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ABSCHIED: Wehmut schwingt beim Abschied mit

12 Jahre im ­Parlament, nochmals 12 im Regierungsrat und heute ist plötzlich Schluss. Wir ­besuchten Yvonne Schärli an ihrem letzten Tag im Amt.
Blickt auf bewegte Zeiten zurück: Yvonne Schärli gestern im Regierungsgebäude. (Bild: Roger Grütter / Neue LZ)

Blickt auf bewegte Zeiten zurück: Yvonne Schärli gestern im Regierungsgebäude. (Bild: Roger Grütter / Neue LZ)

Ismail Osman

Jetzt, wo es leer steht, wirkt es erschlagend gross. Wer gestern das Büro von Yvonne Schärli im Regierungsgebäude betrat, fand einen beeindruckenden, hellen Raum vor, in dem man fast schon um seine Orientierung kämpfen muss.

Es beruhigt, dass es der abtretenden Regierungsrätin ähnlich geht: «Es war mir eigentlich immer zu gross», sagt eine sichtlich entspannte Schärli und schaut auf die kahlen weissen Wände, welche die hohe Decke tragen. «Es war mir zu unpersönlich.» Über die Jahre hinweg hat sie den Raum zwar zu ihrem eigenen gemacht, Bilder aufgehängt, Pflanzen platziert und natürlich Berge von Akten und Notizen gestapelt. Doch die Spuren ihres Wirkens sind an diesem Dienstagmorgen nicht mehr nachweisbar. Das Namensschild vor der Türe wird nur für unseren Fotografen noch einmal kurz montiert.

Neue Möglichkeiten ausloten

Wer nun eine schwermütige Yvonne Schärli erwartet hätte, die etwas verloren in diesem grossen weissen Raum sitzt, kennt die Frau nicht gut genug. Wehmut Ja, Melancholie Nein so die Kurzantwort auf die Frage nach ihrem aktuellen Gemütszustand. «Ich bin sicher, dass ich den Abschied in den nächsten Tagen spüren werde. Aber die Tatsache zu akzeptieren, dass jetzt Schluss ist, wird mir mit Bestimmtheit nicht schwerfallen», sagt Schärli und erklärt. «Das Amt als Regierungsrätin ist mit Privilegien, aber auch viel Verzicht verbunden.» Sie sei sich dessen durchaus bewusst gewesen, als sie das Amt antrat, sagt sie rückblickend. «Aber es gibt Dinge ... wieder einmal ins Museum gehen oder an der Uni eine Vorlesung besuchen, in der es einmal nicht um Sicherheitsfragen geht – ich will einfach den ganzen Freiraum, der sich nun vor mir auftut, ausloten.» Beim Gedanken an die neuen Freizeitmöglichkeiten kann sie sich ein leichtes Lächeln nicht verkneifen. Es ist offensichtlich, dieser letzte Morgen ist für Yvonne Schärli ein ziemlich lockerer. Ganz im Gegensatz zu den ersten Tagen nach Amtsantritt vor 12 Jahren.

Polit-Bombe kurz nach Antritt

«Der erste Sommer nach Amtsantritt war eine einzige, riesige Herausforderung», gesteht Schärli heute. Nicht nur, weil ihre Wahl 2003 mit der Verkleinerung des Regierungsrates von sieben auf fünf Mitglieder zusammenfiel. Entgegen Prognosen wurde Schärli damals auch nicht das Bildungsdepartement, sondern das Justiz- und Sicherheitsdepartement zugeteilt. «Keiner meiner Vorstösse im Parlament hatte je mit Sicherheitsfragen zu tun ich hatte keine Ahnung!» Die Konsequenz: Die Familie fährt ohne sie in die Ferien, während Yvonne Schärli sofort damit beginnt, sich in die Unterlagen und Geschäfte einzulesen.

Doch kaum hat sie den ersten Ordner aufgeschlagen, platzt auch schon die ­erste Polit-Bombe. «Es war am dritten oder vierten Tag, als man mir morgens mitteilte, dass das Bundesgericht in Lausanne beschlossen habe, dass in Emmen Einbürgerungen nicht mehr an der Urne entschieden werden dürfen.» Es sei sofort klar gewesen, dass dies national und sogar international Schlagzeilen machen würde. Schneller als ihr lieb war, stand Schärli im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit (siehe Kasten).

