Am Montag ist Sebastianstag: Im Kanton Luzern gibt es Feiertage, die kaum jemand kennt

Zahlreiche Feiertage gelten nur in einzelnen Gemeinden oder gar nur in einzelnen Ortsteilen. Die meisten stehen in Zusammenhang mit den jeweiligen Kirchenpatrone.

Susanne Balli
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Sagt Ihnen der Sebastianstag oder der Vinzenztag etwas? Wenn Sie in Eschenbach, Pfaffnau oder Roggliswil wohnen, können Sie diese Frage wohl mit Ja beantworten. Nach den vielen Feiertagen über Weihnachten und Neujahr steht für Eschenbach mit dem Sebastianstag bereits am 20. Januar wieder ein Feiertag im Kalender. Er fällt dieses Jahr auf einen Montag, die Verwaltung ist geschlossen, die Schulen sind zu, diverse Geschäfte geschlossen.

Auch wer in Pfaffnau und Roggliswil arbeitet, kommt bald wieder in den Genuss eines freien Tages. Am 22. Januar steht der Vinzenztag an. Auch hier sind Schulen und Verwaltungen zu.

Hochfeste für die Kirchenpatrone

Bei den beiden erwähnten Feiertagen handelt sich um sogenannte Patrozinien. Das sind kirchliche Feste, an welchen die Heiligen gefeiert werden, denen die jeweiligen Kirchen geweiht sind. Im Kanton Luzern gibt es zahlreiche Patrozinien, die als kommunale Feiertage gelten. Zwar führt das Bistum Basel auf seiner Website unter den Bistumsregionen alle Pfarreien inklusive des jeweiligen Patroziniums auf. Aus dieser Zusammenstellung ist aber nicht ersichtlich, ob es sich um einen kommunalen Feiertag oder nur noch um einen kirchlichen Gedenktag handelt. Recherchen unserer Zeitung haben ergeben, dass im Kanton Luzern über 20 kommunale Feiertage in mindestens 40 Gemeinden zu finden sind.

Die grösste Häufung kommunaler Feiertage im Kanton Luzern findet sich im Monat September. Am 1. des Monats feiert die Gemeinde Buttisholz den Verenatag. Heuer fällt dieser auf einen Dienstag, ergo haben die Kinder schulfrei.

Dasselbe gilt für den Justustag am 2. September in Weggis (wobei Weggis zudem noch den Josefstag am 19. März als kommunalen Feiertag führt). Am 12. September findet der Feiertag Maria Namen statt. Dieser fällt heuer auf einen Samstag. Wenn er auf einen Werktag fällt, dürfen sich einige Ruswiler Kinder freuen. Allerdings nur jene, die im Ortsteil Werthenstein in die Schule gehen. Die Kinder aus Ruswil müssen sich zehn weitere Tage gedulden und dürfen am 22. September, am Mauritiustag, zu Hause bleiben.

Kompliziert ist es in Beromünster

Das Kuriosum von kommunalen Feiertagen, die sich nur auf einzelne Teile einer Gemeinde beziehen, gibt es auch in der Gemeinde Beromünster. Zu erklären ist das durch die Fusion der ehemaligen Gemeinden Schwarzenbach, Gunzwil und Neudorf mit Beromünster in den Jahren 2004, 2009 und 2013. Dementsprechend haben die Schulkinder an unterschiedlichen Tagen frei. Der Ortsteil Schwarzenbach hat sogar zwei kommunale Feiertage – der Tag von St. Peter und Paul wird aufgeteilt auf den 17. Januar und den 29. Juni. Meistens fällt einer davon auf ein Wochenende. In diesem Schuljahr allerdings nicht, ergo gibt es in Schwarzenbach heuer zwei schulfreie Tage.

Neudorf feiert am 5. Februar den Agathatag (dies ist auch in Nottwil ein kommunaler Feiertag). In Beromünster und Gunzwil sind am Michaelstag am 29. September die Schulen geschlossen.

Gewisse Patrozinien strahlen über ihr jeweiliges Pfarreigebiet hinaus. Etwa der Martinstag am 11. November, an dem in Sursee die traditionelle Gansabhauet stattfindet. Auch der Josefstag – geläufiger als Seppitag – am 19. März ist einer der bekannteren Feiertage. So zum Beispiel in Doppleschwand, Entlebuch, Escholzmatt-Marbach, Flühli, Meierskappel, Romoos, Schüpfheim und Weggis.

