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ALTER: «Suchtprobleme werden bagatellisiert»

Senioren trinken mehr Alkohol und nehmen häufiger Medikamente als jüngere Erwachsene. Das Pflegepersonal stellt das zunehmend vor Probleme. Die Luzerner Suchtberatungsstelle Akzent reagiert – und bereitet eine Informationskampagne vor.
Christian Hodel
Derselbe Alkoholkonsum schädigt Herz und Blutgefässe bei Menschen der Unterschicht mehr als bei denjenigen mit höherem sozioökonomischem Status (Symbolbild).

Derselbe Alkoholkonsum schädigt Herz und Blutgefässe bei Menschen der Unterschicht mehr als bei denjenigen mit höherem sozioökonomischem Status (Symbolbild).

Nennen wir ihn Alfred. Vor gut einem Jahr ist seine Frau gestorben, seither wohnt der 75-Jährige alleine in der 31/2-Zimmer-Wohnung in der Agglomeration Luzern. Zweimal wöchentlich schaut eine Spitex-Mitarbeiterin nach dem Rechten. «Anfänglich ging alles ziemlich gut», sagt die Pflegefachfrau. Doch in letzter Zeit sei Alfred immer mehr von der Rolle gekommen. Der Küchentisch war mit leeren Bierflaschen übersät, Medikamentenpackungen lagen herum, die Wohnung roch nach Urin. Alfred wurde aggressiv, zuweilen gewalttätig. «Wir mussten in Absprache mit den Angehörigen handeln», sagt die Spitex-Mitarbeiterin, die anonym bleiben möchte. Alfred lebt jetzt in einem Pflegeheim in der Region Luzern. Was die Pflegefachfrau unserer Zeitung schildert, sei ein Problem, mit dem sich ihre Berufskollegen zunehmend herumschlagen müssten: Immer öfters seien Senioren alkohol- oder medikamentenabhängig.

Der Problematik ist sich Barbara Hedinger, Bereichsleiterin Prozess- und Qualitätsmanagement der Spitex der Stadt Luzern, bewusst. Auf Anfrage sagt sie: «Das Thema Alkoholabhängigkeit beschäftigt unsere Mitarbeiter stark.» Auch darum habe man vor zwei Jahren einen Leitfaden entwickelt, an dem sich das Personal orientieren könne. Das Fazit sei positiv. «Die Hemmschwelle der Mitarbeiter, die Sucht anzusprechen, ist gesunken.»

Medikamentensucht ist weiter verbreitet als Alkohol

Im Gegensatz zur Spitex beurteilen die Verantwortlichen von Alters- und Pflegeheimen in der Region den Alkoholkonsum ihrer Bewohner als weniger problematisch. Dieser sei in den letzten Jahren in etwa stabil geblieben, sagt Roger Wicki, der Co-Geschäftsleiter des «Seeblick – Haus für Pflege und Betreuung» in Sursee und Präsident von Curaviva Luzern ist, dem Kantonalverband der Pflegeheime. «Vielmehr stellen wir eine Tendenz fest, dass bei den Bewohnern vermehrt eine Medikamentenabhängigkeit vorliegt.» Statistiken zum Suchtverhalten der Bewohner gibt es laut Wicki zwar nicht, doch auf Anfrage der «Zentralschweiz am Sonntag» hat er unter seinen Mitgliedern eine Umfrage gestartet.

Das Ergebnis fasst er folgendermassen zusammen: «Wir gehen davon aus, dass die Medikamentenabhängigkeit weiter verbreitet ist als die Alkoholsucht.» Das Problem sei, dass ältere Personen häufig mehrere verschiedene Medikamente einnehmen. «Vor allem alleinstehende Frauen weisen bei Heimeintritt nicht selten eine nicht nachvollziehbare Medikamentenpalette aus.» Vielfach handle es sich um Schlafmittel oder Psychopharmaka. «Durch eine gezielte Behandlung in der Institution kann die Medikation oftmals redimensioniert werden», sagt Wicki und fügt zugleich die Gründe an: «Mangelnde Tagesstrukturen, Vereinsamung und Angst können Faktoren sein, die sich durch einen Heimeintritt verringern und somit den Medikamentenbedarf sukzessive herabsetzen lassen.»

«Alkohol wird im Alter schlechter vertragen»

Das Problem von süchtigen Senioren ist Christina Meyer von der Luzerner Beratungsstelle Akzent Prävention und Suchttherapie bestens bekannt. Aktuell biete man Schulungen und einen Leitfaden für Fachpersonen aus Pflege und Betreuung an, teilt sie mit. Neu werde man im nächsten Jahr zudem Informationsmaterialien für Senioren und Angehörige herausgeben. Doch warum scheint Alkohol- und Medikamentensucht bei Senioren zunehmend ein Problem zu sein? Meyer nennt mehrere Gründe. «Mit dem Ausscheiden aus dem Erwerbsleben unterliegen ältere Menschen oft weniger der sozialen Kontrolle.» Zudem könne die Umstellung auf die neue Alltagssituation – etwa der zunehmende Funktions- und Aktivitätsverlust, der Verlust des Partners durch Tod, finanzielle Engpässe oder die soziale Isolation – eine Sucht begünstigen. Auch spiele die Haltung der Gesellschaft in der Erkennung und Hilfe eine wichtige Rolle, so Meyer weiter. «Suchtprobleme bei älteren Menschen werden bagatellisiert oder aufgrund altersbedingter Symptome übersehen.» Hinzu kommen gesundheitliche Aspekte: «Alkohol wird im Alter schlechter vertragen, und die Alkoholwirkung wird verstärkt, insbesondere wenn gleichzeitig Medikamente eingenommen werden.»

Christian Hodel

christian.hodel@luzernerzeitung.ch

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