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Im Dienste des Papstes: Vom Leben der Schweizergardisten

Am Montag findet im Vatikan die feierliche Vereidigung von 23 neuen Schweizergardisten statt. Zu ihnen zählt auch der Hellebardier Manuel Renggli aus Luzern. Allerdings: In der Schweizergarde harzt es derzeit mit dem Nachwuchs aus der Zentralschweiz.

Benno Bühlmann, Rom
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Ein strahlend schöner Spätnachmittag, 16.30 Uhr. Bei der Sant’Anna-Pforte, dem wohl bekanntesten Tor des Vatikans, unterhält sich ein Schweizergardist mit drei Rom-Pilgern. Sie möchten sich gerne die Einlasskarten für die nächste Generalaudienz von Papst Franziskus besorgen, die jeweils am Mittwoch um 9.30 Uhr stattfindet. Nur wenige Meter entfernt befindet sich das Hauptquartier der kleinsten Armee der Welt, die für die Sicherheit des Pontifex Maximus zuständig ist. Im Ehrenhof der Schweizergarde üben zu diesem Zeitpunkt acht junge Hellebardiere unter der Leitung des Luzerner Majors Martin Kurmann das Exerzieren in der traditionellen Galauniform mit den unverkennbaren Farben Blau-Rot-Gelb, angereichert mit Harnisch und Helm.

Major Martin Kurmann aus Wolhusen. (Bild: Benno Bühlmann)

Major Martin Kurmann aus Wolhusen. (Bild: Benno Bühlmann)

«Für die bevorstehende Vereidigung am 6. Mai muss die genaue Abfolge der vorgegebenen Schritte und Körperhaltungen beim Exerzieren sitzen», betont Martin Kurmann (35) aus Wolhusen, der vor vier Monaten von Papst Franziskus zum neuen Major der Päpstlichen Schweizergarde ernannt wurde. Kurmann ist verheiratet, Vater von drei Kindern im Alter von 1, 3 und 5 Jahren. Bis 2018 war er in der Funktion als Ausbildungschef bei der Luzerner Polizei tätig und ist nun mit seiner Familie nach Rom in die Unterkunft der Schweizergarde gezogen.

Aus eigener Erfahrung weiss er, was es bedeutet, als Gardist im Dienste des Papstes zu stehen, denn von 2003 bis 2005 war er bereits selber als Hellebardier im Vatikan im Einsatz und wird diese Zeit sein Leben lang nicht mehr vergessen. Vor allem auch deshalb, weil damals nach dem 27 Jahre dauernden Pontifikat von Papst Johannes Paul II. erstmals wieder ein Konklave in der Sixtinischen Kapelle stattfand, bei dem das Konsistorium den bisherigen «Glaubenshüter» Kardinal Joseph Ratzinger zum neuen Papst Benedikt XVI. wählten. Das eindrücklichste Erlebnis war für Martin Kurmann am 8. April 2005 ein ungewöhnlicher Augenblick während des Beerdigungsgottesdienstes von Johannes Paul II., den er als Gardist aus nächster Nähe miterleben konnte: «Während der Messe auf dem Platz vor dem Petersdom kam plötzlich ein starker Wind auf. Dieser durchwehte die Seiten des grossen Evangeliums, das auf dem Sarg des Papstes lag, bevor es abrupt zugeschlagen wurde. In diesem Moment ist es mir kalt den Rücken heruntergelaufen», erzählt Kurmann.

Zu den prägenden Erfahrungen zählten für ihn auch diverse Begegnungen mit Papst Benedikt XVI., der sich zu seinem Erstaunen auch nach vielen Jahren immer noch an seinen Namen und seine Herkunftsort erinnern konnte. «Die Zeit in Rom war für mich eine wertvolle Lebensschule, die ich nicht missen möchte.»

Dem Papst die Hand schütteln

Hellebardier Manuel Renggli aus Kriens ist mit Leib und Seele Schweizer Gardist. (Bild: Benno Bühlmann)

Hellebardier Manuel Renggli aus Kriens ist mit Leib und Seele Schweizer Gardist. (Bild: Benno Bühlmann)

Dem Papst persönlich die Hand schütteln konnte auch schon der Luzerner Rekrut Manuel Renggli, der am Montag, 6. Mai als einer von 23 neuen Schweizergardisten feierlich vereidigt wird: «Ich habe Papst Franziskus in den vergangenen Monaten stets als sehr freundliche und offene Person erlebt, der beim Eingang zum päpstlichen Palast stets ein paar Worte mit uns Schweizergardisten wechselt und fragt, wie es uns geht.» Der 25jährige Elektroinstallateur ist in Kriens aufgewachsen und sagt von sich, dass er «nicht besonders religiös» sei. Immerhin war er in der Pfarrei Bruder Klaus während vielen Jahren als Ministrant und Jungwacht-Leiter engagiert und kam deshalb auch regelmässig mit kirchlichen Aktivitäten und Zeremonien in Kontakt. Als er fünf Jahre alt war, kehrten seine Eltern einmal mit vielen fotografischen Impressionen von einer Rom-Reise zurück und vermochten dabei ihren kleinen Sohn offenbar mit Bildern von den Schweizergardisten mit ihren farbenfrohen Uniformen zu beeindrucken. Allerdings hätte dieser vor ein paar Jahren selber nicht geglaubt, dass er seinen «Bubentraum» mit 25 Jahren auf wiederholte Ermutigungen aus seinem Bekanntenkreis hin auch tatsächlich in die Realität umsetzen würde.

