«Am Abend ist die Stadt ohnehin wie tot»: So schlagen sich Luzerner Restaurants und Take-aways in Zeiten von Corona

Take-away ist in Luzern unter der Woche nurmehr bis 18.30 Uhr möglich. FDP und SVP fordern eine Lockerung dieser Regelung. Nicht alle Gastronomen halten dies für nötig – sie konzentrieren sich auf den Mittag und auf die Hauslieferung.

Simon Mathis
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Das Restaurant Lapin liefert das Essen neu nach Hause: Mittags macht sich der Velokurier Mario Johannes Waser auf den Weg.

Das Restaurant Lapin liefert das Essen neu nach Hause: Mittags macht sich der Velokurier Mario Johannes Waser auf den Weg.

Bild: Nadia Schärli (Luzern, 23. März 2020)

Die Corona-Krise ist auch eine Gastro-Krise: Sie bringt Restaurants in finanzielle Bedrängnis. Viele Betriebe schliessen oder stellen auf Take-away und Hauslieferung um. Hier kommt ihnen unerwartet das restriktive Ladenschlussgesetz des Kantons in die Quere: Denn Take-aways haben sich seit Anfang vergangener Woche dem Ladenschluss unterzuordnen. Das bedeutet, sie dürfen deutlich weniger lange offen haben als üblich – unter der Woche bis 18.30 Uhr. Die Hauslieferung ist davon nicht betroffen.

Die Parteien FDP und SVP verlangen eine Lockerung dieser restriktiven Vorgaben – Take-away solle bis 22 Uhr möglich sein. Auch die Branchenverbände Gastro Luzern und Zentralschweiz Hotels stellen sich hinter diese Forderung. Fragt man bei einzelnen Gastronomen nach, ergibt sich allerdings ein differenzierteres Bild. Zwar kämpfen sie alle ums wirtschaftliche Überleben, aber nicht alle finden eine Lockerung nötig.

Neues Personal für Lieferdienst gefragt

Für Betriebe, die sich bereits im Bereich Take-away betätigen, führt die neue Weisung des Kantons zu ungewohnten Folgen: Da sie sich an den Ladenschluss halten müssen, können sie ihr Angebot plötzlich weniger lang betreiben als sonst. «Ich verstehe nicht, weshalb wir nun plötzlich dem Ladenschluss unterstehen sollten», sagt Marijana Turbic, Inhaberhin und Geschäftsführerin des Sushi-Restaurants Kaiten, das bereits vorher Take-away und Lieferdienst anbot. «Der Zweck dahinter erschliesst sich mir nicht.» Besonders an den Wochenenden, an denen das Geschäft besonders boome, spüre man die Auswirkungen – denn samstags ist Take-away nurmehr bis 16 Uhr möglich, sonntags gar nicht mehr erlaubt.

Der Ladenschluss habe bereits zu absurden Situationen geführt, berichtet Marijana Turbic: «Schon mehrmals standen abends bei uns Kunden vor der Tür. Sie baten mich, doch bitte eine Ausnahme zu machen. Wir mussten sie wegschicken und ihnen das Essen nach Hause liefern – obwohl die entsprechenden Leute teils nur zwei Häuser weiter weg wohnten.» Turbic spricht sich denn auch dafür aus, die Beschränkungen zu lockern:

«Nicht alle Betriebe brauchen finanzielle Unterstützung vom Staat. Die, die sich über Wasser halten können, sollten die Gelegenheit dazu erhalten.»

Das sei Unterstützung genug. Nachdem der erste Schock der neuen Situation verdaut war, habe sich Turbic darum bemüht, die neue Situation auch als Chance zu sehen. Ein Vorteil sei, dass das «Kaiten» schon jetzt Erfahrungen in Take-away und Heimlieferung habe. «Wir haben unser Liefergebiet von der Stadt Luzern ausgeweitet – auf Sursee und Zug.» Das Interesse sei gross: «Nächsten Sonntag machen wir auf Anfrage gar eine Liefertour durch Solothurn.» Pro Tag beliefert das «Kaiten» bis zu 30 Kunden. Man habe bereits neues Personal für den Lieferdienst eingestellt.

