Altes Zeughaus Luzern: Schwerter, Hellebarden – und ein Tsunami

450 Jahre zählt das Gebäude, in dem sich heute das Historische Museum Luzern befindet. Es überlebte eine Naturkatastrophe und war bis ins 20. Jahrhundert hinein Teil einer Männerwelt am Rand der Stadt.

Hugo Bischof
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Museumsdirektor Christoph Lichtin und Kuratorin Sibylle Gerber mit einem Modell des alten Zeughauses vor einer Sammlung Hellebarden, die im Historischen Museum Luzern ausgestellt sind. (Bild: Manuela Jans-Koch, Luzern, 4. April 2019)

Museumsdirektor Christoph Lichtin und Kuratorin Sibylle Gerber mit einem Modell des alten Zeughauses vor einer Sammlung Hellebarden, die im Historischen Museum Luzern ausgestellt sind. (Bild: Manuela Jans-Koch, Luzern, 4. April 2019)

Äusserlich ist es leicht verwittert, innen aber perfekt im Schuss: Das 1569 erbaute alte Zeughaus der Stadt Luzern ausgangs Pfistergasse beim Südportal der Spreuerbrücke. Seit 1986 befindet sich im dreistückigen Gebäude das Historische Museum des Kantons Luzern. Panzerhemden, Schwerter, alte Helme sind hier ausgestellt. Aber auch allerhand Alltagsgegenstände, etwa alte Telefone und ein Zahnarztstuhl. Als grusliger Höhepunkt steht im Treppenhaus– gut gesichert mit einem Eisengitter – die originale Guillotine inklusive Fallbeil, mit der in Sarnen letztmals 1940 ein Mensch geköpft wurde. 

Und jetzt steht das Gebäude selber im Fokus. Museumsdirektor Christoph Lichtin und die Kuratorin Sibylle Gerber haben zum 450-jährigen Bestehen des alten Zeughauses eine sehenswerte Ausstellung realisiert, die hinter die Fassaden blicken lässt.

Das alte Zeughaus am linken Reussufer in der Luzerner Kleinstadt. Bild: Gabriel Ammon (Luzern, 6. August 2015)

Das alte Zeughaus am linken Reussufer in der Luzerner Kleinstadt. Bild: Gabriel Ammon (Luzern, 6. August 2015)

Das alte Zeughaus und seine Umgebung haben eine spannende Vorgeschichte. Schon im 13. Jahrhundert gab es vom Mühlenplatz her eine Brücke über die Reuss. Sie führte zuerst nur bis zur Flussmitte, zu den dortigen Mühlen. Die Fortsetzung der Brücke zum linken Reussufer wurde erst 1408 fertiggestellt. Spreuerbrücke hiess sie, weil im Mittelalter nur von dieser untersten Brücke der Stadt Spreu und Laub in die Reuss geschüttet werden durften.

Pfistergasse war einst das Bäckerviertel

Wenn wir schon bei Namen sind: Die Pfistergasse heisst so, weil hier im Mittelalter das Bäckerviertel der Stadt war. Der Name Pfister (Bäcker, von lateinisch pistor) hat sich flussaufwärts auf der rechten Reussseite im Restaurant Pfistern erhalten. An der Pfistergasse gibt es heute nur noch eine einzige Bäckerei.

Anstelle des Gebäudes, in dem sich heute das Historische Museum befindet, stand schon im Mittelalter ein aus Holz erbautes Zeughaus. Erkennbar ist es auf einem Bild der 1511 bis 1513 erschienenen Luzerner Diebold-Schilling-Chronik, das den Brand der Gasse 1462 zeigt.

Brand der Pfistergasse 1462. Das damalige Zeughaus aus Holz ist links angrenzend an die Spreuerbrücke zu sehen.  Bild: Diebold-Schilling-Chronik 1513, Eigentum Korporation Luzern. Reproduktion aus «Luzern im Spiegel der Diebold-Schilling-Chronik» von Stefan Ragaz (2013, Seite 103).