Am Montag ist es nun definitiv soweit: Dann findet nämlich im Damasushof des Apostolischen Palastes die feierliche Vereidigung der neuen Schweizergardisten statt. Traditionsgemäss erfolgt dieses Ereignis in Erinnerung an die Plünderung Roms, den «Sacco di Roma» vom 6. Mai 1527, als 147 Soldaten heldenhaft für die Verteidigung des Papstes Klemens VII. ihr Leben opferten. Auch heute noch geloben die angehenden Schweizergardisten per Eid auf die Gardefahne, dass sie im äussersten Fall mit ihrem eigenen Leben für den Schutz des Heiligen Vaters einstehen werden. Manuel Renggli verhehlt nicht, dass die bevorstehende Vereidigung auch mit einer Portion Lampenfieber verbunden ist:

«Ein bisschen nervös bin ich schon, zumal bei diesem Ereignis ja auch viele Verwandte und Bekannte dabei sein werden.»

Äusserst ungewöhnlich ist der Umstand, dass mit Manuel Renggli in diesem Jahr nur ein in der Zentralschweiz wohnhafter Gardist vereidigt wird, denn über viele Jahre hinweg konnte die Urschweiz als «katholische Hochburg» im interkantonalen Ranking stets in den vorderen Reihen mithalten (siehe Kasten). Was den Bürgerort betrifft, gibt es zwar noch zwei weitere «Zentralschweizer» Kandidaten – einer aus Einsiedeln SZ (Simon Kälin) und einer aus Bürglen UR (Valentin Albert) – , die vor ihrem Eintritt in die Schweizergarde allerdings in den Kantonen Bern und Zürich wohnhaft waren.

Major Martin Kurmann ist angesichts der aktuellen Nachwuchsprobleme überzeugt davon, dass die Schweizergarde heute nicht mehr umhin kommt, sich proaktiv in der Öffentlichkeit zu präsentieren. «Da die Kirchen in der Schweiz an den Sonntagen zunehmend leerer werden, können wir unseren Nachwuchs nicht bloss im kirchlichen Umfeld suchen. Die Schweizergarde ist und bleibt ja auch primär eine militärische Einrichtung und hat sich nie als Seminar für angehende Priester verstanden.»

Globi besucht die Schweizergarde

In der Folge hat die Informations- und Rekrutierungsstelle der Päpstlichen Schweizergarde ihre Werbeanstrengungen in jüngster Zeit deutlich verstärkt: So wurde Mitte März eine komplett neu konzipierte Website online geschaltet, bei der die Einbindung moderner Social-Media-Kanäle wie Facebook, Youtube und Instragram inklusive Präsentation von kurzen Video-Clips einen wichtigen Bestandteil bilden.

Nicht ungelegen kommt auch der Umstand, dass der Zürcher Orell Füssli Verlag Ende Februar ein neues Buch mit dem Titel «Globis Abenteuer in Rom» präsentiert hat, in dem die bei Kindern immer noch sehr beliebte Globi-Figur einen Besuch im Vatikan und bei den Gardisten abstattet: «Das neue Globi-Buch leistet einen weiteren Beitrag, um bei den Lesern schon von klein auf das Interesse für die Schweizergarde zu wecken», so Martin Kurmann.

Nachwuchssorgen bei der Päpstlichen Schweizergarde

Bei den Zahlen der Vereidigung neuer Schweizergardisten ist derzeit ein deutlicher Rückgang zu beobachten, der den Verantwortlichen für die Rekrutierung zunehmend Sorgen bereitet: Konnten vor zwei Jahren noch 40 junge Gardisten vereidigt werden, waren es 2018 noch 32 und in diesem Jahr nur noch 23 Männer, die sich für den Sicherheitsdienst des Papstes zur Verfügung stellen. Ein Ende der Talsohle wäre auch deshalb dringend notwendig, weil der Bestand der Schweizergarde in den nächsten Jahren von ursprünglich 110 auf 135 Mann aufgestockt werden sollte.
Bezeichnenderweise hängen beim Eingang zum Hauptquartier der Päpstlichen Schweizergarde die Fahnen der Schweizer Kantone, die traditionsgemäss nach der Zahl der aktiven Gardisten angeordnet sind und damit das aktuelle «Rating» unter den Kantonen zum Ausdruck bringen: Die meisten Gardisten stammen derzeit aus den Kantonen Freiburg und Wallis mit jeweils 14 Gardisten, gefolgt vom Kanton Aargau mit 10 Gardisten. Die Zahl der Hellebardiere aus der Zentralschweiz hat überraschenderweise in den vergangenen Jahren deutlich abgenommen, obwohl der Kanton Luzern als «katholische Hochburg» in der Geschichte der Schweizergarde mit Abstand die meisten Kommandanten stellen konnte: Von den bisher insgesamt 35 Kommandanten stammten 25 aus dem Kanton Luzern. Seit 2015 steht Oberst Christoph Graf aus Pfaffnau der Garde vor und auch der neue Major Martin Kurmann ist ebenfalls Luzerner.
Bei den Hellebardieren hingegen harzt es mit dem Nachwuchs, wie Bernhard Messmer von der Informations- und Rekrutierungsstelle IRS bestätigt: «Wir müssen derzeit grössere Anstrengungen unternehmen, um genügend neue Schweizergardisten rekrutieren zu können.» Als Gründe für die rückläufigen Zahlen nennt er die aktuellen demografische Entwicklung bei den Geburtenzahlen und die allgemein nicht mehr allzu enge Beziehung junger Männer zur katholischen Kirche. «Hinzu kommt, dass die Anforderungen an die Rekruten in den vergangenen Jahren strenger geworden sind.»