AMBULANT VOR STATIONÄR: Ambulant vor stationär: Neue Kritik an Luzerner Operationsliste

Curafutura behauptet, die Einsparungen durch die Operationsliste fänden auf dem Buckel der Versicherten statt. Zuerst brauche es eine einheitliche Finanzierung der Spitalbehandlungen. Der Kanton verteidigt derweil sein Vorgehen.

Balz Bruder
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Der Spitalrat hat bereits im Herbst 2016 entschieden, dass das Spital die Änderungen des Kantons nicht übernehmen wird. Auf dem Bild: Blick in den Operationssaal. (Bild: Corinne Glanzmann (Wolhusen, 27. April 2017))

Der Spitalrat hat bereits im Herbst 2016 entschieden, dass das Spital die Änderungen des Kantons nicht übernehmen wird. Auf dem Bild: Blick in den Operationssaal. (Bild: Corinne Glanzmann (Wolhusen, 27. April 2017))

Balz Bruder

balz.bruder@luzernerzeitung.ch

Das jedenfalls macht dem Luzerner Gesundheitsdirektor niemand streitig: Dass sein Kanton der erste ist, der ambulante vor stationären Spitalbehandlungen konsequent durchsetzt. Seit Anfang Juli ist eine Liste mit 13 Operationen in Kraft, bei denen der Patient am gleichen Tag ins Spital ein- und aus diesem wieder austritt. Umgekehrt formuliert: Die Eingriffe werden nur noch bei entsprechender medizinischer Indikation stationär durchgeführt.

Das ist für die Patienten in der Regel gut – und spart dem Kanton Kosten. Grund: Bei den ambu­lanten Behandlungen stehen ­die Krankenversicherer in der Pflicht, derweil sich der Kanton bei den stationären Eingriffen mit mindestens 55 Prozent zu beteiligen hat. Kein Wunder, weibeln die Versicherer für die einheitliche Finanzierung – der Mechnismus soll für ambulante und stationäre Behandlungen der gleiche sein.

Wenig überraschend deshalb auch: Den Krankenversicherern ist es ein Dorn im Auge, dass die Kantone dem Prinzip ambulant vor stationär mit Operationslisten Nachachtung verschaffen – vor der Einführung der einheitlichen Finanzierung. Neben Luzern ist auch Zürich dran, und in Bundesbern wird an einer eidgenössischen Lösung gearbeitet. Die Befürchtung der Versicherer ist klar: Da wird auf ihrem Buckel respektive jenem der Prämienzahler «gespart». Und die Kantone halten sich einstweilen schadlos.

Curafutura, der vom Luzerner Pius Zängerle geführte Verband von CSS, Helsana, Sanitas und KPT, lässt es dabei nicht bei allgemeinen Vorwürfen bewenden, sondern tischt in der gestrigen «Sonntagsblick»-Ausgabe Zahlen auf. Gemäss Berechnungen von ­Curafutura ist für die Krankenversicherer – und damit für die Prämienzahler – in 9 von 13 aufgelisteten Fällen eine stationäre Behandlung mit einer Übernachtung günstiger als die entsprechende ambulante Behandlung. Das führe zu «teilweise massiven Mehrkosten für die obligatorische Krankenpflegeversicherung (OKP)», die letztlich auf die Prämienzahler zurückfielen. Das ist die erste Erkenntnis.

«Undurchsichtig, komplex und zweifelhaft»

Die zweite: Würden die Listen, die in Luzern und Zürich zur Anwendung kommen, landesweit eingeführt, würde für die OKP eine jährliche Mehrbelastung von «mindestens 45 Millionen Franken» resultieren. Vor allem bei den ambulanten kardiologischen und gefässchirurgischen Untersuchungen und Behandlungen sehen die Krankenversicherer rot. Hinzu kämen Mehrkosten durch ärztliche Nachkontrollen, weil die ambulante Versorgung ausschliesslich über Prämien finanziert wird. Zudem schlage der administrative Aufwand bei den Kostengutsprachen der Kantone ebenfalls negativ zu Buche, moniert Curafutura. Alles in allem lässt der Krankenkassenverband kein gutes Haar an den isoliert eingeführten Operationslisten: «Undurchsichtig und komplex» seien sie – «zudem gibt es Zweifel an den Berechnungen». Eine Kritik, die sich an Luzern und Zürich ebenso wie an die Gesundheitsdirektorenkonferenz richtet: Deren Präsident, der Zürcher Gesundheitsdirektor Thomas Heiniger, verteidigte die Listen bisher unter anderem damit, dass auch die Prämienzahler unter dem Strich günstiger führen.

«Ambulant vor stationär ist volkswirtschaftlich klug»

Eine Argumentation, die sein Luzerner Pendant Guido Graf teilt: Für die Spitäler lukrative stationäre Eingriffe seien im Durchschnitt 2,3 Mal teurer als ambulante, sagt er. «Mit unserer Massnahme werden deshalb nicht nur Fehlanreize korrigiert, sondern vor allem auch Gesundheitskosten gesenkt.» Das sei «volkswirtschaftlich klug». Zudem finde – trotz Mehrkosten in bestimmten Fällen – keine Kostenverlagerung auf die OKP statt: «Für den Versicherer ist es gleich teuer, wenn er 100 Prozent der ambulanten Kosten oder 45 Prozent der stationären Kosten tragen muss», rechnete Graf vor der Einführung der Luzerner Liste vor.

Mehrkosten (und Entlastungen) bei ambulanten Eingriffen für Krankenkassen (Kanton Luzern)

 

Quelle: Curafutura