Advent erklärt
Weihnachtsguetzli dank künstlicher Intelligenz: Ein Projekt der Hochschule Luzern macht's möglich

Forschende haben eine automatisierte Anwendung entwickelt, die hilft, neue Rezepte zu entwickeln. Die Feinjustierung erfolgt aber nach wie vor auf analoge Art und Weise.

Stefan Dähler
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Weihnachtsguetzli und Digitalisierung? Das passt etwa ähnlich wenig zusammen wie Schokolade und Bratwurst – könnte man meinen. Doch der Gedanke täuscht. Die Hochschule Luzern – Informatik hat mit Betty Bossi mit Hilfe künstlicher Intelligenz einen Rezeptgenerator für Guetzli entwickelt. Das war vor rund einem Jahr. Daraus sind Rezepte entstanden, die auf der Betty-Bossi-Website abrufbar sind.

Marc Bravin von der Hochschule Luzern – Informatik zeigt den Guetzli-Rezeptgenerator.

Marc Bravin von der Hochschule Luzern – Informatik zeigt den Guetzli-Rezeptgenerator.

Bild: Nadia Schärli (Rotkreuz, 26. November 2021)

«Der Generator soll dabei helfen, neue Rezepte zu entwickeln mit Zutaten oder Kombinationen, auf die man von selbst nicht gekommen wäre», sagt Marc Bravin von der Hochschule Luzern, der beim Projektteam dabei war. Wie funktioniert das? «Die Anwendung basiert auf der Technologie der Sprach- und Textgenerierung.» Im Alltag trifft man diese Form der künstlichen Intelligenz etwa bei der Suchmaschine Google an, wo der Text automatisch vervollständigt wird, wenn man einen Begriff eingibt. Für den Guetzlirezeptgenerator haben die Entwickler eine Datenbank mit über einer Million Rezepten, die im Internet zugänglich waren, erstellt. «Dadurch hat das System gelernt, welche Zutaten es gibt und geschmacklich zusammenpassen.»

Advent erklärt: Weihnachtsguetzli

Zum Ursprung des Weihnachtsguetzli-Brauchs gibt es unterschiedliche Theorien. Eine besagt, dieser sei im Mittelalter entstanden. Damals hätten im deutschsprachigen Raum nur Klöster über die finanziellen Mittel verfügt, um teure Gewürze wie Zimt oder Nelken zu beschaffen. An Weihnachten seien die Guetzli ans Volk verteilt worden, um die Geburt Jesu zu zelebrieren. Eine andere Theorie lautet so, dass die Wurzeln des Brauchs weiter zurückliegen: Bei den Guetzli habe es sich in der Antike ursprünglich um Opfergaben gehandelt, die verbrannt und aufgehängt wurden, um böse Geister zu verjagen. 

Das funktioniert so: Man gibt Zutaten, zum Beispiel Orangen, in den Generator ein – und dieser kreiert ein Rezept für Guetzli mit Orangengeschmack. «Es ist auch möglich, ein Rezept ohne vorgegebene Zutat zu generieren, dann spielt der Zufall noch stärker mit», sagt Bravin. Aufgrund des grossen Datensatzes sei die Wahrscheinlichkeit, dass am Ende ein bereits bekanntes Rezept rauskommt, sehr klein. Und wie gross ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein schmackhaftes generiert wird? «Geschmäcker sind bekanntlich verschieden, aber die Rezepte sind vielleicht nicht immer massentauglich», sagt Bravin lächelnd. Der Generator sei auch nicht dazu da, das Tüfteln und Ausprobieren zu ersetzen:

«Backen, Testessen und Verfeinern bleiben weiterhin nötig. Die Anwendung kann als Inspiration dienen, die Kreativität fördern und zu neuen Ideen anregen.»

Öffentlich zugänglich ist der Generator nicht, die Rechte liegen bei der Hochschule Luzern, Betty Bossi erhielt im Rahmen des Guetzli-Projekts Zugriff. Weitere Rezeptgeneratoren hat die Hochschule mit der Zürcher Leonardo-Gelateria sowie der Mikrobrauerei MN-Brew in Rothenburg entwickelt. Das daraus entstandene India Pale Ale namens «Deeper» ist nach wie vor Teil des Sortiments von MN Brew. Potenzial sieht Bravin nicht nur bei Lebensmittel-Rezepten, sondern auch im Bereich Kosmetik oder Parfüm. «Überall dort, wo man verschiedene Zutaten vermischen kann.»

Die «intelligenten» Guetzli kann man auch zu Hause backen

Mehr über künstliche Intelligenz erfahren kann man im Wissenschaftsmuseum Musée de la main in Lausanne. Dieses plant zum Thema ab April 2022 während eines Jahres eine Sonderausstellung. Dort können Besucherinnen und Besucher unter anderem Guetzli und Bier verköstigen, die mit Hilfe des Rezeptgenerators der Hochschule Luzern entstanden sind. Wer will, kann die Guetzli auch zu Hause backen, die Rezepte sind auf folgender Website abrufbar: https://hub.hslu.ch/informatik/kunstliche-intelligenz-kreiert-weihnachtsguetzli/.

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