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ALTPHILOLOGE: «Lang ist das Leben, wenn es erfüllt ist»

Der Luzerner Kurt Steinmann (71) ist ein hochkarätiger Übersetzer von antiken griechischen und lateinischen Texten. Den Bezug zur Welt von heute hat er aber nicht verloren – ganz im Gegenteil.
Pirmin Bossart
Kurt Steinmann bei sich zu Hause in Reussbühl/Luzern: Er lebt ein Leben mit Büchern, eine Reihe hat er selbst beigesteuert. (Bild: Corinne Glanzmann (2. Dezember 2016).)

Kurt Steinmann bei sich zu Hause in Reussbühl/Luzern: Er lebt ein Leben mit Büchern, eine Reihe hat er selbst beigesteuert. (Bild: Corinne Glanzmann (2. Dezember 2016).)

Interview: Pirmin Bossart

Kurt Steinmann, als klassischer Philologe sitzen Sie monatelang über lateinischen und griechischen Texten. Interessiert Sie das hektische Tagesgeschehen, der Lärm der heutigen Politik, überhaupt?

Ich lese täglich mindestens eine Stunde die Tageszeitungen und sehe mir drei Tagesschauen an: 19 Uhr ZDF, 19.30 Uhr SRF, 20 Uhr ARD. Mich interessiert das politische Geschehen ausserordentlich, denn Politik geht uns alle an.

Was bringt heute die Beschäftigung mit Latein oder Griechisch?

Latein ist für mich die Mathematik der Sprachen. Es täte unseren jungen Menschen sehr gut, einige Zeit Latein zu lernen, als Grundsprache für alle andern Sprachen, die sie lernen.

Griechisch wurde ja bereits abgeschafft.

Leider. Auch das Latein hat einen schweren Stand. Gerade in den Stammlanden der Innerschweiz ist Latein von allen Kantonen am meisten abgebaut worden. Ob das eine Profilneurose ist? Modern sein wollen um jeden Preis? Der Kanton Uri war der erste lateinfreie Kanton der Schweiz. Luzern ist auch an miserabler Stelle. Das Beschwören abendländischer Werte durch gewisse Parteien scheint mir, solange das Latein nicht verteidigt wird, als heuchlerisch. Judentum, Christentum und Griechentum: Das sind geistige Kräfte, die Europa geprägt haben.

Fühlen Sie sich als Exote, wenn Sie realisieren, dass in der heutigen Zeit diese Werte an Bedeutung verlieren?

Das ist der Lauf der Zeit. Geschichtliche Prozesse sind im Grunde genommen durch nichts aufzuhalten. Sie nehmen ihren Weg, haben am Anfang Erfolge, kommen in die Krise, werden wieder in Frage gestellt und erneut abgelöst, das verläuft in Wellenbewegungen. Es kann sein, dass die Not der Welt irgendwann wieder so gross wird, dass die Werte, die Europa begründet haben, neu aktuell werden. Aber das kann lange dauern und ist auch sehr spekulativ.

Sie haben sich einen hervorragenden Namen als Übersetzer antiker Literatur gemacht. Was können Sie besser oder anders als andere?

Ich kann auf eine lange Erfahrung zurückblicken. Das ist ein Vorteil. Zum Zweiten bemühe ich mich um äusserste Präzision in der Übersetzung. Wenn es um die Richtigkeit oder um die Ästhetik in der Formulierung geht, wähle ich die Richtigkeit. Ich betrachte antike Texte als Dokumente, die es wert sind, in jeder Hinsicht genau wiedergegeben zu werden. Es braucht absolute Treue zum Original, ohne deswegen die deutsche Sprache zu vergewaltigen. Präzision ohne Pedanterie. Freiheit ohne Willkür: Das sind meine Übersetzungsprinzipien.

Was fasziniert Sie an der Über­setzungsarbeit?

Der Versuch, dem Text in all seinen Nuancen und Schattierungen gerecht zu werden. Es ist ein sportlicher Wettkampf, der oft grosse Widerstände bietet, die es zu überwinden gilt. Die Herausforderung ist, den Text besser zu machen als die bisherigen Versuche, sonst hat die Übersetzung keine Legitimation.

Und wer beurteilt, ob ein Text besser geworden ist?

Das sind die Kritiken und vor allem die Regisseure, die diese Texte auf die Bühne bringen. Ich hatte das Glück, in Jossi Wieler, dem Intendanten der Stuttgarter Staatsoper, einen genialen «Wortbehorcher» zu finden. Wieler hat vier meiner Übersetzungen auf die Bühne gebracht, drei an den Kammerspielen in München und den «Prometheus» an der Schaubühne Berlin. Er hat mir bestätigt, dass für ihn und seine Schauspieler meine Übersetzungen das sind, was sie sein sollten: präzis und sprechbar.

