Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Als Langschläfer in Luzern «den Krieg bekriegten»

Vor 113 Jahren trafen in Luzern Friedensbewegte aus der ganzen Welt zusammen. Die Zeitungen überboten sich gegenseitig mit seitenlangen Artikeln – die an Pathos und Schwülstigkeit oft nicht zu übertreffen waren.
Hugo Bischof
Gruppenbild mit Teilnehmerinnen und Teilnehmern des 14. Weltfriedenskongresses in Luzern 1905 auf der Treppe vor der Hofkirche. (Bild: Stadtarchiv Luzern)

Gruppenbild mit Teilnehmerinnen und Teilnehmern des 14. Weltfriedenskongresses in Luzern 1905 auf der Treppe vor der Hofkirche. (Bild: Stadtarchiv Luzern)

«Die Friedenskongressisten sind keine besonders prompten Leute; sie scheinen Langschläfer zu sein.» Das schrieb das Luzerner Vaterland, eine der Vorgängerzeitungen der Luzerner Zeitung, am 21. September 1905. Damals fand in der Stadt Luzern der 14. Internationale Friedenskongress statt. «Die heutige Versammlung sollte um 9 Uhr beginnen und begann eine Viertelstunde vor 10 Uhr», kommentierte das «Vaterland» süffisant: «So lange liessen die Herrschaften auf sich warten.»

Plakat des Friedenskongresses 1905. (Bild: Stadtarchiv Luzern)

Plakat des Friedenskongresses 1905. (Bild: Stadtarchiv Luzern)

Trotz schläfriger Teilnehmer: Der fünftägige Kongress, vom 19. bis 23. September 1905, brachte Luzern europaweite Beachtung. Auch der Historiker Jean-Luc Grossenbacher erwähnt ihn prominent in seiner soeben publizierten 160-seitigen Arbeit zur Schweizer Friedensgeschichte vor dem Ersten Weltkrieg. Grossenbacher zeigt darin auf, wie sich der Friedensdiskurs der Schweizerischen Friedensgesellschaft im Lauf des Kriegs veränderte. Wie der Graben zwischen den welschen Sektionen, die mit den Alliierten sympathisierten, und den eher den Mittelmächten zugewandten Deutschweizer Sektionen stets breiter wurde und erst mit dem gemeinsamen Einsatz zur Errichtung des Völkerbundes wieder zuging. Spannend zu erfahren ist auch, mit welch kriegerischer Rhetorik viele Friedensbewegte einen allfälligen Verteidigungskrieg befürworteten.

Ein «Orientaler» zog die Aufmerksamkeit auf sich

Eine wissenschaftliche Arbeit von heute ist das eine. Nachzulesen, was Journalisten damals über den Kongress berichteten, ist das andere. Die Suche in unserem Archiv, das bis in die Anfangszeiten des Zeitungswesens in Luzern im 19. Jahrhundert zurückreicht, brachte Ernstes und Erheiterndes zutage. Das liberale Tagblatt, das konservative, katholische Vaterland und der «parteiunabhängige» Luzerner Tages-Anzeiger (später LNN) berichteten ausführlich über den Kongress von 1905 – manchmal protokollierend, oft in blumiger Sprache berichtend. Die Texte füllten oft die ganze Frontseite und grosse Teile der folgenden Seiten, ohne Fotos, ohne Illustrationen.

«So hat überhaupt weibliche Anmut von jeher am leichtesten die Raubtierinstinkte des Mannes zu bändigen gewusst.»

Ausschnitt aus einem Bericht der Tageszeitung «Tagblatt» vom 22. September 1905

Viele Berichte waren schwülstig, pathetisch, zynisch, oft unfreiwillig komisch. Beispiel: «Nicht minder aufmerksam zeigten sich die Zuhörer dem Orientalen Tsi Tsaun Fou (China), Mitglied der chinesischen Gesandtschaft in Paris», schrieb das «Vaterland». Und: «Mehr noch als seine geschriebene Rede mochte seine Person interessieren. Die unverfälscht chinesische Tracht (schwarze Soutane/Tunika) mit dem langen schwarzen Zopf gab dem Kongress so recht das Gepräge seiner Internationalität.»

Das «Tagblatt» schwärmte: «Eine grosse Anzahl angesehener, edeldenkender Männer, nicht nur Utopisten und Schwärmer, sondern in der Mehrzahl Männer der praktischen Erfahrung, haben sich in unserer Kongressstadt eingefunden.» Es zitierte Stadtrat Dr. Zimmerli aus dessen Eröffnungsrede: «Wenn auch im Leben der Völker wie des Einzelnen der Kampf zum Lebenselemente und zum Fortschritt gehört, so können die Kulturvölker des blutigen Kampfes wohl entbehren.» Geradezu poetisch mutet dieser Satz aus einem Artikel über den Eröffnungsabend im Hotel National an: «Bald war der grosse Konversationssal mehr als angefüllt, und auch draussen in den Nebensälen und Korridors promenierte ein eleganter Damenflor bei fliessender Unterhaltung.»

