Altwis
«Wir sind es den Tieren schuldig, Verantwortung zu übernehmen» – Stefan Schürmann setzt sich für Kühe, Hühner und Co. ein

Die Schweizer Nutztierschutzorganisation «KAGfreiland» hat einen neuen Präsidenten. Der Altwiser Landwirt spricht über aktuelle Herausforderungen und die Rolle der Konsumenten.

Salome Erni
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Der Griff zu einer Schachtel Eier, einem Entrecôte oder einer Flasche Milch ist oft der Beginn einer Exkursion in den Label-Dschungel. In der Schweiz gibt es fast 50 Marken, die eine tierfreundliche Haltung versprechen. Eine ist «KAGfreiland».

Dafür steht «KAGfreiland»

«KAGfreiland» heisst Konsumenten Arbeitsgruppe Freiland. Viele verbinden sie mit der Eierproduktion, schliesslich gelang es der Organisation 1982, die Batteriehaltung in der Schweiz abzuschaffen. Die 1972 gegründete Arbeitsgruppe war eine Pionierin im Nutztierschutz. Labels wie Bio Suisse entstanden erst später.

120 Landwirtschaftsbetriebe produzieren zertifizierte «KAGfreiland»-Produkte, vier Personen arbeiten auf der Geschäftsstelle in Aarau. Das Label steht unter anderem dafür ein, dass Tiere nicht enthornt werden, genügend Auslauf erhalten und artgerecht gefüttert werden. «KAGfreiland» setzt sich zudem für Projekte zur Förderung des Tierwohls ein, etwa «Lebwohl» für die Hof- und Weidetötung.

«KAGfreiland» ist nicht im Detailhandel präsent. Die zertifizierten Produkte sind in der Direktvermarktung oder auf Onlineplattformen wie farmy.ch erhältlich. (se)

Seit September ist der neue ehrenamtliche Präsident der fast 50-jährigen Nutztierschutzorganisation ein Luzerner Landwirt. Stefan Schürmann, 46, seit 2016 im Vorstand der «KAGfreiland», wuchs in Altwis auf und lebt heute dort mit seiner Familie.

Präsident Stefan Schürmann und seine Grauvieh-Herde, die nach «KAGfreiland»-Standards gehalten wird.

Präsident Stefan Schürmann und seine Grauvieh-Herde, die nach «KAGfreiland»-Standards gehalten wird.

Bilder: Nadia Schärli (Altwis, 11. Oktober 2021)

Schon von weitem sind auf der Hauptstrasse Schilder zu sehen, die auf seinen Hof und den kleinen Selbstbedienungsladen hinweisen. Zwei Schweine wühlen in der Wiese, auf einem farbigen Transparent am Bauernhaus steht «Peace», Frieden.

Strenge Vorschriften für «KAGfreiland»-Landwirte

Schürmann ist stolz darauf, dass «KAGfreiland» das strengste Nutztierschutzlabel der Schweiz ist. Doch sein Engagement geht weiter:

«Wir Menschen erlauben uns, Tiere zu züchten, einzusperren, zu mästen und zu schlachten. Wir sind es den Tieren schuldig, als Gesellschaft Verantwortung zu übernehmen. Die Nutztierhaltung muss weiterentwickelt werden.»

Es gelte, neuen Ansprüchen an Nachhaltigkeit und Tierwohl gleichermassen gerecht zu werden, sagt er. Die «KAGfreiland» stehe einer bäuerlichen und massvollen Nutztierhaltung aber grundsätzlich positiv gegenüber.

Der Bezug zum einzelnen Tier und sein Wohlbefinden liegen dem neuen «KAGfreiland»-Präsidenten am Herzen.

Der Bezug zum einzelnen Tier und sein Wohlbefinden liegen dem neuen «KAGfreiland»-Präsidenten am Herzen.

Seit 1989 zertifiziert

Schürmanns eigener Betrieb ist seit 1989 Bio Suisse und «KAGfreiland» zertifiziert. Seit Januar 2021 darf er seine Produkte auch mit dem Demeter-Label versehen. Auf dem Hof leben eine Grauvieh-Mutterkuhherde à 30 Tieren und 750 Legehennen. Die Produktion von Speisekürbis erfolgt in Zusammenarbeit mit dem Nachbarbetrieb. Zudem arbeitet Schürmann 60 Prozent als Bioberater beim Forschungsinstitut für biologischen Landbau in Frick.