Brand der Pfistergasse 1462. Das damalige Zeughaus aus Holz ist links angrenzend an die Spreuerbrücke zu sehen.  Bild: Diebold-Schilling-Chronik 1513, Eigentum Korporation Luzern. Reproduktion aus «Luzern im Spiegel der Diebold-Schilling-Chronik» von Stefan Ragaz (2013, Seite 103).

An seiner Stelle bauten italienische Steinmetze zwischen 1546 und 1549 ein repräsentatives Steingebäude (nachzulesen in: Adolf Reinle «Die Kunstdenkmäler des Kantons Luzern, Band III, Stadt Luzern: II. Teil», 1954) . Im Erdgeschoss wurden Waffen gelagert; das Obergeschoss diente als Kornspeicher. Der Begriff Zeughaus (Zeug = Geräte) tauchte in der frühen Neuzeit als Bezeichnung für den neuen Gebäudetypus des Waffenspeichers auf. Es gab damals in und ausserhalb der Stadt mehrere militärische Vorrats- und Lagerhäuser. Ein Beispiel ist das 1686 auf der rechten Reussseite an der Museggstrasse 37 gebaute kantonale Zeughaus, das heute einen Teil der Pädagogischen Hochschule beherbergt. «Das waren Zeiten, in denen das Militär weite Teile des Stadtbilds beherrschten», sagt Christoph Lichtin: «Heute unvorstellbar.»

Überschwemmungen, Pest, Seuchen

Im Frühsommer 1566 kam es in Luzern nach einem sehr harten Winter zu grossen Überschwemmungen, Pest, Seuchen, Ernteausfällen. Im Juni standen beträchtliche Teile der Luzerner Kleinstadt unter Wasser. Am 16. Juli 1566 brachte die reissende Reuss das erst 17 Jahre zuvor errichtete Zeughaus zum Einsturz. Auch die Spreuerbrücke wurde stark beschädigt. Das Zeughaus wurde nach der Katastrophe in knapp drei Jahren neu gebaut (Bauherr Rochus Helmlin) und 1569 in Betrieb genommen. Da das Gewicht des Korns für den Einsturz mitverantwortlich gemacht wurde, trennte man beim Neubau das Zeughaus und die Kornkammer. Letztere, der sogenannte «Herrenkeller», wurde als Brückenkopf der damals ebenfalls renovierten Spreuerbrücke konstruiert.

Eine noch grössere Naturkatastrophe ereignete sich in der Nacht auf den 18. September 1601. Ein Erdbeben erschütterte die Zentralschweiz – mit einer Stärke von 6,2 auf der Richterskala, wie Experten später errechneten. Es löste im Vierwaldstättersee eine gewaltige Flutwelle aus, die auch Teile Luzerns überflutete. Der Luzerner Stadtschreiber Renward Cysat (1545-1614) erlebte den Tsunami persönlich und beschrieb das «wild gethümmel und wäsen mitt rumplen und boldern» in einem ausführlichen Bericht. Die Reuss floss beim Zeughaus plötzlich flussaufwärts und wogte danach acht Tage lang hin und her, so dass man zeitweise trockenen Fusses ans andere Ufer gelangte. Anders als bei der Überschwemmung 45 Jahre zuvor, blieb das Zeughaus diesmal stehen.

1695 wurde es saniert, 1824  aussen renoviert und frisch bemalt.

Entwurf von Ludwig Pfyffer von Altishofen zur Verschönerung des Zeughauses 1823. Südfassade. (Bild: Staatsarchiv Luzern)

Entwurf von Ludwig Pfyffer von Altishofen zur Verschönerung des Zeughauses 1823. Südfassade. (Bild: Staatsarchiv Luzern)

Noch heute an der Nordfassade prominent sichtbar ist das hochrechteckige Gemälde mit dem von zwei Wildmännern gehaltenen Luzerner Standeswappen. Es ist 1568 datiert und wurde ab 1695 mehrmals renoviert. Die von Eduard Renggli 1927 gemalten Krieger und Wappen an der Ost- und Südseite wurden inzwischen jedoch übermalt.

