pauluskirche in die Fernsehstuben der Nation.

Pfarrer Rafal Lupa folgt auf Kaiser

Eins ist sicher: Kaisers Nachfolger, der polnische Pfarrer Rafal Lupa, tritt in grosse Fussstapfen. Der Noch-Pfarrer von St. Paul versucht ihm den Antritt zu erleichtern, indem er möglichst viele Spuren seines Wirkens verwischt. Das gibt zu tun. Leopold Kaiser trug zig Bilder und Skulpturen in die Pauluskirche, er dekorierte beispielsweise auch den nicht mehr benutzten Beichtstuhl mit funkelnder Sakralkunst, die den Menschen zum Spiegelbild ihres Seelenlebens werden sollte. «Der Beichtstuhl wird wieder mit einem Vorhang zugemacht. Das war meine Art des Glaubens, aber das Alte wird nicht so weitergehen.» Und was wünscht der Alte dem Neuen? «Dass es ihm gelingt, unter den Menschen Talente zu entdecken und für die Kirche zu gewinnen, damit sie das Leben hier lebendig halten.»

Es gibt diese Typologie männlicher Archetypen: König, Krieger, Magier, Liebhaber. Welcher dieser Typen ist Kaiser am nächsten? «Gerade vor zehn Tagen hat mir ein Lehrer gesagt, er habe dann schon gesehen, wie ich vorne am Altar gezaubert habe.» Im Magier erkenne er sich schon. Gibt es auch einen Archetypen, den er mehr bei anderen erkannte und bei sich vermisste? Kurze Pause. Den Liebhaber in sich kenne er schon auch, erzählt Kaiser nachdenklich. Er herze Leute, umarme sie spontan, habe im Überschwang auch schon Küsse verteilt. Dann ereifert er sich: «Es gibt da das Damoklesschwert von Nähe und Distanz, und schnell kommt es zu einem Gerede unter den Leuten.» Es bleibt dabei: Ganz ausleben kann ein Pfarrer den Liebhaber in sich nicht. Auch das prallste Leben kennt eine unerfüllte Sehnsucht.

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