In Zeiten von «MeToo» würde man das wohl anders formulieren. Apropos Feminismus: «Es sind auch viele Damen, oder ehrwürdige Matronen da», hiess es an anderer Stelle. «Auf vielen ihrer Gesichter ist viel Lebenserfahrung, viel Lebensleid und viel Lebensweisheit in tiefen Furchen eingegraben.»

«Nicht die Franzosen, sondern die Engländer sind die Lebhaften»

Auf der «Tagblatt»-Frontseite vom 22. September liess sich der ungenannte Autor ausführlich über eine Theateraufführung am Kongress-Festabend im Kursaal aus. Die Kongressisten hätten der Idee der «weiblichen Anmut» applaudiert, hielt er in fast schon revolutionärem Übermut fest: «Denn wie einst die Römerinnen im festlichen Zuge zum Janustempel schritten und dort Datteln, Feigen, Honigscheiben und Kupfermünzen mit dem Januskopf als Opfergaben niederlegten, um den Gott für die Erhaltung des Friedens günstig zu stimmen, so hat überhaupt weibliche Anmut von jeher am leichtesten die Raubtierinstinkte des Mannes zu bändigen gewusst.» Weibliche Anmut als erfolgreiche Waffe gegen den Krieg: Ein wunderbarer Gedanke.

Einen journalistischen Jux leistete sich ein anderer Autor. Er wandte sich in seinem Bericht über das Ende des Begrüssungsabends direkt an seine Leser: «Als die Uhrzeiger beide senkrecht aufwärts zeigten, drückte sich auch Ihr Berichterstatter und konnte beim Hinausgehen nur noch konstatieren, dass sich bereits eine dauerhafte Kerntruppe zum Weitermachen zurecht gesetzt hatte.»

Sehr anschaulich charakterisierte ein weiterer Journalist die teilnehmenden Nationalitäten: «Sonderbar, nicht die Franzosen sind die Lebhaften, sondern die Engländer und mehr noch die Amerikaner. Viele Amerikaner begleiteten die Reden Anderer fast Wort für Wort mit lauten Zwischenrufen, so dass man anfänglich den Kopf wendet ob des ungewohnten, seltsamen Tuns. Fussgetrampel bei jeder kräftigen Äusserung kommt zum Beifallklatschen. Da tritt der frischblütige Deutsche, der übrigens stark in der Minderzahl ist, ganz zurück.» Auffällig kriegerisch war oft die Sprache im Tagblatt: «Vielsprachig ist die sonderbare Truppe und gar bunt zusammengesetzt. Aber stolz und freudig rückt auch sie ins Feld, und bald werden wir die Schwerter des Geistes blitzen sehen. Krieg dem Kriege heisst ihr Standartenwort.»

Seit 1902 befand sich in Luzern das weltweit erste Kriegs- und Friedensmuseum. Es befand sich in der burgähnliche Festhütte des Eidgenössischen Schützenfestes von 1901 am heutigen Europaplatz. (Bild: Stadtarchiv Luzern)

Seit 1902 befand sich in Luzern das weltweit erste Kriegs- und Friedensmuseum. Es befand sich in der burgähnliche Festhütte des Eidgenössischen Schützenfestes von 1901 am heutigen Europaplatz. (Bild: Stadtarchiv Luzern)

«Russische Metzeleien in Transkaukasien»

Selbstverständlich stand der ernste Anlass des Kongresses im Zentrum der Berichterstattung. Unverhohlene Kritik wurde etwa an den «jüngsten russischen Metzeleien in Transkaukasien» geäussert: «Der russische Delegierte bedauert als Russe die Greueltaten aufs tiefste», hiess es dazu. «Er entschuldigt sie, dass sie mit den gegenwärtigen politischen Verhältnissen in Russland in Zusammenhang stünden.»

Ein häufiges Thema war die Versöhnung von Deutschen und Franzosen – und das wenige Jahre vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Als an einer Versammlung die Kongressteilnehmer «einstimmig und sichtlich bewegt» zwei Friedensresolutionen zustimmten, durchschallten «Bravos und Akklamationen» den Saal, «und endloser Applaus ertönt von den Tribünen». Und dann der kurios anmutende Zusatz: «Nur schwer verständlich machen können sich die freudig erregten Deutschen und Franzosen, die auch eine Réunion der beiden Nationalitäten auf den Abend im Stadthof ansagen.» Der Luzerner Tages-Anzeiger (LNN) pries die Annäherung zwischen Deutschland und Frankreich als «erste Etappe auf dem Wege zur Föderation der Staaten». Eine angesichts der folgenden kriegerischen Auseinandersetzungen verfrühte Prognose.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.