Der Zeughausbrunnen auf dem kleinen südlichen Vorhof wurde gemäss Renward Cysat 1547 gebaut. Laut Adolf Reinle wurde er 1839 entfernt und durch den heutigen Brunnen ersetzt. Der Brunnenturm war ursprünglich mit einem Luzerner Bannerträger gekrönt. Dieser wurde später durch den wilden Mann mit Baumstamm ersetzt, der noch heute den Brunnen krönt. Die alte Brunnenfigur steht heute im Historischen Museum.

Infanteriekaserne für mehr als tausend Soldaten

Der Kasernenplatz hiess früher Kurzweilplatz – bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts fanden hier der Schwei­ne­markt, der Jahr­markt sowie Zir­kus­ver­an­stal­tun­gen statt. Dass er umbenannt wurde, hat ebenfalls seinen Grund. Die nach dem Einsturz des Zeughauses errichtete Kornkammer diente nach einigen Umbauten ab 1814 nämlich als Militärkaserne. 1861–1863 wurde sie zu einer drei­flü­ge­li­gen Infanteriekaserne erweitert. Johann Kas­par Wolff ent­warf die Plä­ne; Gus­tav Moss­dorf lei­te­te die Bau­ar­bei­ten. Die Infan­te­rie­ka­ser­ne bot für mehr als tausend Sol­da­ten Platz. Sie blieb bis 1935 in Betrieb.«Zeughaus und Kaserne bildeten zusammen eine militärische Zone», sagt Christoph Lichtin.

Foto 1899: In der Mitte gross die Infanteriekaserne, vorne in der Reuss die Badeanstalt («Mississippi-Dampfer»). Beide wurden 1971 abgerissen. Hinten links anschliessend an die Kaserne das alte Zeughaus, in dem sich seit 1986 das Historische Museum befindet. Bild: Stadtarchiv Luzern

Foto 1899: In der Mitte gross die Infanteriekaserne, vorne in der Reuss die Badeanstalt («Mississippi-Dampfer»). Beide wurden 1971 abgerissen. Hinten links anschliessend an die Kaserne das alte Zeughaus, in dem sich seit 1986 das Historische Museum befindet. Bild: Stadtarchiv Luzern

In den 1960er-Jah­ren dien­te die Kaserne als Mit­tel­schu­lpro­vi­so­ri­um. 1971 wur­de sie abge­bro­chen. An ihrer Stelle wurde das ehemalige Waisenhaus, das dem Autobahnbau weichen musste, im klas­si­zis­ti­schen Stil des ursprünglichen Gebäudes von Josef Sin­ger wieder aufgebaut. Es beher­bergt heu­te das Natur­mu­se­um.

Wo und wann dieses Bild entstand, steht nicht mit letzter Sicherheit fest. Es zeigt den Kabarettisten Emil Steinberger (zweiter von rechts) Mitte der 1950er Jahre möglicherweise während einem WK in Luzern. Steinberger war Leutnant im Luftschutz-Bataillon 19 der 4. Division. Dieses lagerte sein Korpsmaterial im Zeughaus Luzern. Die Infanterieschule hatte Emil Steinberger 1953 in Morges VD absolviert. (Bild: Privatarchiv Emil Steinberger)

Wo und wann dieses Bild entstand, steht nicht mit letzter Sicherheit fest. Es zeigt den Kabarettisten Emil Steinberger (zweiter von rechts) Mitte der 1950er Jahre möglicherweise während einem WK in Luzern. Steinberger war Leutnant im Luftschutz-Bataillon 19 der 4. Division. Dieses lagerte sein Korpsmaterial im Zeughaus Luzern. Die Infanterieschule hatte Emil Steinberger 1953 in Morges VD absolviert. (Bild: Privatarchiv Emil Steinberger)

Noch ein Nachtrag zum Zeughaus: Die Beutestücke aus diversen Schlachten, die sich ab 1569 dort angesammelt hatten, wurden 1878 ins Luzerner Rathaus verlegt. Dort befand sich damals ein «Kunst und Historisches Museum»; der Name ist auf zeitgenössischen Fotos sichtbar. Im Rathaus blieben die Waffen und Rüstungen bis 1986, also bis zur Rückkehr in das alte Zeughaus, wo sie heute zu besichtigen sind.