Der Leodegarstag am 2. Oktober als Feiertag der Stadt Luzern dürfte ebenfalls vielen ein Begriff sein – spätestens, wenn man vor verschlossenen Ladentüren steht oder die Kinderkrippen zu sind, obwohl viele Eltern an diesem Tag arbeiten müssen.

Fürsprecher des Himmels und Beschützer der Pfarreien

Was hat es auf sich mit diesen vielen lokalen Feiertagen, die kaum einer kennt? Woher kommen sie? Warum gibt es im Kanton Luzern so viele und warum halten sie sich noch immer?

Markus Ries, Professor für Kirchengeschichte an der Universität Luzern, sagt: «Jede Kirche hat einen Heiligen. Die Knochen der Heiligen wurden häufig als Reliquien auf zahlreiche Kirchen aufgeteilt.» Diese Kirchenpatrone galten als Fürsprecher des Himmels und Beschützer der Pfarreien. Dass im Kanton Luzern viele Patrozinien auch kommunale Feiertage sind, ist laut Ries auf die ursprünglich stark bäuerlich geprägte und katholische Gesellschaft zurückzuführen. Ries erklärt:

«In der Vormoderne gab es zwar keine Ferien, hingegen viele Feiertage, die an ihrer Zahl stark zunahmen. Sie waren für die Bauern die einzige Gelegenheit, sich zu erholen.»

Ries geht in seiner Deutung noch weiter. Er sieht einen grossen strukturellen Unterschied zwischen den katholischen und reformierten Gebieten. «Nehmen wir das Entlebuch und das Emmental. Es liegen in beiden Gegenden sehr ähnliche Produktionsbedingungen vor. Dennoch gibt es in Bezug auf den wirtschaftlichen Reichtum grosse Unterschiede», so Ries. Während das katholische Entlebuch früher als Armenhaus des Kantons Luzern galt, erwirtschafteten die Landwirte im bernischen Emmental viel Wohlstand, der sich in den stattlichen Bauernhäusern mit Dachdreieck an der Stirn des Hauses und gut sichtbarem Rundbogen zeigte. Die Entlebucher Bauernhäuser hingegen sind viel kleiner und bescheidener gebaut.

Einen Grund dafür sieht Ries im konfessionell bedingten Unterschied der Bevölkerung, der auch die Wirtschaft stark beeinflusste. Stark vereinfacht gesagt: «In katholischen Gebieten hatte man viele Feiertage und dadurch auch viel Müssiggang.» Zwar habe die Obrigkeit im 18. Jahrhundert versucht, die Feiertage zu kürzen. Dagegen wehrte sich die Bevölkerung aber vehement. «Sie sagten sich, dass sie ja damit gleich reformiert werden können. Was natürlich auf keinen Fall in Frage kam.»

Gefährdete Feiertage

Innerhalb des Kulturkampfes – der Auseinandersetzung zwischen Liberalen und Konservativen im 19. Jahrhundert – sei dann die Polarisierung Stadt-Land hinzugekommen. Auf dem Land im Dorf habe man sich fromm und noch richtig katholisch gefühlt. «Es ging dabei stark um die Frage nach der eigenen Identität. Und darum behielt man den heiligen Sebastian, Vinzenz oder Pankratius – auch wenn man mit der Zeit nicht mehr wusste, wer diese eigentlich sind.»

Laut Ries sind die kommunalen Feiertage gefährdet. «Viele Menschen im Kanton Luzern verstehen Wert und Sinn dieser Feiertage nicht mehr. Jene, die sie engagiert feiern, bilden heute eine Minderheit.»

Hinweis: Hier werden nur einige Beispiele aufgeführt. Kennen Sie weitere kommunale Feiertage? Teilen Sie uns diese per Mail unter kanton@luzernerzeitung.ch mit.

Ruhetag mit Ausnahmen

Neben dem Kanton Luzern gibt es auch in den Kantonen Schwyz und Solothurn zahlreiche Feiertage, die nur in einzelnen Gemeinden gefeiert werden. Die rechtliche Seite der kommunalen Feiertage ist im Kanton Luzern über das Ruhetags- und Ladenschlussgesetz geregelt. Die Ruhetage gelten zum Beispiel für Schulen, Gemeindeverwaltungen, Baustellen und weitere Unternehmungen. Auf Geschäfte wie zum Beispiel Bäckereien, Molkereien, Blumengeschäfte oder Apotheken haben sie keine Anwendung. Unter Paragraf 1s Absatz c heisst es: «Öffentliche Ruhetage sind der Josefstag und der Tag des in den Kirchgemeinden bezeichneten Patroziniumsfestes, wenn sie von den Einwohnergemeinden zu öffentlichen Ruhetagen erklärt werden.»