ALTER: Selbstständiger dank Technik

Viele Menschen möchten auch im Alter zu Hause wohnen. Dank technischem Fortschritt ist das immer besser möglich. Eine Messe in Luzern zeigt die neusten Errungenschaften.

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Rolf Kistler von der Hochschule Luzern mit dem magischen Würfel, der die Kommunikation zwischen einer älteren Person und ihren Angehörigen erleichtert. (Bild: Manuela Jans-Koch / Neue LZ)

Rolf Kistler von der Hochschule Luzern mit dem magischen Würfel, der die Kommunikation zwischen einer älteren Person und ihren Angehörigen erleichtert. (Bild: Manuela Jans-Koch / Neue LZ)

Interview Hugo Bischof

Dieses Wochenende findet in Luzern die erste nationale Messe Zukunft Alter statt (siehe Kasten). Einer der Referenten ist Rolf Kistler von dem in Horw beheimateten iHomeLab der Hochschule Luzern. Wir sprachen mit ihm über neuste Entwicklungen im Bereich Alter und Technik.

Rolf Kistler, Sie halten heute an der ersten nationalen Messe Zukunft Alter in Luzern ein Referat zum Thema «Zu Hause ists am schönsten – kann Technik helfen, länger zu Hause zu wohnen?». Wie lautet die Antwort? Kann Technik wirklich helfen?

Rolf Kistler*: Ja, ich denke das kann sie. Dann nämlich, wenn sie dem Menschen einen echten Nutzen bietet und zudem einfach zu benutzen, zuverlässig und erschwinglich ist. In unserer Vision des intelligenten Hauses unterstützt mich die Technik unaufdringlich und sinnvoll im Hintergrund, zusammen mit den Menschen und meinem sozialen Umfeld, das mir lieb ist und das es natürlich immer noch brauchen wird. Die Technik ist also als Ergänzung beziehungsweise Unterstützung, nicht als Ersatz gedacht.

Die Zeiten, in denen man, wenn man alt war, ins Altersheim ging, sind also bald vorbei?

Kistler: Ich denke, es wird noch immer Situationen geben, in denen eine stationäre Einrichtung die Bedürfnisse eines älteren Menschen besser abdecken kann. Zudem existieren ja mittlerweile auch viele andere neue Angebote für das gute Wohnen im Alter (WG, Alterswohnungen, Wohnen mit Services und so weiter). Das Schöne ist doch, dass man je länger, je mehr die Wahl hat, wie man im Alter gerne wohnen möchte.

Die modernen Betagtenzentren sind eigentliche Wohlfühl-Oasen – mit Einbettzimmern mit grosszügigen Nasszellen, gutem Essen und vielfältigem Betreuungs- und Wellness-Angebot.

Kistler: Da gebe ich Ihnen vollkommen Recht – gerade auch, was das breite Angebot angeht, die Menschen zu aktivieren und ihnen die Möglichkeit zu geben, sich weiter sinnvoll zu betätigen und gemeinsam mit anderen etwas zu erleben. Wobei die Technik auch zu Hause helfen kann, soziale Kontakte aufzubauen oder zu erhalten (Stichwort «Facebook für ältere Menschen»). Da es wohl in Zukunft in den Betagtenzentren eher einen Mangel an Pflegekräften geben wird, arbeiten wir zudem an technischen Lösungen, die auch die Pflegenden entlasten sollen.

Was sind die neusten Erkenntnisse aus den Forschungen des iHomeLab?

Kistler: Es gibt noch einiges an Forschungsbedarf bei der Technik. Sie entwickelt sich, wie wir alle wissen, sehr rasant weiter und eröffnet stets neue Möglichkeiten. Doch stellen wir in letzter Zeit vor allem auch ökonomische Überlegungen an. Wir erhoffen uns neue Erkenntnisse darüber, wie wir es erreichen, die neu entstandenen Lösungen auch zu den Leuten zu bringen. Eine gute Idee und die zuverlässige Technik dazu reichen leider noch nicht für ein Produkt, das vom Markt akzeptiert wird und sich dort etablieren kann. Aber auch hier sehen wir gute Chancen, dass dies gelingen wird.

Über den vom iHomeLab entwickelten Super-Rollator mit bequemer Sitz­fläche und leicht bedienbarem Navigationssystem haben wir schon berichtet (Ausgaben vom 27. Februar und 12. August). Ist das ein Mittel für eine längere Selbstständigkeit?