Diese und andere Krisen sind nicht spurlos an ihr vorbeigegangen allerdings nicht im negativen Sinn. «Meine Familie findet, dass ich mit den Jahren belastbarer geworden bin, als Politikerin wie als Mensch.» In ihrem Führungsstil sei sie über die Jahre immer direkter geworden. «Früher habe ich länger gezögert und abgewägt.» Die Erfahrung sei ihr auch bei der letzten und schwersten Krise ihrer Amtszeit zugutegekommen, der Polizeikrise vor zwei Jahren. «Es ist zwar so, dass in Krisenmomenten ein innerer Motor zu laufen beginnt, der mich weiter klar denken lässt», sagt Schärli nachdenkend. «Aber damals kam ich körperlich wie psychisch an meine Grenzen.»

«Dynamo geerbt»

Vom Stress von damals ist ihr heute nicht mehr viel an­zumerken. Klar, die Haare sind etwas weisser geworden, aber an Energie mangelt es nicht. «Nein, die hat mir das Amt nicht nehmen können. Den inneren Dynamo habe ich halt einfach von meinem Vater geerbt.»

Nun ist es aber SVP-Mann Paul Winiker, der ihr Amt erbt. Wie sieht die Übergabe aus? Wird einfach der ­Schlüssel übergeben und viel Glück gewünscht? Nicht ganz: «Als feststand, dass er es sein würde, lud ich ihn zu einem Apéro ein», erklärt Schärli. Ihre Worte an ihn: «Nutze unbedingt die Zeit bis zum 1. Juli, um dich einzulesen.» Zudem lud sie ihren Nachfolger zu Sitzungen mit den Dienststellenleitern und dem Departementssekretär ein. Weiter mussten die verschiedenen Dienststellen Status­berichte erstellen, damit Winiker sich eine Übersicht über die laufenden Geschäfte und Projekte verschaffen kann.

Es ist also anzunehmen, dass auch Paul Winiker einen Grossteil seines ersten Sommers als Regierungsrat mit dem Aktenstudium verbringen wird.

Erste Pläne

Und wie sieht Schärlis erster Sommer als «normale» Bürgerin aus? An ­Plänen mangelt es nicht. Manche sind schon konkreter als andere. Etwa ihr Beitritt in den Vorstand des Frauenhauses ­Luzern und den Verein «Lisa», der sich für die Verbesserung der Situation von Sexarbeitenden in Luzern einsetzt. Ach ja, der grosse Familienurlaub, den sie damals vor 12 Jahren verpasst hat, wird auch noch nachgeholt, verrät sie. Dann schliesst sie die Tür zu diesem zu grossen Büro und verabschiedet sich von uns mit einem «Man sieht sich».

Mehr Bilder aus Yvonne Schärlis Amtszeit finden Sie unter www.luzernerzeitung.ch/bilder

Dossierfest – aber Kritik zu persönlich genommen

nus. Yvonne Schärli erhält für ihre zwölfjährige Tätigkeit im Regierungsrat fast durchs Band gute Noten von den Fraktionschefs, wie unsere Umfrage zeigt. Es gibt aber auch Kritik.