Ältere Kunden können teils nicht selber kochen

Weniger Probleme mit den derzeitigen Einschränkungen hat Ferdinand Zehnder, Gastgeber im Restaurant Lapin und CVP-Kantonsrat. «Wir beschränken uns derzeit auf den Mittagsservice. Selbst wenn wir länger als 18.30 Uhr Take-away anbieten könnten, würden wir es nicht machen. Denn das Bedürfnis dafür ist im Moment fast nicht vorhanden.» Andere Betriebe, welche auch auf Abend-Take-away setzen, würden von den Einschränkungen indes härter getroffen, so Zehnder.

Das Restaurant Lapin habe viele ältere Gäste, die froh seien, wenn man ihnen das Essen mittags warm nach Hause liefere. Denn: Einige der Kunden können gar nicht selbst kochen. Geliefert wird das Essen mit dem Auto oder per Velo. «Unsere Mitarbeiter klingeln und lassen das Essen am Eingang stehen oder deponieren es im Aufzug.»

Das «Lapin» liefert pro Tag etwa 20 bis 30 Menüs aus – Nachfrage steigend. «Wir verdienen kein Geld mit diesem Lieferdienst», so Zehnder. «Für unser Team ist es eine Möglichkeit, aktiv zu bleiben. Vor allem sehen wir es als Pflicht, unsere Gäste auch in dieser aussergewöhnlichen Zeit bestmöglich zu bedienen.»

Längere Öffnungszeiten senden «falsches Signal»

Das Restaurant Pastarazzi bietet schon seit jeher am Mittag Take-away an – zusätzlich zum Restaurantionsbetrieb mittags und abends. So sagt Inhaber Benito Omlin: 

«Wenn wir weiterhin wie normal offen hätten, was ohnehin illegal wäre, würden wir nur ein falsches Signal aussenden im Sinne von: Es geht alles seinen gewohnten Gang, geht nur nach draussen.»

In der jetzigen Situation gehe es um den gesunden Menschenverstand und ums wirtschaftliche Überleben, findet Omlin – aber nicht unbedingt darum, die Grenzen auszuloten und den Betrieb möglichst lange offen zu halten. «Wir waren sogar froh, dass die Anweisungen kamen – da wussten wir, woran wir sind», sagt Omlin. Der Umsatz des Restaurants mit integriertem Take-away sei zurzeit so oder so im Keller.

Zudem lohne es sich auch betriebswirtschaftlich nicht, länger offen zu halten. «Am Abend ist die Stadt ohnehin wie tot. Die Leute bleiben zuhause – und das ist gut so. Wir müssen sie nicht dazu ermuntern, das zu ändern.» Das Wichtigste sei, die Sicherheitsvorkehrungen konsequent einzuhalten. Omlin habe andere Bäckereinen und Take-aways gesehen, die die Situation nicht so ernst nähmen und den geforderten Abstand von zwei Metern nicht durchsetzen; er appelliert an alle Betriebe, die Vorgaben konsequent umzusetzen. «Pastarazzi» halte sich streng daran. Auch der Kundenfluss sei geregelt: Zum Vordereingang rein und zum Hintereingang wieder raus.

Betriebe haben sich bisher nicht beschwert

Die Regelung, dass Take-aways den Verkaufslokalen gleichzusetzen seien, gelte seit dem 16. März, sagt Erwin Rast, Mediensprecher des Justiz- und Sicherheitsdepartements. «Diese Handhabung steht im Einklang mit der Zielsetzung des Bundesrates, dass möglichst wenig Leute ihre Wohnung verlassen.» Somit wolle man mit dem Ladenschluss auch sicherstellen, dass sich nachts keine Personen mehr im öffentliche Raum bewegen, um ihre Einkäufe tätigen.

Die Beschränkungen hätten zwar einen kleinen Aufruhr in den sozialen Medien ausgelöst, sagt Rast. Aber: «Stand vergangene Woche haben sich bei uns keine betroffenen Betriebe beschwert.» Er betont, dass es um die Sicherheit gehe und nicht darum, Unternehmen Steine in den Weg zu legen. Wann und ob sich die Regelung ändern werde oder neue Einschränkungen hinzukommen, lasse sich zurzeit nicht beantworten; zu schnell ändere sich die Situation.

Der Bundesrat hält in seiner Verordnung nur fest, dass Imbiss-Buden geöffnet haben können, sofern sie die Sitzgelegenheiten für das Publikum sperren. Als Imbiss-Buden gelten laut Bund Betriebe, bei denen man das Essen nach vorgängiger Bestellung abholen kann. Auch Lieferdienste für Mahlzeiten seien weiterhin erlaubt.

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