ALTER: Pro Senectute stösst an ihre Grenzen

Die Finanzierung der Sozialberatung ist bald nicht mehr tragfähig. Nun lanciert der Geschäftsleiter ein neues Projekt, das er gleich selber leiten wird.

Ernesto Piazza
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Im vergangenen Jahr führte die Pro Senectute im Kanton Luzern rund 2500 Beratungsgespräche durch (Symbolbild). (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

Im vergangenen Jahr führte die Pro Senectute im Kanton Luzern rund 2500 Beratungsgespräche durch (Symbolbild). (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

Sozialberatung und Finanzhilfe sind von Gesetzes wegen Gemeindeaufgaben. Für Personen über 65 Jahre wird diese Dienstleistung aber zu grossen Teilen von Pro Senectute wahrgenommen. Die Stiftung hat im vergangenen Jahr 2500 Luzerner Seniorinnen und Senioren beraten und finanziell unterstützt. Angesichts der demografischen Entwicklung stösst Pro Senectute nun aber auch finanziell an ihre Grenzen.

Über die Hälfte vom Bund finanziert

Die Sozialberatung von Pro Senectute kostete im vergangenen Jahr rund 2,3 Millionen Franken. Mehr als die Hälfte konnte durch Bundesgelder finanziert werden. Den Rest steuerte Pro Senectute aus Mitteln ihrer jährlichen Herbstsammlung, eine paritätische Summe von den Gemeinden und dem Kanton in Form eines Beitrags vom Zweckverband für institutionelle Sozialhilfe und Gesundheitsförderung (ZiSG) sowie von expliziten Leistungsverträgen mit Luzern, Kriens und Emmen bei. Der ZiSG-Beitrag von 227 000 Franken resultiert je zur Hälfte paritätisch von den Gemeinden und dem Kanton. «Diese Finanzierungslösung wird schon bald nicht mehr tragfähig sein», sagt Pro-Senectute-Geschäftsleiter Stefan Brändlin.

Günstiger als Gemeinden

Er weist unter anderem darauf hin, dass die Bundessubventionen stagnieren. «Falls im Zuge der Verwaltungsreform 2018 der Kantonsanteil (ZiSG-Beitrag) in Frage gestellt werden sollte, wäre aufgrund der paritätischen Regelung des ZiSG auch der Gemeindeanteil gefährdet», sagt Brändlin weiter.

Er ist allerdings dahingehend zuversichtlich, dass es gelingt, die Gemeinden nicht nur weiterhin, sondern noch verstärkt in die Finanzierung der Sozialberatung einzubinden. «Sie sind sich ihrer gesetzlichen Aufgabe bewusst, auch den über 65-jährigen Menschen den Zugang zur persönlichen Sozialhilfe zu ermöglichen», sagt Brändlin. «Dank Bundessubventionen und dem grossen monetären Engagement der Luzerner Bevölkerung kann Pro Senectute die Sozialberatung um ein Mehrfaches günstiger erbringen, als wenn die Gemeinden diese Beratungsleistung selber durchführen oder anderweitig ausgliedern würden.»

Finanzielle Probleme im Alter

Bei fast 2000 älteren Menschen sei es im letzten Jahr um finanzielle Probleme, um Stabilisierung, Schuldensanierung und drohende Verwahrlosung gegangen. «Ohne unsere Sozialberatung hätten die Gemeinden diese Arbeiten übernehmen müssen.» Des Weiteren erwähnt Brändlin die Ausrichtung von rund 1 Million Franken an persönlichen Unterstützungsgeldern aus dem AHV-Fonds. Diese Summe wurde bedürftigen Senioren beispielsweise für eine Zahnbehandlung, einen Rollator oder als Zustupf für ein ÖV-Abonnement ausgerichtet. Deshalb weiss der Pro-Senectute-Geschäftsleiter: «Speziell das Teilprojekt der Sozialberatung steht vor einer grossen Herausforderung.»

«Ohne finanzielle Beteiligung der Gemeinden müssen die Kosten entweder direkt den Kunden verrechnet werden, oder die Leistungen können nicht mehr angeboten werden», sagt Stiftungsratspräsidentin Ida Glanzmann.

Beratungen von Hochdorf aus

Jetzt plant Pro Senectute in den nächsten Jahren jedoch Grosses: Das Projekt «Modell 65 plus» soll gemäss Brändlin einen Handlungsrahmen, in welchem Gemeinden, regionale Organisationen und Pro Senectute gemeinsam die nötigen Dienstleistungen koordinieren, zugänglich machen und weiterentwickeln können (siehe Kasten). Es dient «der Entwicklung und der Optimierung der kantonalen Altersversorgung», so Brändlin. Ein erstes Pilotprojekt beginn ab 2016 im Haus Sonnmatt in Hochdorf.

Wechsel bei der Geschäftsleitung

Brändlin wird das auf drei Jahre ausgelegte Projekt leiten. Dazu gibt er seine bisherige Funktion als Geschäftsleiter der Pro Senectute des Kantons Luzern ab. «Für mich ist es eine nicht alltägliche Möglichkeit, zu einer gesellschaftlichen Lösung beizutragen. Vor allem wegen der auf uns in demografischer Hinsicht wartenden Herausforderungen», sagt er zu den Gründen für seinen Entscheid. Brändlin wurde im Sommer 2014 zum Geschäftsleiter ernannt. Die Suche nach einem Nachfolger wird demnächst gestartet.

Anlaufstellen besser bekannt machen

ep. Das Luzerner Modell 65 plus beinhaltet im Wesentlichen drei Kernthemen.

  • Soziale Absicherung: Darunter fallen die Sozialberatung und Finanzhilfe, welche von Gesetzes wegen Gemeindeaufgaben sind.
  • Selbstständigkeit: Die Unabhängigkeit älterer Menschen soll so lange wie möglich erhalten bleiben. Von unterschiedlichen Organisationen erbrachte Angebote wie Mahlzeitendienst, Infostelle Demenz mit Angehörigengruppen, Entlastungs- und Fahrdienste oder unentgeltliche Rechtsauskünfte sollen besser bekannt gemacht werden.
  • Lebensgestaltung: Menschen im AHV-Alter zu fördern und für die Gemeinschaft nutzbar zu machen. Darunter fallen Themen, Aktivitäten und Angebote wie Freiwilligenarbeit, Besuchsdienste, Bildungs- und Sportangebote, Seniorengruppen oder Austauschforen bezüglich elektronischer Kommunikation.