  • CVP. Fraktionschef Ludwig Peyer (Willisau) bezeichnet die abtretende SP-Frau als «stets gut auf Geschäfte vorbereitet, kämpferisch, aber auch zu Kompromissen bereit». Schärli habe nie die Bodenhaftung verloren. Sie sei ein «animal politique» mit viel taktischem Geschick. Die Polizeikrise habe sie «mit der ihr eigenen Souveränität gemeistert». Da und dort, sagt Peyer, hätte die CVP «schon eine Prise mehr Selbstkritik erwartet». Persönliche Kritik habe Schärli «vielleicht manchmal etwas zu persönlich genommen».
  • SVP. «Dossierstark und gut vorbereitet, hartnäckige SP-Politikerin»:So hat Fraktionschef Guido Müller (Ebikon) die heute 63-Jährige im Parlament erlebt. Schärli habe mit den Kantonsräten einen freundlichen Umgang gepflegt, Voten im Rat aber «zu oft persönlich genommen». Während der Polizeikrise sei ihre Informationspolitik «eher ungenügend» gewesen, sagt Müller. Sie habe «zu oft reagiert statt agiert».
  • FDP. Auch die Freisinnigen haben Yvonne Schärli als «kompetent, dossierfest, diskussionsbereit und konstruktiv» erlebt, wie Fraktionschef Rolf Born (Emmen) sagt. Als Schwäche bezeichnet Born ihren Umgang mit politischen Niederlagen. «In diesen Situationen wurden ihr Ärger und das Missfallen mit anderen Entscheiden offensichtlich, wobei sich der Ärger dann immer wieder gelegt hat.» In der Polizeiaffäre habe Schärli «gut analysiert, sich beraten lassen und dann auch gehandelt».
  • Grüne. Fraktionschefin Monique Frey (Emmen) sagt, dass die SP-Regierungsrätin die Arbeit des Kantonsrats als ehemalige Parlamentarierin sehr geschätzt habe. Sie habe jeweils mit klaren Argumenten vertreten, wieso sie für oder gegen die Anträge der Grünen gewesen sei. Auch seien ihre Dossierkenntnisse sehr gut gewesen. Auch Frey attestiert Schärli, dass sie die Polizeikrise gut gemeistert hat. Sie könne ihrem Nachfolger Paul Winiker «ein gut geführtes Departement übergeben».
  • GLP. «Dossierfest und rhetorisch stark»: Diese Stärken von Yvonne Schärli macht auch Michele Graber (Udligenswil), Fraktionschefin der Grünliberalen, aus. Politischen Auseinandersetzungen sei sie aber «eher etwas aus dem Weg gegangen». Die Polizeikrise habe Schärli «sehr gut gelöst». Sie habe sich selber in die Schusslinie gebracht, um die Polizei möglichst zu schützen. Sie habe sofort eine unabhängige Untersuchung eingeleitet und gut mit der Aufsichts- und Kontrollkommission des Kantonsrats zusammengearbeitet.
  • SP. Dass die Partei von Yvonne Schärli ihre Leistungen rühmt, versteht sich. Giorgio Pardini (Luzern) als amtsältester SP-Kantonsrat (seit 2002) hat Schärli während zweier Jahreals Fraktionskollegin und ab Mitte 2003 als Regierungsrätin erlebt. Er sagt: «Yvonne Schärli ist den Grundwerten der Sozialdemokratie auch als Regierungsrätin immer treu geblieben.» Innerhalb der Fraktion habe sie es «verstanden, die verschiedenen politischen Seelen immer wieder auf einen gemeinsamen Nenner zu einigen». Politische Schwächen kann Pardini «keine ausmachen, die nennenswert wären».

Reformen und Krisen

Regierungsrat nus. Yvonne Schärlis Amtszeit stand im Zeichen vieler Reformen. So ist die Zahl der Gemeinden von 103 auf 83 gesunken, und 2010 erfolgte die Zusammenlegung von Stadt- und Kantonspolizei zur Luzerner Polizei. Stark gefordert war Schärli mit der Totalrevision der Luzerner Staatsverfassung. Jüngste Auswirkung: die Zusammenlegung von Ober- und Verwaltungsgericht zum Kantonsgericht.

Ebenso untrennbar verbunden mit dem Wirken der SP-Frau sind drei Krisen: Kaum im Amt, wurde sie mit einem Entscheid des Bundesgerichts konfrontiert. Dieses entschied, dass das Einbürgerungsverfahren an der Urne, wie dies die Gemeinde Emmen praktizierte, verfassungswidrig sei. Als «sehr grosse Herausforderung» bezeichnet Schärli im Rückblick die Unwetter vom August 2005, wo sie die politische Verantwortung für den kantonalen Führungsstab übernehmen musste. Ihre schwersten Momente im Amt hatte die 63-Jährige im Sommer 2013 während der Polizeikrise. In dieser Zeit habe sie «auch mal daran gedacht, vorzeitig abzutreten».

Start in Schulpflege

nus. Die am 18. April 1952 geborene Yvonne Schärli ist verheiratet mit Peter Schärli, SP-Gemeinderat in Ebikon und Präsident des kantonalen Spitex-Verbands. Das Paar hat drei erwachsene Kinder. Schärli arbeitete vor ihrer Zeit als Berufspolitikerin als kaufmännische Angestellte, Betagtenbetreuerin und Gymnastiklehrerin. Ihre politische Laufbahn entwickelte sich so:

Schulpflegerinin Ebikon zwischen 1988 und 1994.

Kantonsrätinvon 1991 bis 2003. 2002 Kantonsratspräsidentin und damit höchste Luzernerin.

Gemeinderätinvon Ebikon zwischen 1996 und 2003.

Regierungsrätinvon 2003 bis 2015. Regierungspräsidentin 2007 und 2012 – vom Parlament jeweils so gut gewählt wie kein anderer Regierungspräsident seit 2003.

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