Ärzteeinkommen: In Luzern spricht man von «Fake News»

Gemäss Zahlen des Bundes liegt das mittlere Einkommen eines selbstständigen Arztes in der Schweiz bei 237000 Franken pro Jahr. Für den Präsidenten der Luzerner Ärztegesellschaft ist diese Zahl nicht nachvollziehbar.

Thomas Heer
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Lohn sich der Beruf des Grundversorgers noch? Bund und Ärztegesellschaften argumentieren mit unterschiedlichen Zahlen. (Bild: Christian Beutler/Keystone)

Lohn sich der Beruf des Grundversorgers noch? Bund und Ärztegesellschaften argumentieren mit unterschiedlichen Zahlen. (Bild: Christian Beutler/Keystone)

Über die Problematik des Ärztemangels vor allem in den ländlichen Gebieten der Schweiz wird in den Medien regelmässig berichtet. Zum Thema kann auch Adam Krol einiges erzählen. Er ist Hausarzt in der Gemeinde Entlebuch. Und gemäss seinen Ausführungen arbeiten im weitläufigen Amt Entlebuch – auf hundert Stellenprozent hochgerechnet – nicht einmal acht Hausärztinnen und Hausärzte. Krol ­erzählt auch von bevorstehenden Pensionierungen in seinem Berufskollegenkreis. «Und wenn ich daran denke», so Krol, «wird mir mulmig, und das raubt mir zeitweilig den Schlaf.»

Aber warum, fragt sich wohl manch einer, ist es so ungeheuer schwierig, auf dem Land genügend Grundversorger zu finden? Verdienen diese doch gemäss jüngst publizierten Zahlen des Bundesamtes für Gesundheit BAG jährlich 237000 Franken. Laut dem BAG entspricht diese Zahl, die sich aufs Jahr 2014 ­bezieht, dem zur Berechnung der AHV-Beiträge relevanten Medianlohn. Das heisst 50 Prozent der Selbstständigen verdienten vor vier Jahren mehr als diesen Betrag, der Rest weniger.

Differenz von 80000 Franken

Aus Sicht der Betroffenen seien diese 237000 Franken nicht nachvollziehbar, sagt Aldo Kramis, Präsident der Ärztegesellschaft des Kantons Luzern. Ein AHV-relevantes Einkommen könne nicht mit dem gleichgesetzt werden, was der Arzt am Ende des Jahres tatsächlich verdient, so Kramis. Ein selbstständiger Arzt sei auch Unternehmer. Der in der Praxis erzielte Gewinn entspreche nicht seinem Lohn. So müsse gemäss Kramis auch ein Arzt Rückstellungen bilden, um im Notfall aus privaten Mitteln Investitionen zu tätigen.

Daher kann sich Kramis auf die vom BAG publizierten Zahlen keinen Reim bilden – er spricht gar von «Fake News». Kramis stützt sich auf die jüngsten Zahlen vom Bundesamt für Statistik BFS vom Frühling und jenen des Berufsverbandes FMH. Und diese weisen laut Kramis einen Verdienst von 156000 Franken aus. Wie erklärt er sich diese Differenz von rund 80000 Franken? «Die BAG-Zahl entspricht nicht den realen Gegebenheiten. Diese beziehen sich auf das Jahr 2014. Seither sind die Margen in allen Bereichen gesunken.» Kramis geht sogar noch einen Schritt weiter. Das Prämieneinkommen der selbstständigen Grundversorger liege sogar nur bei 139000 Franken. Das heisst, dass diese 139000 Franken krankenkassenfinanziert sind und letztlich mit dafür verantwortlich, wie viel die Schweizerinnen und Schweizer jährlich für Prämien zahlen.

Gestützt wird Kramis’ Aus­sage durch Michel Meier, Rechtsberater der Solothurner Ärzte­gesellschaft. Meier attackiert das BAG und erhebt den Vorwurf des realitätsfremden Umgangs mit der Wahrheit. Meier schreibt: «Da die BAG-Zahlen neben vielen anderen Mängeln sich unter anderem auf das AHV-pflichtige Einkommen stützen, fliessen auch Zusatzeinkünfte der Ärztinnen und Ärzte fälschlicherweise in die Studie des Bundes ein.» So zum Beispiel das Einkommen, das Aldo Kramis als Präsident der Ärztegesellschaft des Kantons Luzern generiert. Also Einnahmen, die nicht von den Prämienzahlern berappt werden. «Genau das aber gaukeln diese BAG-Zahlen vor, und sie werden unkritisch verwendet, um die Schuld für den Prämienanstieg den Ärztinnen und Ärzten zuzuschieben», so Meier. «Nachdem die umfassende Datenerhebung des Bundesamtes für Statistik im April 2018 unbeachtet blieb und der Prämienherbst nicht den ­gewohnten Anstieg zeigt, wird seitens des Bundes nun nach­gebessert, um die Revision des Krankenversicherungsgesetzes weiter voranzutreiben und die beabsichtigte Staatsmedizin einzuführen.»