Am Spitteler-Quai in Luzern kann man lustvoll Spitteler-Texte hören

Auf der Wiese beim Carl-Spitteler-Quai stehen neu einige Hörkabinen. Passanten können darin Texten des Schweizer Literaturnobelträgers lauschen. Es ist eine spezielle Aktion zum Carl-Spitteler-Jubiläumsjahr.

Hugo Bischof
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Eine der Hörkabinen am Carl-Spitteler-Quai. (Bild: Pius Amrein, 7. September 2019)

Eine der Hörkabinen am Carl-Spitteler-Quai. (Bild: Pius Amrein, 7. September 2019)

Ein paar Kabinen auf der Wiese beim Carl-Spitteler-Quai sind die neuste Attraktion in Luzern. Wer will, kann sich hineinsetzen, einen Kopfhörer aufsetzen und hört dann Passagen aus dem Werk «Olympischer Frühling» von Carl Spitteler (1845-1924). Man kann 5 Minuten bleiben oder länger, je nach Gefallen. Viele nutzen die Gelegenheit, Touristen und Einheimische. Einige gehen rasch weiter, andere lassen sich vom Gehörten fesseln. Ein demokratischer Hör-Ort sozusagen.

Spitteler am Spitteler-Quai, das ergibt Sinn. Der Schriftsteller wohnte während der letzten 32 Jahre seines Lebens in Luzern. Vor hundert Jahren erhielt er als bisher einziger Schweizer den Literaturnobelpreis – ein Jubiläum, das jetzt in Luzern und anderswo in der Schweiz gefeiert wird.

Fortsetzungsgeschichte unter freiem Himmel

Über Spitteler wissen die Luzerner inzwischen einiges: Wo er wohnte, wo er einkaufen ging, wo er badete – und dass er sich als erster im neu eröffneten Krematorium Luzern kremieren liess. Seine Texte sind für die meisten aber Terra Incognita. Ausser für Eingeweihte und die Spitteler-Stiftung, die im Jubiläumsjahr eine Fülle von Veranstaltungen initiierte. Darunter die Höraktion am Quai.

Die Verse aus dem «Olympischen Frühling» sind am Spitteler-Quai nicht nur ab Tonband zu hören. Der Schauspieler Walter Sigi Arnold liest sie allabendlich ab 19.30 Uhr unter freiem Himmel als Fortsetzungs-Geschichte vor. Man kann jeden Abend besuchen, oder auch nur einen einzelnen. Bei Schlechtwetter wird die Lesung ins nahe gelegene Hotel Beau Séjour verlegt, mit Blick auf die Liegenschaft an der Gesegnetmattstrasse 12, wo Spitteler einst wohnte.

«Fantasy-Geschichte in 33 Episoden»

Walter Sigi Arnolds Lesungen sind ein Genuss. Er liest aus dem gewaltigen Werk gewandt, lustvoll, mit dem nötigen Schalk. Als «Fantasy Geschichte in 33 Episoden» wird die Lesung angekündigt. Wir waren am Donnerstagabend dabei, am Schlechtwetter-Standort Beau Séjour – ohne zuvor je eine Zeile aus dem «Olympischen Frühling» gelesen zu haben. Auf Anhieb alles zu verstehen, was da erzählt wird, ist unmöglich. Es wimmelt von Göttern, ihren Vorlieben, Ängsten und Ticks. Es ist viel beissender Spott und Satire dabei. Gesellschaft und Politik werden aufgemischt. Vieles gilt auch für heute.

Es geht nicht lange, und man wird mitgerissen vom rhythmischen Fluss der Sprache – mal aufbrausend, mal ruhig. Und dann gibt’s Passagen von fantastischer Komik. Etwa diese:

«Aus finstern Wetterstürmen fegte Blitz und Blitz, / Der Hagel pfiff, die Erde schwankt auf ihrem Sitz, / Ein blutig Meteor durchflog die Atmosphäre, / Und: ‹Fluch und Tod dem Frevler!› brüllten Flammenmeere. / Doch spöttisch lacht Aktaion: ‹Eitel Wind und Wunder! / Was kümmert einen Jäger solcher Klimaplunder?›»

Was für ein Satzgebilde voll Witz und Weisheit! Erstaunlich aktuell angesichts der heutigen Klimadebatte. Walter Sigi Arnold hat 2009 schon Kurt Steinmanns «Odyssee»-Übersetzung vorgelesen. Er weiss, wo er Akzente oder kurze Pausen setzen muss, etwa bei humoristischen Versen:

«Behagen stöhnt aus selbstzufriedenem Herzensgrunde / Und sägend röchelte der Schnarch ihm aus dem Munde.»

Oder bei Lebensweisheiten:

«Besser auseinanderfliehn in Einigkeit / Als immerdar beisammen sein mit Zank und Streit.»

Die Lesereihe findet nächsten Samstag um 19.30 Uhr ihren Abschluss mit einem Gastauftritt des Rappers Urs Baur (alias Black Tiger). «Spittelers Texte eignen sich gut zum Rappen», meinte ein Besucher der Lesung am Donnerstagabend. Warum eigentlich nicht?

Olympischer Frühling von Carl Spitteler, Fortsetzungs-Lesung mit Walter Sigi Arnold am Carl-Spitteler-Quai Luzern. Täglich 19.30 Uhr bis Samstag, 14. September. Infos zu allen Jubiläumsveranstaltungen: www.spitteler.ch