Kistler: Ja, es ist ein Mittel, wenn wir den wichtigen Aspekt der Mobilität für ein unabhängiges und selbstständiges Leben zu Hause betrachten. Es soll den Nutzern Spass und Sicherheit für unterwegs bringen, denn bei aller intelligenten Haustechnik möchten wir die Leute natürlich dazu bewegen, eben auch wieder öfter nach draussen zu gehen. Und der Rollator gibt ihnen die Möglichkeit, wieder Wege zu gehen, die vielleicht so nicht mehr möglich waren. Das wurde uns in den Langzeitnutzertests auch so bestätigt, die in Zusammenarbeit mit der Firma CareGuide und dem Kanton Zug durchgeführt wurden.

Wie weit ist die Entwicklung des Super-Rollators? Was wird er kosten?

Kistler: Es existieren Prototypen des Velopeds (so heisst der Rollator), die mit älteren Menschen getestet wurden und funktionieren. Es liegt jetzt an den involvierten Firmen, daraus bald ein Produkt entstehen zu lassen. Der schwedische Rollatorhersteller Trionic, der Motorenlieferant Trikon und der Hersteller der Navigationslösung NaviBee sind motiviert und guter Dinge, dass sie in ein bis zwei Jahren so weit sind. Was den Preis angeht, sind wir uns bewusst, dass wir mit dem entstandenen Produkt nicht mit direkt importierten Billigrollatoren aus China konkurrieren können. Unser Rollator kann ja auch mehr. Doch da der Preis sehr wichtig ist, soll das Veloped auf jeden Fall erschwinglich sein. Die Richtgrösse ist für uns der Preis eines Mittelklasse-E-Bikes.

Die neuste Errungenschaft ist«Relaxed Care», ein magischer Würfel, der eine ständige Verbindung zwischen älteren Personen und ihren Angehörigen herstellt und der kürzlich den Publikumspreis beim europäischen Forschungspreis AAL Award gewann. Wie funktioniert der Würfel?

Kistler: Im Prinzip sind es zwei Würfel, einer bei mir als Sohn zu Hause und einer bei meiner älteren Mutter. Mein Würfel (oder auch eine App unterwegs) zeigt mir über Licht- und Toneffekte an, wie es meiner Mutter gerade geht. Sensoren in der Wohnung zeigen Änderungen im Lebensrhythmus der betagten Person an. Der Würfel soll mir also einen Notfall wie einen Sturz anzeigen, genauso wie eher längerfristige Trends, etwa wenn meine Mutter die Wohnung nicht mehr verlässt oder immer weniger für sich selbst kocht. Neben diesen Funktionen, die mich als pflegenden Angehörigen etwas beruhigen sollen, bieten die Würfel auch einfache Kommunikationsmöglichkeiten an. So kann ich meiner Mutter über den Würfel zeigen, dass ich gerade an sie denke – er beginnt dann zu blinken –, oder sie kann mir mitteilen, dass sie etwas von mir benötigt.

Der magische Würfel ist ein europäisches Forschungsprojekt. Was trug die Hochschule Luzern bei?

Kistler: Neun Partner aus ganz Europa sind am Projekt beteiligt. Doch sind wir in fast allen Arbeitspaketen des Projekts aktiv. Wir bauen bei uns die Prototypen und sind, zusammen mit dem Roten Kreuz Luzern, auch in die Feldtests involviert.

Wie werden die betagten Personen in der Bedienung des Geräts instruiert? Gibt es Workshops?

Kistler: Ja, gerade diese Woche hat das Rote Kreuz zusammen mit der Zuger Firma Soultank und dem iHomeLab zwei solche Workshops für potenzielle Feldtestteilnehmer und Kunden organisiert.

Wann ist der magische Würfel marktreif, und wie viel wird er kosten?

Kistler: Wir hoffen, dass der Würfel in knapp zwei Jahren erhältlich sein wird. Wie viel er kosten wird, steht noch nicht fest. Es gibt aber schon interessierte Firmen, die ihn vertreiben möchten.

Hinweis

* Rolf Kistler (42) ist Leiter der Forschungsgruppe AAL (Ambient Assisted Living, «umgebungsunterstütztes Leben») beim iHomeLab der Hochschule Luzern, einem Forschungszentrum zum Thema Gebäudeintelligenz. Er referiert heute um 15.30 Uhr und am Sonntag um 16.30 Uhr zum Thema «Zu Hause ists am schönsten – kann Technik dabei helfen, länger zu Hause zu wohnen?».