Was erwarten Sie im Theater generell von einer Inszenierung antiker Stoffe?

Es gibt durchaus moderne Inszenierungen, die den Text ernst nehmen und auch den Anforderungen in Bezug auf Richtigkeit und Echtheit gerecht werden. Das Verstaubte, Museale gehört nicht auf die Bühne. Wenn die Inszenierung bloss ein historisierendes Präsentieren schöner Kostüme oder kommoder Argumente ist, taugt sie nichts. Ein Stück muss einen ergreifen. Wie Kafka sagte: «Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.» Eine Vorführung soll uns verwandeln und nicht nur ästhetisch befriedigen, und nachher geht man zum Cüpli. Ich bin gegen ein solches Theater. Ich will herausgefordert, provoziert werden.

Ein Altphilologe liebt Provo­kationen?

Provocare heisst nach vorne rufen. Ein wunderbares Wort. Diese bequemen Hinterbänkler und Lahmärsche, die da hinten hocken, sollen nach vorne treten und sich den Fragen stellen! Was ich nicht goutiere, ist der Klamauk um des Klamauks willen, wo man deutlich spürt, dass ein Regisseur sich selber inszenieren will und nicht das Stück.

Aktuell haben Sie «Die Orestie» von Aischylos neu übersetzt. Warum?

Dieses Werk betrachte ich als den Höhepunkt meiner bisherigen Übersetzer­tätigkeit. An den rund 4000 Versen habe ich über drei Jahre gearbeitet und die Übersetzung mit den neusten Erkenntnissen angereichert. Das war eine sehr anspruchsvolle Arbeit.

Was sagt uns dieser Stoff heute?

«Die Orestie» beschreibt den Weg von der Blutrache zur institutionalisierten Gerichtsbarkeit. Konflikte werden nicht mehr durch Mord und Totschlag gelöst, sondern durch rechtliche Verfahren, die von der Polis, der Stadtgemeinschaft, ausgehen. Das ist eine ungeheuer wichtige Errungenschaft. Gerade heute, wo rohe Gewalt wieder zur Tagesordnung gehört, sind solche Texte notwendig, um zu zeigen, dass es auch anders geht.

Wie nehmen Sie in Luzern die Theater- und Literaturszene wahr?

Luzern ist ja eine Musikstadt par excellence. Da wird Grossartiges geleistet, aber das Übergewicht der Musik ist eindeutig. Das zeigt sich nicht zuletzt in der Gestaltung des Feuilletons unserer Tageszeitung. Ich kann nachvollziehen und begreife auch, dass eine Zeitung zwecks Selbstbehauptung eine Mehrheit des ­Publikums bedienen muss. Aber ich vermisse trotzdem die Gewichtung des geschriebenen Wortes. Gelegentlich könnte man sich doch vertieft mit einem speziellen Werk auseinandersetzen.

Erfahren Sie mit Ihren Übersetzungen Wertschätzung?

Im Luzerner Literaturbetrieb fühle ich mich nicht wahrgenommen. Aber das ist nicht so wichtig. Die luzernische Literaturszene blüht leider nicht. Aber eben: Entweder sind die grossen Talente da, oder sie sind nicht da. Man kann das nicht künstlich fördern, auch durch Preise nicht. Ich darf mich in dieser Hinsicht auch gar nicht beklagen. Luzern hat mich sehr reich beschenkt mit dem Luzerner Kunst- und Kulturpreis. Das ist ein Stimulus und tut einem gut.

Und sonst?

Ein Luzerner Literaturfest nimmt mich nicht zur Kenntnis. Vielleicht erachten die Veranstalter Übersetzungen als eine Randerscheinung. Aber Übersetzungen gehören auch zur Literatur. Novalis sagte: Übersetzen ist so gut wie Dichten, wie eigene Werke zu Stande bringen, nur schwerer. Das Kreieren einer originären Wortwiedergabe ist ein Akt hoher Schaffenskraft.

Bob Dylan hat den Nobelpreis der Literatur erhalten. Können Sie das nachvollziehen?

Bob Dylan gefällt mir sehr gut, auch den kürzlich verstorbenen Leonard Cohen finde ich grandios. Wer Dylan den Nobelpreis missbilligt, müsste sich zuerst in seine Texte vertiefen. Der Literaturwissenschaftler Heinrich Detering hat aufgezeigt, wie viele literarische Zitate, oft versteckt, quer durch die Jahrhunderte bei Dylan auftauchen.