Die Präsenz der kleinen Schafherde in der Nähe der Hühner halte den Fuchs fern, so Schürmann. Ausserdem haben er und seine Familie einfach Freude an den Tieren.

Die Präsenz der kleinen Schafherde in der Nähe der Hühner halte den Fuchs fern, so Schürmann. Ausserdem haben er und seine Familie einfach Freude an den Tieren.

Auf seinem Altwiser Hof läuft ein Projekt, das sinnbildlich ist für die Komplexität der Tierwohlbestrebungen. Eine gewöhnliche Legehenne wird nach einem Jahr in der Eierproduktion geschlachtet, bei Schürmann und einem weiteren Partnerbetrieb leben sie neu ein halbes Jahr länger in einem mobilen Stall. «Das hört sich nach sehr wenig an, wenn man bedenkt, dass ein Huhn bis zu zwölf Jahre alt werden kann. Doch ein halbes Jahr länger bedeutet rund 50 Prozent mehr Lebenszeit für eine Legehenne und eine Ressourceneinsparung, da weniger Küken grossgezogen werden müssen», sagt Schürmann. Entgegen den herkömmlichen Abläufen zu arbeiten, sei aber eine nicht zu unterschätzende Herausforderung, sagt er.

«KAGfreiland» sucht den Dialog

Dass nachhaltige, standortgerechte und tierfreundliche Landwirtschaft ein persönliches Anliegen des Demeter-Bauerns ist, wird im Gespräch deutlich. Trotzdem sagt er:

«Ich bin mir bewusst, dass Landwirtinnen und Landwirte vielen Ansprüchen gerecht werden müssen.»
Stefan Schürmann achtet bei seinen Rindern auf standortgerechtes, sprich lokales Futter.

Stefan Schürmann achtet bei seinen Rindern auf standortgerechtes, sprich lokales Futter.

Er sagt, die Stärke von «KAGfreiland» bestehe darin, dass die Organisation nicht einfach die Nutztierhaltung kritisiere oder gar abschaffen wolle, sondern aktiv mit Produzierenden und Konsumierenden kritische Themen aufarbeite. Die Gesellschaft solle sensibilisiert werden, denn:

«Etwas weniger tierische Produkte zu konsumieren, dafür solche aus tierfreundlicher Haltung, hilft nicht nur der Umwelt, sondern auch dem Tierwohl und dafür engagierten Bauern.»

Weniger Absatz bei Labelprodukten

Tierwohllabel stecken – anders als etwa Biolabels für Früchte oder Gemüse – allerdings in der Krise. Gemäss der Labelstatistik des Schweizer Tierschutzes ging der Anteil verkaufter Produkte mit Tierwohllabel 2021 weiter zurück oder stagnierte.

Auch «KAGfreiland» blies in den letzten Jahren ein rauer Wind entgegen. Wie viele Nutztierschutzorganisationen steht sie vor der Herausforderung, dass mit strengeren Richtlinien gleichzeitig die Zahl der Betriebe abnimmt. Schürmann will dieses Szenario verhindern:

«Unser Ziel ist nicht, dass es nur den wenigen Tieren auf ‹KAGfreiland›-Höfen gut geht. Wir wollen, dass möglichst viele Nutztiere artgerecht gehalten werden.»

Deshalb müsse sich die ganze Branche in Richtung Tierwohl bewegen, so Schürmann. Er begrüsst, wenn andere Labels die Standards von «KAGfreiland» übernehmen. «Wir führen kein Wettrennen um die höchsten Anforderungen oder den grössten Absatz. Denn uns geht es nicht primär um die Stärkung der eigenen Marke.» Er führt aus:

«‹KAGfreiland› will Pionierarbeit leisten und vorangehen, um die Haltungsbedingungen in der ganzen Branche zu verbessern.»
Auf «KAGfreiland»-Betrieben dürfen die Tiere nicht enthornt werden. Präsident Stefan Schürmann setzt sich dafür ein.

Auf «KAGfreiland»-Betrieben dürfen die Tiere nicht enthornt werden. Präsident Stefan Schürmann setzt sich dafür ein.

Hinweis: Mehr zu Stefan Schürmanns Betrieb und den unterschiedlichen Labels finden sich auf www.bio-feld.ch.

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