Für manche Menschen bleiben viele altgriechische Werke wohl eher sperrig zu lesen. Arbeiten Sie für einen vorwiegend elitären Kreis?

Im Gegenteil: Bücher mit antiken Inhalten haben heute eine sehr grosse Leserschaft. Die Auflagen sind oft riesig. Von meinem Ödipus haben sich über 100000 Exemplare verkauft. Ich verdiene daran zwar fast nichts, aber das spielt keine Rolle, weil ich ein bescheidenes Leben führe. Von der «Odyssee» sind drei Ausgaben erschienen. Die erste hatte einen Preis von stolzen 150 Franken und wurde 8000-mal gedruckt. Heute wird sie antiquarisch für 300 bis 400 Franken verkauft. Es ist ein Markt da. Und ständig werde ich gefragt: Wann kommt die «Ilias»?

Und wann kommt sie?

Abgeschlossen habe ich sie vor einiger Zeit. Das Ganze hat sich verzögert, weil die Gestehungskosten solcher Bücher enorm sind. Ende Februar 2017 müssen die Korrekturarbeiten abgeschlossen sein. Gegenwärtig arbeite ich beinahe Tag und Nacht.

Gibt es in den Texten, die Sie übersetzen, thematische Schwerpunkte oder Figuren, die Ihnen wichtig sind?

Die Texte müssen mich anspringen, begeistern, inhaltlich erfüllen, dann interessieren sie mich. Im Nachhinein hat sich herausgestellt, dass ich viele Texte übersetzt habe, in denen Frauen im Zentrum stehen. Schon meine Dissertation beschäftigte sich mit einer Frauenfigur. Meine erste Übersetzung 1978 war das Märchen von Amor und Psyche.

Sie sind nicht verheiratet, leben allein. Welche Rolle spielen denn Frauen in Ihrem Leben?

Ich habe ein paar sehr gute Freunde, aber es gibt auch Frauen, die mir seelisch sehr viel schenken. Vor allem mit jüngeren Frauen verstehe ich mich ausgezeichnet. Es sind herzliche, auf Austausch beruhende Freundschaften, in denen ich auch viel über die Sichtweisen der jungen Generation erfahre. Das mit dem Heiraten hat sich irgendwie nicht eingestellt. Wenn man jung ist, gibt es das «noch nicht». Und plötzlich das «nicht mehr». Wer diese Spanne verfehlt, lebt dann halt allein.

Als intensiver Schaffer hätten Sie wohl gar nicht die Zeit, auch noch beziehungsmässig viel zu investieren.

Man entdeckt im Verlauf der Jahre immer mehr die Vorteile des Alleinseins. Nicht des Einsamseins, das ist etwas ganz anderes. Ich meine das Für-sich-Sein, das Verfügen-Können über die Zeit. Das ist das grösste Geschenk. Mancher Verheiratete dürfte sich hin und wieder danach sehnen, mehr Zeit für sich zu haben. Es gibt schon Phasen, in denen ich denke, dass eine Zweisamkeit schön wäre. Das gebe ich unverhohlen zu. Und dann gibt es wieder Zeiten, wo ich finde: Habe ich ein Glück, dass alles so ist, wie es ist.

Sie sind 71 Jahre alt und noch voller Schaffenskraft. Keine Ermüdungserscheinungen?

Ich weiss aus der Erfahrung von andern, dass die nächsten zehn Jahre gut sein können, sofern man gesundheitlich Acht gibt. Nach 80 beginnen die kräftigeren Gebresten, da mache ich mir keine Illusionen. Das ist vielleicht auch der Grund, warum ich weiterhin so viel arbeite. Ich hasse Tage, an denen ich keine Fortschritte mache, auf irgendeine Art. Ich möchte jeden Tag irgendwie mit etwas weiterkommen. So viele verlieren ihre Tage, leben in den Tag hinein, obwohl: Auch dann geschieht etwas mit ihnen.

Die berühmte Romanfigur Oblomow hat mit 30 Jahren beschlossen, dem Getriebe der Welt zu entsagen und nur noch im Bett zu bleiben.

Oblomow ist für mich eine der grossen Gestalten der Weltlite­ratur. Manchmal ist er schon verführerisch, und ich frage mich, ob ich vielleicht nicht auch noch so einer werde. (lacht) Aber jetzt noch nicht. Es ist zu früh.

Wie halten Sie es mit der Musse? Was tun Sie, wenn Sie nicht übersetzen oder lesen?

Ich gönne mir fast täglich die merkwürdige Passion von TV-Serien. Ich schaue gerne «Familie Dr. Kleist», «Hubert und Staller» oder «Mord mit Aussicht». Da entspanne ich mich völlig. Im Sommer mache ich Spaziergänge in die Stadt und dem See entlang. Dann kehre ich jeweils gerne im Café Heini ein, leiste mir ein Vermicelles oder einen Apfelkuchen und lese den «Blick» und ähnliche Intelligenzblätter.

Was ist ein erfülltes Leben?

Seneca hat gesagt: Longa est vita, si plena est. Lang ist das Leben, wenn es erfüllt ist. Deswegen denke ich oft, wenn ein junger Mensch stirbt: Könnte es nicht sein, dass in diesen Jahren sein Leben erfüllt war? Bei Georg Büchner war das so, er ist mit 24 gestorben. Umgekehrt kann ein sehr langes Leben sehr ereignisarm und unerfüllt sein. Länge sagt nichts aus über die Qualität.

Haben Sie sonst noch lateinische Sprichwörter auf Lager, die Ihnen viel bedeuten?

«Festina lente»: Eile langsam oder, wie es bei uns heisst, Eile mit Weile. Das ist das Geheimnis jeden beruflichen Erfolges: Langsamkeit und Gelassenheit, aber stetig, das bedeutet Vorwärtskommen. Ein wunderbarer Satz ist auch «Amor medicabilis nullis herbis», der als Inschrift an einem Haus auf dem Weinmarkt steht: Die Liebe ist durch keine Kräuter heilbar. Wenn die Liebe da ist, kann man nichts dagegen tun. So kann auch niemand einem Mädchen ausreden, wenn es einen Hallodri liebt. Ironischerweise befand sich im Erdgeschoss des Hauses lange eine Apotheke.

Wenn Sie einen Text, ein Buch übersetzen, wie gehen Sie da vor? Haben Sie fixe Arbeitszeiten, bestimmte Rituale?

Ich stehe um 6.30 Uhr auf, mache mich frisch, nehme Frühstück, gehe manchmal noch einkaufen und widme mich der Zeitungslektüre. Um 9.30 Uhr setze ich mich ans Pult und arbeite durch bis gegen 16 Uhr. So geht das jeden Tag, auch am Wochenende. Dieses Prozedere hat etwas Asketisches. Askese heisst ja Übung. Das kennen auch die Sportler. Wenn ich nicht täglich etwas mache, verliere ich an geistiger Muskelkraft.

Wie kommen Sie vorwärts?

Ich arbeite sehr lange an einem Vers. Bei der Odyssee schaffte ich 15 Verse pro Tag, bei der Ilias etwa 20. Das ist oft auch ein physischer Kampf, ein dauerndes Ringen zwischen Transpiration und Inspiration. Ich mühe mich oft sehr lange mit dem richtigen Wort ab. Wenn dann plötzlich die gelungene Formulierung auftaucht, ist das immer ein Glücksmoment.

Finden Sie Zuversicht und Hoffnung im christlichen Glauben?

Gegenüber der Institution Kirche habe ich starke Reserven. Die Kirche passt sich an, statt dass sie das Salz der Erde ist. Die Vertreter der Kirche sind mir auch zu wenig den Erkenntnissen der modernen Naturwissenschaft verpflichtet. Die geringe Kenntnis der alten Sprachen unter den Kirchenleuten führt zu einem Dilettantismus, der mir nicht gefällt. Jeder Imam, ja sogar jeder tiefgläubige Muslim, lernt die Koranverse, die auch nicht in der Alltagssprache verfasst sind, während sich unsere Vertreter kaum mehr um die Ausgangssprachen der heiligen Schriften kümmern.

Wie nehmen Sie die zeitgenössische Gesellschaft wahr?

Wir leben in einer hedonistischen Gesellschaft. Alles muss Spass machen. Für mich ist Spass ein sehr bemühendes Wort. Freude! Sagen wir doch häufiger Freude. Wir brauchen mehr Freude und weniger Spass.

Lesen Sie auch moderne Literatur?

Ich lese täglich Belletristik, immer, seit Jahrzehnten. Lesen und schreiben. Nullus dies sine linea. Kein Tag ohne Zeile. Das ist das Mönchsprinzip.

Was wünschen Sie unserer Gesellschaft?

Eine meiner Utopien wäre, wenn es in allen höheren Schulen Europas ein Fach «Europäische Literatur» gäbe. Ich bin überzeugt: Das wäre der entscheidendere Friedensbeitrag als das Palaver an all den Konferenzen zur Friedenssicherung.

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